Zwei Brüder aus Thessaloniki, Konstantin (später Kyrill) und Method, machten sich im 9. Jahrhundert auf den Weg zu den Slawen. Sie brachten den christlichen Glauben mit – und eine eigens für die altslawische Sprache entwickelte Schrift, die den Zugang zu religiösen Texten erleichtern sollte.
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Über das Leben des Brüderpaares Konstantin (Kyrill ist der spätere Mönchsname) und Method (vielleicht war Michael sein Taufname) sind wir erstaunlich gut informiert. Wichtigste Quellen sind zwei Lebensbeschreibungen. Über Kyrill berichtet die „Vita Constantini“, über seinen älteren Bruder die kürzere „Vita Methodii“. Beide sind in altslawischen Handschriften überliefert, in der Übersetzung des Erlanger Slawisten Joseph Schütz aber bequem zugänglich. Daneben berichten weitere Quellen über die Missionstätigkeit in Mähren. Zudem haben die beiden Brüder und ihr Schülerkreis eigene Schriften verfasst.
Die Heimat der Brüder ist das nordgriechische Thessaloniki, im frühen Mittelalter die wichtigste byzantinische Stadt auf dem Balkan. Hier wurden um das Jahr 815 Method und rund ein Jahrzehnt später (826/27) Kyrill in eine angesehene Familie hineingeboren.
Der Vater war ein hoher Reichsbeamter. Im Umland von Thessaloniki lebten neben der griechischen Bevölkerung zahlreiche Slawen, die sich nach ihrem Eindringen in Südosteuropa im 6./7. Jahrhundert dort niedergelassen hatten. Daher sprachen die beiden Brüder neben Griechisch auch den in der Umgebung von Thessaloniki verwendeten slawischen Dialekt.
Beide erhielten eine gute Ausbildung, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Wie der Vater trat Method zunächst in den Staatsdienst ein. Später, vielleicht um 840 im Umfeld des Bilderstreits (um die Frage der Verehrung von Ikonen), wie der Theologe Franz Grivec vermutet, gab er die weltliche Karriere auf, wurde Mönch und zog sich in ein Kloster auf dem Berg Olymp (heute Uludaǧ nahe der türkischen Stadt Bursa) zurück.
Der jüngere Bruder Kyrill erhielt ebenfalls in Konstantinopel eine hervorragende Ausbildung und zeigte schnell eine außergewöhnliche intellektuelle Begabung, insbesondere auf dem Gebiet der Philosophie – daher sein Ehrentitel: der Philosoph. Nach einer kurzen kirchlichen Karriere, die ihn bis in das Amt des Bibliothekars des Patriarchen führte, entschied er sich für das Mönchsleben, war aber weiterhin als Lehrer tätig.
Als ausgewiesener Experte nahm er im Auftrag des Kaisers an einer byzantinischen Gesandtschaft nach Samarra, der nördlich von Bagdad gelegenen Residenz des abbasidischen Kalifen Mutawakkil, teil, wo es nach Darstellung der „Vita Constantini“ zu einem Religionsgespräch mit Muslimen kam. Anschließend lebte er mit seinem Bruder im Kloster Polychron am Berg Olymp, dem er auch als Abt vorstand.
Bei einer gemeinsamen Reise auf die Krim entdeckt Kyrill die Gebeine des heiligen Clemens
Eine weitere Auftragsreise führte beide Brüder um 860 ins Reich der Chasaren, eines Turkvolkes, dessen Herrschaftsgebiet sich zwischen der Krim und dem Kaspischen Meer im Süden Russlands erstreckte. Während des Aufenthalts in der alten griechischen Stadt Cherson (Chersones) auf der Krim lernte Kyrill Hebräisch und fand dort Reliquien des heiligen Clemens. Dieser soll der dritte Nachfolger des Petrus als Bischof von Rom gewesen sein und wurde laut einer Legende auf die Krim verbannt. Die Reliquien sollten die Brüder auf ihrem Lebensweg bis nach Rom begleiten.
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Für das Römische Reich bildete die Donau lange Jahrhunderte hindurch eine stabile Grenze. Am Ende des 4. Jahrhunderts veränderte sich die Situation grundlegend. Überschritten zunächst Germanen die Reichsgrenze an der unteren Donau, so folgten ihnen später die Awaren, die ein mächtiges Reich mit Zentrum im heutigen Ungarn bildeten, und slawische Stämme, die sich seit dem 6. Jahrhundert dauerhaft in Mittel- und Südosteuropa niederließen und eigene Reiche aufbauten.
