Ein Besatzungsregime ist auf Kooperation im besetzten Land selbst angewiesen. Doch auch die Bevölkerung eines okkupierten Landes kann nicht in totalem Widerstand verharren. Diese Binsenweisheit galt auch für die deutsche Besetzung Osteuropas im Zweiten Weltkrieg. Doch bedeutete die Kooperation mit dem nationalsozialistischen Deutschland die Zusammenarbeit mit einem Regime, das in mörderischer Konsequenz die Ermordung von Millionen Menschen plante und umsetzte. Die sieben Autoren und Autorinnen des Ausatzbandes mit dem Titel “Kooperation und Verbrechen. Formen der “Kollaboration” im östlichen Europa 1939 – 1945” fragen allesamt nach “Handlungslogiken der einheimischen Führungsgruppen und Teilen der nichtjüdischen Bevölkerung” in ihrer Interaktion mit den Besatzern oder dem übermächtigen Verbündeten Deutschland. Es zeigt sich, daß nur schwer zwischen überlebensnotwendiger Kooperation und verwerflicher politischer Kollaboration getrennt werden kann. Die Herausgeber/innen Christoph Dieckmann, Babette Quinkert und Ttajana Tönsmeyer ziehen deshalb den heuristischen Wert des Begriffs “Kollaboration” in Zweifel und schlagen vor, ihn durch den neutralen Begriff “Kooperation” zu ersetzen. Die Autoren untersuchen die Zusammenarbeit der Zentralbehörden und politischen Eliten, der Lokalbehörden und Fachverwaltungen und die Kooperation “gewöhnlicher Menschen” mit den Deutschen. Ein Leitthema ist der Umgang mit den Juden. Alle Autoren fragen danach, inwieweit judenfeindliche Maßnahmen aus eigenem Antrieb – möglicherweise sogar schon vor dem Krieg – umgesetzt wurden, inwieweit Ghettoisierung, Ermordung und Deportation in die Vernichtungslager vorauseilendem Gehorsam entsprangen und inwieweit sie durch deutschen Druck erzwungen wurden. Tatjana Tönsmeyer verweist auf Handlungsspielräume der slowakischen Regierung. Mariana Hausleitner untersucht die ethnokratischen Vorstellungen der rumänischen Staatsführung, die ideologisch Deportation und Ermordung von Juden und Roma vorbereiteten. Tim Cole zeigt am Beispiel Ungarns und Katrin Reichelt am Beispiel Lettlands, wie sich endogener Antisemitismus mit Profitgier verband. Klaus-Peter Friedrich weist darauf hin, daß im besetzten Polen die Ermordung der Juden im Ergebnis nationalistischen Politikern entgegen kam, die aus Polen einen ethnisch homogenen Nationalstaat machen wollten. Frank Golczewski demonstriert, wie die Verfolgung partiell paralleler Interessen die ukrainischen Nationalisten immer stärker in deutsche Verbrechen verwickelte. In Tanja Penters Artikel über den Donbass (das Donez-Steinkohlebecken in der Ostukraine) wird deutlich, daß nicht überall nationale Kategorien dominierten. Erfreulicherweise halten sich alle Autoren an die eingangs genannte Fragestellung, so daß ein instruktiver Vergleich der Kooperation mit Nazi-Deutschland und des Umgangs damit nach dem Krieg möglich wird. Die materialreichen Artikel basieren auf eigenen Forschungen der Autoren und repräsentieren den aktuellen Forschungsstand.
Rezension: Mick, Christoph





