Zwar gab es auch im Krimkrieg Beispiele sinnlosen Heldentums wie etwa den ungemein verlustreichen und zugleich vergeblichen Angriff der leichten britischen Kavallerie Brigade auf die russischen Geschützstellungen in der Schlacht von Balaklawa am 25. Oktober 1854, doch der Kampf, bei dem die Engländer die größten Verluste erlitten, fand im Lazarett statt. In der Schlacht von Inkerman (November 1854) fielen 635 britische Soldaten, im Lauf des Januar und Februar 1855 stieg die Zahl der Kranken und Verwundeten im Lazarett von Skutari bei Konstantinopel auf fast 14000 – und hier starben die Männer wie die Fliegen. Das britische Heer wurde weniger durch Verluste der kämpfenden Truppe als durch Krankheit dezimiert.Unzureichend auf den strengen Winter an der Schwarzmeerküste vorbereitet, hungerten und froren die Soldaten in ihren Stellungen vor Sewastopol, erkrankten, erreichten mit Mühe und Not das völlig überfüllte Lazarett und starben dort vor allem infolge unbeschreiblicher sanitärer Mißstände. Als der Krieg zu Ende war, stellte sich heraus, daß die Sterblichkeitsquote eines jeden Regiments von der Zahl jener abhing, die es nach Skutari geschickt hatte.
Doch seit dem 4. November 1854 war diese nun als Lazarett dienende ehemalige osmanische Kaserne die Wirkungsstätte von Florence Nightingale, der „Lady with the Lamp“. Nicht nur am Tag, sondern auch abends und selbst nachts war die zart gebaute Frau hier anzutreffen, oft auf den Knien frisch Operierte verbindend, Fiebernden Zuversicht einflößend, Sterbenden Trost spendend. Die Verwundeten und Kranken verehrten sie. „Welch ein Trost war es, sie auch nur vorbeigehen zu sehen!“ schrieb ein Soldat, „den einen sprach sie an, vielen andren nickte sie zu oder lächelte nur… Wir lagen dort zu Hunderten, und wir pflegten ihren Schatten zu küssen, wenn er vorüberstrich, und dann legten wir unseren Kopf zufrieden wieder aufs Kissen.“ Doch dieses gütige, bis zur Selbstaufopferung hilfsbereite, zarte Wesen war zugleich eine ambitionierte, entschlossene und durchaus kämpferische Person. Es hatte langer und streckenweise heftiger Kämpfe bedurft, damit sie diese historische Mission überhaupt antreten konnte.
Florence Nightingale war 1820 als zweite Tochter eines zur britischen Oberschicht gehörenden Elternpaars geboren worden, und damit war an und für sich ihr weiterer Lebensweg bereits vorgezeichnet: im Rahmen der adlig/bürgerlichen Elite als Ehefrau und Mutter die Rolle einer Dame der Gesellschaft auszufüllen oder aber, sollte sie unverehelicht bleiben, als alte Jungfer sich ganz in den Dienst der Familie zu stellen. Bereits frühzeitig weigerte sich das junge Mädchen jedoch, solch einen Lebensplan zu akzeptieren. Es drängte sie, die von der viktorianischen Konvention abgesteckten engen Grenzen der weiblichen Sphäre zu durchbrechen – zum Entsetzen der eigenen Familie, besonders der Mutter und der älteren Schwester. Bei ihnen stieß die junge Frau auf ebenso entschlossenen wie hinhaltenden Widerstand, als sie, wie sie später bekannte, mit ihrem 24. Lebensjahr begann, unbeirrbar und hartnäckig das Ziel zu verfolgen, jenseits bloßer häuslicher und gesellschaftlicher Pflichten eine ihrer „moralischen und tätigen Natur“ entsprechende Aufgabe zu bewältigen…





