Manchmal zu plakativ, hin und wieder zu detailreich, wird die dynastisch periodisierte Herrschaftsgeschichte dargestellt. Bei der Lektüre ist nicht immer ganz klar, wohin die Akkumulation der Fakten führen soll. Die erzählenden Quellen stammen oft aus der Hauptstadt, eine Tendenz, der die Autoren zu folgen scheinen. So kommen wichtige Orte Griechenlands gar nicht oder nur marginal vor, etwa Kastoria mit seiner byzantinischen Festungsanlage, Mistras und Arta mit ihren bedeutenden Kirchen aus dieser Zeit oder Geraki, das zu byzantinischer Zeit blühte.
Nur (!) 128 Abbildungen sollen für die Präsentation der visuellen und materiellen Hinterlassenschaften von Byzanz ausreichen, was für eine Einführung in das visuelle Verstehen einer komplexen Bild- und Bauwelt zu bedauern ist. Byzantinische Objekte aus deutschen Dom- und Kirchenschätzen werden nur am Rand berücksichtigt, dabei wären gerade sie eine Chance gewesen, dem deutschsprachigen Publikum Anknüpfungspunkte zu bieten. Der Essener Domschatz, das Bamberger Gunther-Tuch oder St. Michael in Hildesheim etwa künden von byzantinischem Einfluss; die byzantinische Kaiserin Theophanu, die Frau Ottos II., tritt leider nur als Nebenfigur auf.
Profitiert hätte die Darstellung von Aufrissen, etwa von einem Schema des Bildprogramms in orthodoxen mittelalterlichen Kirchen oder von einer erklärenden Skizze von Bauelementen, dazu von großzügiger angelegten Karten und einer umfassenden Zeittafel. Die Behandlung von Themenkomplexen wie das den Alltag bestimmende weltliche und geistliche Prozessionswesen, der Ablauf der Liturgie und die Organisation von Räumen (teilweise bei der Hagia Sophia in Konstantinopel angeführt) hätten die Anschaulichkeit der Ausführungen erhöht.
Am Ende wird kurz die Forschungsgeschichte skizziert, wo man Hinweise auf Ressourcen für byzantinisches Material in München, Recklinghausen oder Karlsruhe vermisst. Die Schwerpunkte der Forschung fallen sehr kurz aus. Es bleibt recht unklar, wie Begrifflichkeiten, wie etwa Auralität, Hybridisierung, Emotionen, Status oder soziales Kapital, das historische und kulturgeschichtliche Verstehen byzantinischer Artefakte befördern können. Fazit: Die Materialfülle sowie die zeitlichen und geographischen Dimensionen des byzantinischen Reiches machen Gesamtdarstellungen schwierig; die Bewältigung dieser Probleme ist zu einem Gutteil gelungen.
Rezension: Prof. Dr. Michael Grünbart
Neslihan Asuaty-Effenberger/Arne Effenberger
Byzanz. Weltreich der Kunst
Verlag C. H. Beck, München 2017, 427 Seiten, € 49,95





