Passend zur 200. Wiederkehr des Geburtstags von Florence Nightingale im Mai 2020 – dem Internationalen Tag der Pflege –, wurde von der Jenaer Historikerin Hedwig Herold-Schmidt eine neue Biographie vorgelegt. Während in älteren Darstellungen oftmals Nightingales unzweifelhaft wichtige Zeit im Militärlazarett in Scutari während des Krim-Kriegs hervorgehoben wurde und sie dadurch untrennbar mit der Entwicklung der modernen Krankenpflege in Verbindung gebracht wird, zeichnet Hedwig Herold-Schmidt ein komplexeres und ausgewogeneres Bild und geht auch auf die anderen Leistungen Nightingales ein.
So interessierte diese sich etwa für einen gesundheitsförderlichen Krankenhausbau oder versuchte, das Gesundheitswesen in Indien zu verbessern. Man wird ihr daher eher gerecht, wenn man sie als Sozialreformerin betrachtet, die auf vielfältigen Wegen und mit Hilfe wissenschaft‧licher Grundlagen das Leben von Armen und Kranken verbessern wollte.
Darüber hinaus gelingt es der Autorin außerordentlich gut, Florence Nightingale als „Kind ihrer Zeit“ zu beschreiben, indem sie sich mit deren Haltung zu Fragen der Religion oder auch Emanzipation auseinandersetzt. Sie war zum Beispiel keine radikale Feministin, die sich bei jeder Gelegenheit für die Rechte der Frauen einsetzte, doch allein ihr Auftreten in der Öffentlichkeit und ihre Einstellung zur Arbeit zeigten deutlich, dass sie die viktorianische Häuslichkeitsideologie nicht gerade wertschätzte. Dadurch wurde sie für viele Frauen zu einem Vorbild.
Nightingale war tiefgläubig und berichtete auch von Erweckungserlebnissen. Sie war aber auch überzeugt, dass jeder Mensch unabhängig von konfessionellen Riten und kirchlichen Doktrinen eine Verbindung zu Gott aufbauen könne.
Herold-Schmidt bietet zwar kaum neue Informationen über das Leben der britischen Pflege-Ikone, doch schafft sie es, das Handeln Nightingales nachvollziehbar zu machen, deren Leistungen historisch reflektiert in die damalige Zeit einzuordnen und die bestehende Forschung, die zwischen Anbetung und Verteufelung schwankt, ausgewogen zu beurteilen. Hedwig Herold-Schmidts Biographie dürfte damit zum Standardwerk in der Pflegegeschichte werden.
Die Aufmachung des Buchs und der angenehm zu lesende Schreibstil machen das Buch zudem zu einer empfehlenswerten Lektüre für alle historisch inter‧essierten Leser und Leserinnen, die mehr über das Leben der „Lady with the lamp“ erfahren wollen.
Rezension: Dr. Pierre Pfütsch