Dies veränderte die geopolitische Lage grundlegend, da die neuentstandenen Staaten eine Art Puffer zwischen dem Frankenreich im Westen und Byzanz im Südosten darstellten. Beide Großmächte bemühten sich, ihren Einfluss auf die neuen Nachbarn auszudehnen. In bunter Folge wechselten kriegerische Konflikte mit Bündnissen.
Auch das Christentum, das sowohl im Frankenreich als auch in Byzanz eine staatstragende Funktion innehatte, spielte beim Umgang mit den slawischen Nachbarn eine wichtige Rolle – deren zunächst noch heidnische Bevölkerung war ein lohnendes Ziel für christliche Missionsbemühungen aus Ost und West. Kirchen- und machtpolitische Interessen vermischten sich dabei.
Nachdem es Karl dem Großen gelungen war, die Macht der Awaren zu brechen und die fränkische Reichsgrenze weiter nach Osten zu verschieben, wurden die neu eingegliederten Gebiete schnell christianisiert. Parallel zum Niedergang der Awaren erfolgte im 9. Jahrhundert der Aufstieg des westslawischen Stammes der Moravier (nach dem Fluss Morava = March), auch Mährer genannt.
Dem Fürsten Mojmir I. (um 830 – 846) gelang es, ein größeres Gebiet nördlich der Donau unter seiner Führung zu vereinen. Es ist als Mährisches Reich bekannt, aber auch die Bezeichnungen Alt- bzw. Großmährisches Reich sind verbreitet. Historiker wie Martin Eggers haben die traditionelle Lokalisierung in der historischen Landschaft Mähren (südöstliches Tschechien) sowie Teilen der heutigen Slowakei und Ungarns angezweifelt.
Politisch konnte sich das Mährische Reich unter dem Nachfolger Mojmirs, Rastislav (846 – 870), von der ostfränkischen Oberhoheit (König Ludwig der Deutsche, 843 – 876) befreien und seit 855 mehr oder weniger unabhängig agieren. Auch auf dem Gebiet der Religion strebte der Fürst nach Eigenständigkeit und wollte sein Land von der mit der ostfränkischen Oberhoheit verbundenen Abhängigkeit von den bairischen Bistümern, insbesondere Salzburg und Passau, befreien.
Vor diesem Hintergrund wandte sich Rastislav im Jahr 862 mit einer Anfrage an den byzantinischen Kaiser Michael III. (842 – 867). In der Vita des Kyrill ist seine erstaunliche Bitte, für die bereits christianisierte Bevölkerung Mährens Lehrer zu schicken, die die Bevölkerung in ihrer eigenen slawischen Muttersprache im Glauben unterrichten sollten, festgehalten: „Denn Rastislav, der mährische Fürst, … sandte zu Kaiser Michael und ließ sagen: ‚Da sich unser Volk vom Heidentum abgewandt hat und sich an das christliche Gesetz hält, haben wir keinen solchen Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte, damit auch die anderen Länder, wenn sie das sehen, uns nacheifern. Sende uns daher, Herrscher, einen Bischof und einen solchen Lehrer! Denn von euch geht in alle Länder stets ein gutes Gesetz aus“ (Übersetzung: Schütz, Seite 66). Die Vita des Method ergänzt, dass auch die Abfassung von Gesetzestexten wohl zu ihrem Auftrag gehörte („… einen solchen Mann, der uns in der vollen Rechtschaffenheit unterweisen könne …“; Schütz, Seite 92). Für diese schwierigen Aufgaben waren Kyrill und Method sehr gut geeignet.
Eine neue Schrift für die Slawen
Im darauffolgenden Jahr trafen die Brüder im Reich des Rastislav ein. Entscheidende Vorarbeiten hatten sie noch in der Heimat geleistet. Wie eingangs erwähnt, sprachen sie den slawischen Dialekt der Umgebung ihrer Heimatstadt Thessaloniki. Auf dieser Basis entwickelten sie – unterstützt durch einen Kreis von Schülern, der ihnen auch nach Mähren folgte – eine einheitliche slawische Schriftsprache mit einem passgenauen Alphabet.
Diese „geniale Tat, die viel Zeit, Überlegung und Vorbereitung voraussetzt“ (Franz Grivec), beschreibt die Vita des Method so: „Vielmehr gaben sie sich … mit anderen, die des gleichen Geistes waren wie sie, dem Gebet hin. Und da offenbarte Gott dem Philosophen die slawische Schrift. Und nachdem er die Buchstaben sogleich geordnet und eine Predigt zusammengestellt hatte, begab er sich auf den Weg nach Mähren und nahm Method mit“ (Schütz, Seite 92).
