Menschen einer bestimmten Epoche und Kultur reagieren auf ein und dieselbe Krankheitsdiagnose höchst unterschiedlich: Die Reaktionen reichen vom Nicht-Wissen-Wollen und Verdrängen über ein ergebenes Annehmen bis zur entschlossenen Kampfansage. Trifft dies für individuelle Erkrankungen zu, so stellt sich die Frage, ob es hinsichtlich von Massenerkrankungen auch gleichförmige Reaktionen größerer Gruppen oder ganzer Gesellschaften gibt. Diese Frage ist zu bejahen: Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen im Umgang mit Bedrohungen wie AIDS, „SARS“, „Vogelgrippe“ oder „Schweinegrippe“ stereotype öffentliche Wahrnehmungs- und Reaktionsmuster, die zwischen Massenhysterie und pragmatischer Bewältigung schwanken. Vom naturwissenschaftlich-medizinischen Standpunkt aus betrachtet, handelt es sich um je eigene Krankheitseinheiten, die durch ihren jeweiligen Erreger definiert sind. Soweit es sich um Viruserkrankungen handelt, wie bei den erwähnten Beispielen, ist die Identifikation der Erreger erst in den letzten Jahren erfolgt. Allgemein ist die Mikrobiologie als Wissenschaft von den lebenden Kleinstlebewesen, die im Menschen ansteckende Krankheiten erzeugen können, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt worden. Namen von Bakteriologen wie Robert Koch (1843–1910) und Louis Pasteur (1822–1895) stehen symbolisch für den Fortschritt der Medizin und die an ihn geknüpften Erwartungen und Hoffnungen.
Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Seuchen in allen historischen Epochen auftraten und charakteristische Reaktionen bewirkten. Entsprechend dem grundsätzlich anderen Krankheitsverständnis der Vormoderne begegnen auch andere Bewältigungsstrategien. Das Seuchenkonzept der vormodernen Medizin lässt sich seit der Antike mit dem Begriff „Miasma-Theorie“ umschreiben: Unter dem Einfluss eines heißen Klimas entstünden aus organischem Material faulige Dämpfe, die aus „Unreinheiten“ (griechisch miasmata) in die Luft stiegen und die Atemluft vergifteten. In den Körper gelangt, lösten sie „Fäulnis“ (griechisch sepsis) aus, was sich als fieberhafte Pesterkrankung äußere. Gegen diese Miasmata half am besten Luftveränderung, das heißt Ausweichen an einen anderen Ort; als nützlich galten weiterhin Räucherung und Feuer, ferner die Einnahme als prophylaktisch angesehener Pharmaka.
Neben dieser gelehrten Anschauung behauptete sich die Laienbeobachtung, dass Seuchen ansteckend waren, ein in der Vormoderne zwar schwierig konzeptuell fassbares, aber für die sozialen Reaktionen auf Seuchen wichtiges Phänomen. Außerordentlich verbreitet war schließlich auch die Anschauung, dass Seuchen als himmlische Strafen für Frevel, gelegentlich auch als Prüfung verhängt würden; dieses Erklärungsmuster durchzieht die ägyptische, altorientalische, israelitisch-alttestamentliche Literatur ebenso wie die griechische und römische Antike. Im Christentum und im Islam ist es ebenfalls, teils bis heute, evident. Entsprechend dieser metaphysischen Erklärung bildeten Bußübungen und religiöse Riten stets einen festen Bestand-teil der vormodernen Seuchenabwehr. In der Reaktion vormoderner Gemeinwesen auf Seuchen sind stets Verhaltensweisen erkennbar, die sich mit den heutigen vergleichen lassen: kollektive Angstreaktionen, Panik, Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung. Man kann hier von anthropologischen Konstanten sprechen: Die gesellschaftlichen Folgen einer Pest, hier im all‧gemeinsten Sinne von Seuche verstanden, ähneln einander, unabhängig vom Erklärungshorizont der zeitgenössischen Medizin.





