Nordwestlich des Tübinger Ortsteils Unterjesingen wurden schon im Jahr 1926 vereinzelte prähistorische Relikte entdeckt, die auf die Existenz einer prähistorischen Siedlung rund 500 Meter nördlich des heutigen Ammerverlaufs hindeuteten. Weil damals aber nur wenige Einzelfunde gemacht wurden, konnten Forscher nur wenig über das Areal herausfinden. Die Existenz einer jungsteinzeitlichen Siedlung an diesem Ort blieb zunächst eine Vermutung.
Umrisse jungsteinzeitlicher Langhäuser
Das hat sich nun geändert. Denn im Zuge eines gemeinsamen Forschungsprojekts zur frühen Jungsteinzeit im Ammertal haben Archäologen des Landesamts für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart und der Universität Tübingen das Areal in diesem Jahr erneut untersucht. „Ziel des Forschungsprojektes ist es, die zeitliche Abfolge der verschiedenen frühneolithischen Siedlungen genauer zu erfassen und mit Hilfe naturwissenschaftlicher Untersuchungen Umweltbedingungen und Lebensweise und damit den Landschaftswandel durch den Beginn der Landwirtschaft im 6. Jahrtausend zu untersuchen“, erläutert Raiko Krauß.
Den Anfang machten im Frühjahr 2021 geophysikalische Messungen, bei denen Wissenschaftler mittels Magnetfeld-Kartierungen des Untergrunds verborgene Strukturen sichtbar machen konnten. Die Messungen ergaben erste deutliche Hinweise darauf, dass an dieser Stelle einst tatsächlich eine jungsteinzeitliche Siedlung existiert haben musste. Denn sie enthüllten die Fundament-Umrisse mehrerer Gebäude, die in ihrer Form und Größe dem charakteristischen Langhaus der linearbandkeramischen Kultur entsprachen, wie das Team berichtet. Diese um das 6. Jahrtausend v. Chr. in Mitteleuropa etablierte Kultur markiert den Übergang von Jägern und Sammlern zur bäuerlichen Lebensweise.
Reste von Pfosten und Geflecht
Aus Ausgrabungen von prähistorischen Linearbandkeramiker-Siedlungen an anderer Stelle ist bereits bekannt, dass die bis zu 45 Meter langen, rechteckigen Langhäuser dieser ersten bäuerlichen Kultur Süddeutschlands aus massiven, in mehreren Reihen stehenden Holzpfosten bestanden, die das Dach trugen. Die Wände der Häuser wurden von dünneren Pfosten gebildet, deren Zwischenräume von einem lehmverputzten Flechtwerk geschlossen wurden. Ob die bei Tübingen entdeckten Gebäudegrundrisse diesem Haustyp entsprechen, haben die Archäologen im Frühherbst 2021 in einer vierwöchigen Grabungskampagne unter Leitung von Veronika Stein von der Universität Tübingen, näher untersucht.