Das neue Alphabet wurde bekannt als glagolitische Schrift (oder Glagolica), während die Sprache als Altslawisch bzw. wegen des theologischen Inhalts der Texte auch als Altkirchenslawisch bezeichnet wurde. Später ersetzte das kyrillische Alphabet die Glagolica, das bis heute nicht nur für die Schreibung der slawischen Sprachen in Ost- und Südosteuropa verwendet wird, sondern auch für andere Sprachen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion oder in der Mongolei.
Die Schaffung einer für alle Slawen geeigneten Schrift- und Liturgiesprache durch die Brüder erwies sich laut dem Theologen Lutz von Padberg als „das entscheidende Instrument für die Entwicklung des Slawentums in der Zukunft“.
Ebenfalls in Konstantinopel hatte Kyrill bereits das Evangelistar, ein liturgisches Buch mit der Sammlung der Evangelientexte für die Sonn- und Feiertage, übersetzt. Später folgten weitere Übertragungen biblischer und liturgischer Texte sowie der Kirchenväter und des Kirchenrechts. Die nach ihrem Standort so genannten Kiewer Blätter (meist ins 10. Jahrhundert datiert), die Fragmente lateinischer Messgebete enthalten, könnten der älteste in der Glagolica erhaltene Text sein.
Damit waren die besten Voraussetzungen für eine vertiefte Glaubensverkündigung und die Feier des Gottesdienstes in der slawischen Muttersprache gegeben. Für die meist kurz zuvor zum Christentum Gekommenen gab es so einen niederschwelligen Zugang zur Liturgie, was zum Erfolg der Brüder in Mähren beitrug.
Schnell sammelten sie auch einen einheimischen Schülerkreis um sich. Als problematisch erwies sich dagegen der Aufbau eines eigenen slawischen Klerus, da in Mähren ein ortsansässiger Bischof fehlte und damit keine Priester- oder gar Bischofsweihen möglich waren. Zu einer weiteren schweren Belastung entwickelten sich die Streitigkeiten der Brüder und ihres Anhangs mit den aus dem Ostfrankenreich stammenden Klerikern, die sich ebenfalls zu Missionszwecken in Mähren aufhielten.
Nach drei oder vier Jahren verließen die Brüder mit ihren Schülern schließlich Mähren. Ihr Weg führte sie zunächst in das Fürstentum Pannonien, wo sie der dortige Herrscher Kocel in seiner Residenz in Zalavár (Moosburg) unweit des Plattensees freundlich aufnahm. Obwohl das Gebiet kirchlich dem Erzbistum Salzburg unterstand, förderte der slawische Fürst die Arbeit der Brüder auch hier.
Streit über die Legitimität der neuen slawischen Schrift
Schließlich verließen Kyrill und Method Pannonien und reisten nach Venedig. Dort kam es zu einem bemerkenswerten theologischen Streitgespräch mit westlichen, aus Sicht der Byzantiner deshalb als Lateiner bezeichneten Theologen. Im Mittelpunkt stand die sogenannte Dreisprachenhäresie. Die Lateiner warfen Kyrill vor, mit seiner Schrifterfindung bewusst gegen den göttlichen Willen verstoßen zu haben: „Wir kennen nur drei Sprachen, in denen in der Schrift Gott zu lobpreisen sich geziemt: in Hebräisch, Griechisch und Latein“ (Schütz, Seite 71).
Die Befürworter dieser Sicht verweisen gerne auf die dreisprachige Inschrift auf dem Querbalken des Kreuzes Christi (Johannes 19, 20). In seiner in der Vita breit ausgeführten Antwort verteidigte sich Kyrill ebenfalls mit einschlägigen Bibelstellen.
Schließlich reisten die Brüder nach Rom weiter. Dort erhielten sie die lange erhoffte Zustimmung zu ihrem Lebenswerk. Papst Hadrian II. (867– 872) segnete die mitgebrachten altslawischen liturgischen Bücher und bestätigte ausdrücklich den gleichberechtigten Gebrauch des Altslawischen in Gottesdienst und Verkündigung. Zudem wurden Mitglieder des Schülerkreises zu Priestern geweiht.
