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Krieger, Siedler, Herrscher
Gekommen, um zu bleiben: Nach Jahrzehnten der Wikinger-Überfälle ließen sich Skandinavier auf den Britischen Inseln dauerhaft nieder. Sie eroberten Land, gründeten eigene Reiche und wurden zu einem wichtigen Faktor bei der Entstehung Englands.
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Die Heiden sind noch immer in Dublin!“ – Fast hört man noch das sorgenvolle Seufzen des Schreibers der „Annalen von Ulster“, als er im Jahr 841 notierte, dass die Wikinger im Vorjahr eine Hafenfestung angelegt und erstmals den Winter auf irischem Boden verbracht hatten. Und sehr ähnlich erging es sicherlich dem Mönch in England, der 851 in der „Angelsächsischen Chronik“ vermerkte: „Und zum ersten Mal blieben die Heiden den Winter über.“ Die Wikinger hatten ein Winterlager auf der Insel Thanet (heute Teil des Festlands) in Kent errichtet.
Nach etlichen Jahren der saisonalen Raubzüge, die den Opfern wenigstens im Winter eine Ruhepause ermöglichten, blieben die Nordleute nun dauerhaft in Britannien. Dies änderte die Lage grundlegend: Statt kurzer und begrenzter Überfälle meist zahlenmäßig kleiner Schiffsbesatzungen waren es nun auch große Heerhaufen berittener Krieger, die tief im Hinterland zuschlagen konnten. Es kamen Fürsten und Könige, welche die Herrschaft über das Land an sich rissen, und Siedler, die es bestellten und bebauten. Damit wurden die Skandinavier zu einer neuen Bevölkerungsgruppe und zu einem wichtigen Faktor im politischen und sozialen Gefüge der Britischen Inseln.
Skandinavier im keltischen Britannien: Inselreiche und ein „Wikingermeer“
Verlässliche schriftliche Nachrichten zur frühesten Ansiedlung von Skandinaviern auf den Britischen Inseln existieren nicht, aber es gilt als sicher, dass Wikinger bereits während des späten 8. Jahrhunderts auf die Shetland- und die Orkney-Inseln gelangten, um von dort aus Raubzüge gegen ihre norwegische Heimat und das schottische Festland zu unternehmen. Wenig später erreichten sie auch die Inseln der Äußeren und Inneren Hebriden.
Zahlreiche nordische Ortsnamen sowie archäologische Funde belegen die Anwesenheit der Skandinavier deutlich, wie zum Beispiel die Siedlungsplätze in Sumburgh auf Shetland und an der Bucht von Birsay auf Orkney oder das reich ausgestattete Grab von Kiloran Bay auf der Hebrideninsel Colonsay.
Einige frühe Gräber, vor wenigen Jahren in Dublin entdeckt, könnten anzeigen, dass Wikinger dort noch früher sesshaft wurden als im Winter 840/41, als die Chroniken von den Schiffsbasen (genannt longphuirt) der Wikinger berichten – auch etwa in Limerick, Waterford oder am Lough Neagh. Dublin wurde zum Zentrum eines skandinavischen Königreichs, und Ausgrabungen belegen, dass es sich zu einer wichtigen Handelsstadt entwickelte, in der mit exotischen Waren, aber auch mit Sklaven gehandelt wurde.
Die Wikinger scheinen in Irland nicht versucht zu haben, größere Ländereien zu erobern, zu besiedeln und zu bewirtschaften – wahrscheinlich aufgrund des Widerstandes der benachbarten einheimischen Fürsten und Könige. Stattdessen war man damit zufrieden, von kleineren befestigten Stützpunkten aus die umliegenden Gebiete und ihre Kirchen und Klöster zu plündern oder die Menschen zu Tributzahlungen zu zwingen.
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Dies, so berichten die „Annalen von Ulster“, war auch die Strategie des Seekönigs Olaf, als er im Jahr 853 nach Dublin kam und dort die Herrschaft übernahm. Er war der Sohn des Königs des Wikingerreiches Laithlind, das sich vielleicht in Südwestschottland befand. Olaf schuf in der Folgezeit ein „Seereich“, das Gebiete beiderseits der Irischen See umfasste. Es verband Dublin und das skandinavische York (im heutigen England) zu einem Handelsimperium.
Zu diesem gehörte nach etwa 870 auch die Isle of Man, auf der einer der wenigen sicher identifizierten Bauernhöfe der Wikinger gefunden wurde. Beim Weiler Braaid sind noch heute die Ruinen dreier Gebäude zu sehen: Direkt neben einem Rundhaus in lokaler, keltischer Bauweise waren zwei bauchig-rechteckige Langhäuser in skandinavischer Tradition gebaut worden. Ob hier Wikingersiedler ein bestehendes Gehöft gewaltsam übernahmen oder sich auf friedliche Weise mit den Einheimischen zusammentaten, ist nicht bekannt, denn Schriftquellen zu dieser Zeit auf der Isle of Man fehlen gänzlich.
