Der Naturforscher Alexander von Humboldt und der Staatsmann und Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt haben Wissenschaft und Gesellschaft im 19. Jahrhundert stark geprägt. Ihrem Wirken in und ihrem Einfluss auf Berlin widmet sich der Journalist Peter Korneffel in seinem Band „Die Humboldts in Berlin. Zwei Brüder erfinden die Gelehrtenrepublik“. Reich bebildert und anschaulich geschrieben, richtet sich das Werk an ein breites Publikum. Der Gebrauch des historischen Präsens soll den Leser nah an das Geschehen bringen, dadurch liest sich das Buch allerdings mehr wie ein fiktiver Roman als wie eine historische Darstellung. Der Band ist in zehn chronologisch aufeinanderfolgende Kapitel eingeteilt. Das Literaturverzeichnis mit Bildnachweis fällt angemessen aus, Anmerkungen im Text fehlen aber leider. Dafür bietet eine vierseitige Chronologie einen hilfreichen Überblick. In den einzelnen Kapiteln finden sich außerdem Exkurse zu wichtigen Ereignissen, die auch die beiden Humboldt-Brüder beeinflussten.
Peter Korneffel stellt in seinem Buch das schwierige Verhältnis der Humboldts zu Berlin in den Vordergrund. Beide strebten nach persönlicher, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Freiheit. Dem biederen Berlin konnten die beiden Brüder daher nicht viel abgewinnen. Der Naturforscher Alexander störte sich vor allem an dem sandigen Boden, welcher den Pflanzenanbau erschwerte, während der Reformer Wilhelm fand, man sei in Berlin zu ignorant gegenüber seiner Idee von Individualität. Deshalb verbrachten beide, nachdem sie im Schloss Tegel unter dem Einfluss des Hauslehrers Joachim Heinrich Campe aufgewachsen waren, die ersten Jahrzehnte nach ihrer Jugend außerhalb Berlins. Alexander führte in dieser Zeit unter anderem seine Forschungsreise mit dem Botaniker Carl Ludwig Willdenow nach Amerika durch, während sich Wilhelm mit Caroline von Dacheröden verlobte und nach Jena zog. Dort trafen die beiden auch auf Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe.
Alexander und Wilhelm kehrten erst spät wieder in ihre Heimatstadt zurück. Dass Berlin trotzdem entscheidend von den beiden geprägt wurde, kann der Autor stringent darlegen. Neben dem materiellen Erbe, wie zum Beispiel der von Wilhelm gegründeten Universität, Alexanders Reisetagebüchern oder seinen ethnologischen, botanischen und mineralogischen Sammlungen, beschreibt der Verfasser auch das immaterielle Erbe. Er benennt unter anderem die Weltoffenheit und Lebensart der Berlinerinnen und Berliner, deren Ursprung er in den Freiheitsidealen der Humboldts sieht, oder auch Wilhelms Bildungsreform, die über Berlin hinaus das ganze Reich veränderte und die Preußische Akademie der Wissenschaften, deren Mitglieder beide Brüder waren, neu strukturierte.





