Nur wenige Europäer hatten bis dahin Korea betreten. Jahrhundertelang hatte es isoliert im Schatten seiner großen Nachbarn China und Japan gestanden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als das „Land der Morgenröte“ zum Spielball der regionalen Großmächte China, Japan und Rußland wurde, kam es zu einem zaghaften Öffnungsprozeß. 1896 gestand China Rußland den Bau einer Ostchinesischen Eisenbahn als Teil der künftigen Transsibirischen Eisenbahn zu – die Expedition Garin-Michailowskis war Teil dieser russischen Kolonialpolitik.
Eine zentrale Rolle für die Reise spielte Koreas höchster Berg Pektusan (2744 Meter). Auf dem Gipfel seines Vulkankegels befindet sich ein Kratersee, aus dem die drei Hauptflüsse der Region entspringen. Das Projekt, diese als Verbindungswege zwischen Sibirien und der Mandschurei zu nutzen, zerschlug sich jedoch. Der Ertrag der Reise beschränkte sich daher auf die neuen Kenntnisse über Koreas Geographie und Kultur. Garin-Michailowskis Aufzeichnungen bieten Einblicke in die dörfliche und städtische Lebensweise sowie in die Gedankenwelt der koreanischen Bauern, Adligen und Lokalbeamten.
Das Verhältnis des Autors zur chinesischen Kultur ist widersprüchlich: Einerseits bewundert er die guten Verkehrswege sowie kommerzielles Geschick, Fleiß und Reichtum der Chinesen; andererseits kritisiert er die korrupte Bürokratie, die Verschwendung von Arbeitskraft, Rückständigkeit und mangelnde Hygiene. Hingegen erscheint ihm Japan als Sinnbild der Europäisierung und Liberalisierung einer asiatischen Gesellschaft.
Nebenbei sammelte Garin-Michailowski auch koreanische Märchen und Legenden; 17 der über 60 Geschichten haben die Herausgeber Peter Born und Bodo Thöns im Anhang in zu kleiner Schrift veröffentlicht. Der Leser hätte sich zudem eine Einführung in dieses Genre der koreanischen Literatur gewünscht. Dem Vorwort, der editorischen Notiz und den Anmerkungen gelingt es überhaupt kaum, den Text in seinem zeitgenössischen Kontext zu verorten – denn Korea ist selbst für den heutigen Leser noch eine fremde Welt. Ohne wissenschaftlichen Kommentar wird ein Reisebericht so zum Abenteuerroman.
Rezension: Dabringhaus, Sabine