Das „Große Heer“ landet 865 in East Anglia
Andernorts sind wir besser informiert: 865 landete das micil here, das „Große Heer“ der Wikinger, in East Anglia, einem von mehreren angelsächsischen Königreichen im heutigen England. Es begann ein mehrere Jahre dauernder Eroberungsfeldzug. Schon im folgenden Jahr fielen Northumbria und dessen Hauptstadt York. Die Könige Ælla und Osberht wurden getötet – laut einer altnordischen Saga aus Rache dafür, dass Ælla zuvor den legendären Wikingerkönig Ragnar Lodbrok getötet hatte.
Bald darauf wurden auch das östliche Mercia sowie East Anglia erobert. Anders als in Irland nahmen die Eroberer nun Land in Besitz, um es zu besiedeln: „Halfdan teilte das Land der Northumbrier auf, und sie begannen, es zu pflügen und sich selbst zu versorgen“, schreibt die „Angelsächsische Chronik“ für das Jahr 876.
Zwei der Marsch- oder Winterlager, die das „Große Heer“ während des Feldzugs in Britannien aufschlug, sind inzwischen gefunden und zum Teil archäologisch untersucht worden. Für das Jahr 872 vermerkt die „Angelsächsische Chronik“: „her nam se here winter setle æt Turcesige“ („hier [zu dieser Zeit] nahm das Heer sein Winterlager bei Turcesige“). Nahe der Ortschaft Torksey in Lincolnshire wurden die Überreste dieses Lagers entdeckt. Am Ufer des Flusses Trent war eine leichte Anhöhe zu einer einfachen, aber effektiven Festung ausgebaut worden, umgeben von einem Graben und einem Wall (vermutlich mit hölzerner Palisade).
Im folgenden Winter blieb das „Große Heer“ in Repton in der Grafschaft Derbyshire. Dort legte man ein D-förmiges Wall-Graben-System am Fluss Trent an, das die Klosterkirche des Ortes als Torhaus integrierte. Bei Ausgrabungen kamen zahlreiche Gräber zutage, darunter die reiche Bestattung eines Wikingerkriegers, der im Kampf gefallen war.
In York, das die Skandinavier erstmals 866 eroberten und Jorvík nannten, bedienten sie sich der Ruinen der alten Römerstadt. Ausgrabungen brachten aus der Wikingerzeit Stadthäuser und Werkstätten ans Licht, ebenso Rohmaterialien und halbfertige Produkte der Handwerker sowie importierte Waren der Händler, die den besonderen Status der Stadt auch als Handelszentrum belegen.
Dass nicht immer von gewaltsamer Eroberung von Siedelland ausgegangen werden muss, zeigt das Beispiel einer Wikingergruppe, die nach ihrer Vertreibung aus Dublin im Jahr 902 und einigen Kämpfen in Wales nach einer neuen Heimat suchte, so die „Fragmentary Annals“: „Danach kam Ingimund mit seinen Mannen zu Æthelflæd, Königin der Sachsen; … Er bat die Königin um Land, auf dem sie sich niederlassen und Scheunen und Häuser bauen könnten. … Æthelflæd gab ihm Land nahe Chester, und dort blieb er für eine Weile.“
Diese Ländereien befanden sich wahrscheinlich auf der Halbinsel Wirral. Zwar griffen Ingimunds Wikinger, unzufrieden mit ihrem Land, später doch zu den Waffen, aber es ist anzunehmen, dass skandinavische Bauern und Handwerker sich oft auf friedliche Weise zwischen der angelsächsischen Bevölkerung ansiedelten und sich integrierten.
Erst König Alfred der Große stoppt die Skandinavier
Das von den Skandinaviern kontrollierte Gebiet erstreckte sich schließlich über einen Großteil des heutigen England und wurde später als das Danelag bezeichnet: das Land, in dem „dänisches Recht“ und Brauchtum galten. Im Frühjahr 874 teilte sich das „Große Heer“. Ein Teil unter dem Anführer Halfdan zog Richtung Norden nach Northumbria und ins piktische Schottland, einen zweiten Teil führte Guthrum nach Süden. Dort hatte das Königreich von Wessex den Angriffen der Wikinger bislang Widerstand geleistet. Nach einer Reihe von Plünderungen und Schlachten gelang es 878 dessen König Alfred (genannt „der Große“) in der Schlacht von Edington, Guthrums Krieger entscheidend zu besiegen und zu einem Friedensschluss zu zwingen.