Die positive Atmosphäre wurde jedoch überschattet vom Tod Kyrills am 14. Februar 869. Kurz vor seinem Tod wurde ihm das Mönchsgewand angelegt, und er erhielt den Namen Kyrill. Bestattet wurde er in der alten römischen Titelkirche San Clemente in unmittelbarer Nähe des Kolosseums, wo sich heute in der Unterkirche eine vielbesuchte Gedenkstätte befindet. Dorthin hatten die Brüder bereits bei ihrer Ankunft in Rom die mitgebrachten Clemens-Reliquien überführt.
Method scheitert beim zweiten Anlauf in Mähren
War bisher das Schicksal der beiden Brüder immer auch ein Spiegel der komplexen Kirchen- und Machtpolitik ihrer Zeit, so trifft dies für den weiteren Lebensweg des Method besonders zu. Eine wichtige Weichenstellung war 870 die Ernennung Methods zum päpstlichen Legaten für die slawischen Völker. Als Bischofssitz wurde ihm das in der Spätantike bedeutende Bistum Sirmium (heute Sremska Mitrovica in Serbien) zugewiesen.
Falls der Papst beabsichtigt hatte, durch diese Bestellung den römischen Einfluss auf dem Balkan zu stärken, so wurde diese Hoffnug rasch durch grundlegende politische Veränderungen zerstört. Als Svatopluk I. (870 – 894) im Jahr 870 seinen Onkel stürzte, gelangte im Mährischen Reich wieder ein Verbündeter des ostfränkischen Königs Ludwig des Deutschen an die Macht. Damit erhielten die bairischen Bischöfe, die die kirchliche Oberhoheit über Mähren und Pannonien beanspruchten und die päpstliche Ernennung des Method missbilligten, wichtige Unterstützung.
Aufgrund dieser Konstellation kam es schließlich zum Eklat: Method wurde verhaftet, wobei die bairischen Bischöfe die treibende Kraft gewesen sein dürften. Nach einem in Regensburg geführten kirchlichen Prozess und der folgenden Verbannung (in das Kloster Ellwangen oder wahrscheinlicher auf die Reichenau) konnte Papst Johannes VIII. (872 – 882) erst nach drei Jahren die Freilassung des Bischofs und dessen Wiedereinsetzung in seine Ämter erreichen.
In der Folge geriet Method immer stärker unter Druck. Mit dem als Bischof von Nitra (heutige Westslowakei) eingesetzten Wiching (gest. nach 912), der dem Kirchenrecht nach Method unterstellt war, erwuchs ihm ein Gegner, der auf die Unterstützung der bairischen Bischöfe und des Fürsten Svatopluk zählen konnte.
Zunächst stärkte Rom Method allerdings nochmals den Rücken. Papst Johannes VIII. erlaubte in seiner 880 an Svatopluk gerichteten Bulle „Industriae tuae“ („Deinem Eifer“) ausdrücklich die Verwendung der Glagolica, verurteilte die Dreisprachentheorie und billigte den Gottesdienst in altslawischer Sprache. Dies konnte aber den langfristigen Sieg der ostfränkischen Partei nicht mehr verhindern. Als Method am 6. April 885 starb, folgte ihm im Amt nicht der von ihm gewünschte Gorazd, sondern Wiching.
Das von den beiden Lehrern in Mähren begonnene Missionsprojekt scheiterte schließlich vollständig, als der neue Papst Stephan V. (885 – 891) den Gebrauch der slawischen Liturgie verbot und die Schüler des Method wenig später aus Mähren vertrieben wurden. Sie setzten ihre Arbeit in Kroatien und Bulgarien fort. Dem Method-Schüler Kliment von Ohrid (um 840 – 916) gelang es, dort binnen kurzem einen zahlenmäßig großen einheimischen Klerus auszubilden, so dass schließlich das Altkirchenslawische das Griechische als Liturgiesprache in Bulgarien ablösen konnte.
Eine besondere Ehrung erfuhren Kyrill und Method, die sich sowohl in Heiligenkalendern der orthodoxen (Gedenktag: 11. Mai) als auch der römisch-katholischen Kirche (Gedenktag: 14. Februar) finden, durch Papst Johannes Paul II. Zur Erinnerung an Methods 1100. Todestag veröffentlichte der aus Polen stammende Pontifex 1985 ein Rundschreiben mit dem Titel „Slavorum Apostoli“ („Slawenapostel“). Die Enzyklika stellt die Bedeutung der Glaubensboten als Brücke zwischen den Kirchen in Ost und West heraus. Bereits fünf Jahre zuvor hatte Johannes Paul den kulturgeschichtlichen Beitrag des Brüderpaares gewürdigt, als er sie zu „Patronen Europas“ erklärte und damit Benedikt von Nursia an die Seite stellte.
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