In der Erinnerungskultur über den Ersten Weltkrieg ist der Westen am stärksten verankert: Grabenkämpfe und “Blutmühlen” von der Somme oder von Verdun; vom Zweiten Weltkrieg ist es der Krieg im Osten, in dem sich Ausbeutung und Ausrottung im Dienste des erstrebten Lebensraums einzigartig verbanden. Aber – so ist schon ein paarmal gefragt worden – war nicht der Ostkrieg des Ersten Weltkriegs das großes politische Labor, das mental den nächsten Krieg vorbereitete? Genau das ist auch die in dieser ausführlichen Form noch nicht erläuterte Grundaussage des in den USA lehrenden Autors Vejas Gabriel Liulevicius in seinem Buch “Kriegsland im Osten”, der neben deutschen auch litauische Quellen in großer Zahl heranziehen konnte. Mit der deutschen Selbstbehauptung 1914 bei “Tannenberg” konnte der Oberbefehlshaber Ost in den nächsten drei Jahren an den Aufbau eines selbständigen Militärstaates im Osten herangehen, der sich auf das heutige Litauen erstreckte. Noch 1917/18 sollten immer weitere Gebiete des Russischen Reiches unterworfen werden. Dieses “Oberost” bildete zunächst einmal eine “militärische Utopie” eines Gebiets, das deutscher Verwaltung, Verkehrsausbau und nicht zuletzt Kultur unterworfen werden sollte. Der schmutzige Osten, das undurchschaubare Völkergemisch, die undurchdringlichen Wälder, die im Frühjahr aufgeweichten Landschaften: alles das waren ganz neue Sinneseindrücke, die zu einer Erfahrung beitrugen: Es bedurfte der ordnenden Hand deutscher Militärs. Was Hindenburg und Ludendorff anfingen, setzten nach ihrer Übernahme der Obersten Heeresleitung in der Zentrale andere fort. Die Stärke des Buches liegt in der Ausbreitung des Erfahrungshorizontes und der Verarbeitungsmuster der Handelnden. Der Verfasser ist kein Eiferer, sondern ein nüchterner Beobachter, der auch den Nicht-Wissenschaftler mit seiner Erzählung an die Hand nimmt. Wir erfahren plastisch, was Staunen, gemischt mit Abscheu, für Handlungsmuster hervorbrachte, die dann weiterwirkten. Was fehlte, war neben den geopolitischen Raumlehren von welthistorischem Auftrag nur noch der fundamentale Antisemitismus, der für Hitler und viele Deutsche den Rahmen des weiteren Vorgehens bildete. Liulevicius entfaltet im Zeitablauf und im Zusammenhang mit den zum Ende des Krieges noch einmal wachsenden Eroberungen die Vorurteile, bezieht die Führung ebenso ein wie die “kleinen Leute”, sieht beide Seiten in diesem neuen Kolonialland. Gerade nach dem Krieg, in den Wirrren um bolschewistische Revolution und nationalem Freiheitsstreben reichte der “Freikorps-Wahnsinn” noch einmal neue Ausmaße und Blüten. Die Phase seit 1918/19 hat man anderswo schon breiter dargestellt gesehen, die Verbindungslinien zum Zweiten Weltkrieg werden ein wenig konventionell ausgebreitet. Darüber hinaus spricht der Autor selbst von der “Mythologisierung der Schützengräben”, belegt seine Deutungen aber doch sehr häufig mit den nachträglichen Schilderungen der Protagonisten in Memoiren und Romanen. Hier vermißt vielleicht nicht der Literaturwissenschaftler, wohl aber der Historiker Quellenkritik, Einsicht in die nachträgliche Konstruktion von Erinnerung. Doch das vermag die Verdienste insgesamt nicht zu schmälern. So gut konnte man die Erfahrung des Ostkrieges noch nirgendwo nachvollziehen – des Ersten, um so den Zweiten Weltkrieg besser verstehen zu lernen.