In zwei Verträgen wurden die Bedingungen festgelegt. Das Land wurde entlang einer Grenze von Kent und London aus nach Nordwesten geteilt: „… die Themse hinauf, den Fluss Lea hinauf und entlang bis zu dessen Quelle, dann in gerader Linie nach Bedford und den Fluss Ouse hinauf zur Watling Street [einer alten Römerstraße]“. Außerdem mussten Guthrum selbst (ebenso wie seine Gefolgschaft) das Christentum annehmen und sich taufen lassen. Alfred fungierte als Pate, so dass Guthrum ihm auch persönlich eng verbunden war.
Mit dieser recht verbreiteten Sitte wurde – gewissermaßen im Namen Gottes – die Verlässlichkeit der ehemaligen Heiden verbessert, wurden diese in den Kreis der akzeptablen Vertragspartner aufgenommen. Sie hatte Erfolg – für beide Seiten. Guthrum zog sich nach East Anglia zurück und stellte nicht länger eine Gefahr für Alfred und Wessex dar; gleichzeitig war er ebenso wie das Danelag offiziell legitimiert, und er konnte als christlicher König seine skandinavischen und angelsächsischen Untertanen regieren.
Von Wessex aus gelang es Alfreds Nachfolgern Eduard, Æthelstan und Edgar, das Danelag und das skandinavische Northumbria mit ihrem Reich zu vereinen und damit ein geeintes Königreich England zu schaffen, dem auch die kurze Phase der dänischen Könige nichts anhaben konnte und das nie wieder dauerhaft geteilt wurde.
Ein Däne auf dem englischen Thron
Seit dem späten 10. Jahrhundert verheerten neue Wikinger-Überfälle Englands Küsten und zwangen deren Herrscher, sich durch die Zahlung von zum Teil immensen Geldsummen – dem sogenannten Danegeld – von den Angriffen loszukaufen. Auch, um dem ein Ende zu setzen, befahl der englische König Æthelred, am 13. November 1002 alle „Dänen“ in seinem Reich töten zu lassen.
Unter den Opfern dieses „Massakers am St.-Bricius-Tag“ waren auch die Schwester und der Schwiegersohn des dänischen Königs Svein Gabelbart. Dieser nahm den Mord zum Anlass, im folgenden Jahr die erste von mehreren Invasionen Englands zu unternehmen, bis er schließlich 1013 Æthelred stürzte. Er wurde damit zum ersten dänischen König von England.
Nach Sveins Tod nur wenige Wochen später und Æthelreds Rückkehr aus dem Exil führte Sveins Sohn Knut einen Eroberungsfeldzug durch England an, der im Jahr 1016 in einem Friedensvertrag endete: Knut würde über die Ländereien im Norden herrschen, während Æthelreds Sohn Edmund Eisenseite den Süden regierte.
Doch auch Edmund starb bald darauf, und Knut als sein Erbe wurde nun zum König von ganz England. Später erlangte er auch die Herrschaft über Dänemark, Norwegen und Teile Schwedens und schuf damit ein gewaltiges „Nordseereich“. Vom Wikingerkrieger zum mittelalterlichen Herrscher geworden, regierte Knut (der wie Alfred den Beinamen „der Große“ erhielt) England fast zwei Jahrzehnte. Doch nach seinem Tod 1035 zerbrach sein Reich. Nur zwischen 1040 und 1042 konnte sein Sohn Hartiknut Dänemark und England kurz wieder vereinen. Die Eroberung Englands durch den Normannen Wilhelm im Jahr 1066 brachte nochmals kurz Könige mit skandinavischer Herkunft auf den englischen Thron, doch die Wikingerzeit war vorüber.
Wikinger beeinflussen die Geschichte Britanniens
Die vermutlich wichtigste Folge der Kolonisation Britanniens durch die Wikinger ist die Vereinigung Englands in etwa den heutigen Grenzen. Die skandinavischen Siedler in den einstigen Wikingergebieten vermischten sich mit den Einheimischen, erkannten die Oberhoheit ihrer sächsischen Fürsten an und konvertierten zum Christentum. Verzierte Steinmonumente mit sowohl heidnischen als auch christlichen Motiven – wie das Thorvald-Kreuz in Kirk Andreas auf der Isle of Man oder das Kreuz von Gosforth in Cumbria, England – sind beredte Zeugnisse für diesen Wandel.
Hibernowikinger (in Irland angesiedelte Wikinger) besonders aus Dublin und Angloskandinavier spielten über viele Jahre zentrale Rollen in der Geschichte der Irischen See und in England. Etliche altnordische Wörter fanden Eingang in die englische Sprache und werden noch heute verwendet, ebenso wie Ortsnamen, Rechtsprinzipien und Bräuche. Und sogar genetisch lassen sich die Skandinavier noch in den Menschen in Großbritannien und Irland nachweisen. Die Wikinger haben unauslöschliche Spuren hinterlassen.
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