Die Autorin möchte in der Studie zeigen, dass sich die DDR im Spannungsfeld des Kalten Krieges in Kuba auf einer totalitären „Zivilisierungs- und Erziehungsmission“ mit kolonialer Attitüde wähnte, um dort einen aus ihrer Sicht „richtigen“ Sozialismus zu etablieren. Letztlich, um die „wilde“ kubanische Bevölkerung zu „entbarbarisieren“. Den überzeugenden Beleg dafür liefert die Studie nicht.
Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie kaum erläutert, aus welchen ideologischen Prämissen sich die Kuba-Politik der DDR speiste und wie sie diese in ihrer „Dritte Welt“-Strategie konzeptionell verortete. Auch deshalb erklärt sich die damit zusammenhängende Dreiteilung der DDR-Auslandsarbeit und ihrer maßgeblichen Akteure in den Strukturen der tonangebenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), den Staatsbehörden und der zivilen Massenorganisationen hier nur vage. Ebenso überblicksartig verharren genutzte Medien im Bereich der Tagespresse, ohne außenpolitische Fachzeitschriften aus der DDR einzubeziehen („Horizont“, „Asien Afrika Lateinamerika“ und andere).
Lange Jahre war es für die DDR schwer, sich trotz ihrer ersten Handelsmissionen in der „Dritten Welt“ und angesichts damaliger Kommunikationswege ein exaktes Bild über die Lage in den jeweiligen Ländern und den dortigen Handlungsbedarf zu verschaffen. Das führte zu Fehleinschätzungen, mangelnder Expertise, Missverständnissen und Fehlkalkulationen. Erst 1961 erhielt ihr Außenministerium eine Lateinamerika-Abteilung; erst 1962 entwarf es einen Plan zur kulturellen Auslandsarbeit bezüglich der „afro-asiatischen und latein-amerikanischen Länder“. Da die Analyse solche Hintergründe mit den daraus resultierenden politischen Konsequenzen, materiellen Zwängen oder auch interinstitutionellen Konflikten um Ressourcen und Zuständigkeiten nur selten offenlegt, bleibt dem Leser der erhoffte interne Blick hinter die Kulissen der Kuba-Politik der DDR oft verwehrt.
Gleichwohl bietet das Buch mit seiner ereignisgeschichtlichen Dichte gute Anschlusspunkte für weitere Folgestudien zum DDR-Auftritt im globalen Süden. Die genutzte Literatur ließe sich um neuere Forschungen beispielsweise zu Argentinien oder zur Afrika-Arbeit des Sports erweitern. Auffällig ist, dass im Anhang nicht nur als Beleg genutzte, sondern auch lediglich eingesehene Papiere aufgelistet und nicht sauber den jeweiligen Aktenbeständen zugeordnet sind. Das verwirrt auch im Abgleich mit dem Fußnotenapparat, in dem eine Vielzahl von Nachweisen mit dem Hinweis „vermutlich“ versehen ist. Wünschenswert wären neben einer Landkarte und einem erklärenden Hinweis zur Fotografie auf dem Buchcover auch mehr Sorgfalt beim Lektorat gewesen.
Rezension: Dr. Daniel Lange
Antonia Bihlmayer
DDR-Sozialismus in der Karibik?
Die ostdeutsche Kuba-Politik zwischen 1959 und 1989
BeBra Verlag, Berlin 2023, 400 Seiten, € 30,–





