Albrecht Dürer: Lehrjahre eines Genies - wissenschaft.de | DAMALS
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Lehrjahre eines Genies
Albrecht Dürers künstlerisches Talent wurde früh erkannt. Von der Goldschmiedelehre beim eigenen Vater sattelte er um auf die Malerei. Die prosperierende Kunstszene in seiner Heimatstadt Nürnberg prägte ihn.
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Item nach Christi Geburt [im] 1471. Jahr, in der sechsten Stund an St. Prudentien Tag, … gebar mir mein Hausfrau mein andern Sohn, zu dem war Gevatter Anthonj Koburger, und nannt ihme Albrecht nach mir.“ Der Satz aus der „Familienchronik“ beschreibt die Geburtsstunde von Deutschlands berühmtestem Künstler: Albrecht Dürer.
Es ist zugleich der Beginn einer bis heute andauernden Erfolgsgeschichte weit über das Gebiet der Kunst hinaus. Am 21. Mai 1471, also vor mehr als 550 Jahren, in einem Handwerkerhaus unterhalb der Nürnberger Burg zur Welt gekommen, wurde Dürer innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem international bekannten Maler und Druckgraphiker – nebenbei erwirtschaftete er ein Vermögen, das ihn nach heutigen Maßstäben zu einem mehrfachen Millionär machte. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern war er zu keiner Zeit ganz vergessen. Die Werke Dürers erzielen bis heute Höchstpreise auf dem Kunstmarkt, und Dürer-Ausstellungen sind Publikumsmagneten.
Schon zu Lebzeiten war Albrecht Dürer ein Ausnahmekünstler, der mehr als jeder andere deutsche Maler seiner Zeit mit Innovationen verbunden wird. Sein Aufstieg und sein bis heute andauernder Ruhm wären ohne sein überragendes Talent nicht möglich gewesen. Hinzu kamen Geschäftssinn und Glück, ebenso wie die richtigen Freunde und Kontakte. Die Wurzeln seines Erfolgs liegen in Nürnberg. Dürer blieb seiner Geburtsstadt trotz zahlreicher Reisen und auswärtiger Angebote bis an sein Lebensende verbunden, er war stolzer Bürger und Ratsmitglied.
In Nürnberg lagern die meisten Quellen zu Dürers Biographie und seinem Umfeld, die wie bei kaum einem anderen Künstler seiner Zeit mitunter mikroskopische Einblicke in sein Leben und Wirken, in Selbstbild und Fremdeinschätzungen ermöglichen. Hierzu gehört auch die eingangs zitierte „Familienchronik“, die Dürer 1524 auf Basis der Notizen seines Vaters verfasst hat und die die wichtigste Quelle zum „jungen“ Dürer darstellt.
Viele Zeugnisse sind jedoch in den vergangenen 550 Jahren verlorengegangen. Die Beschäftigung mit Dürers Biographie und besonders mit den Anfängen seiner Karriere gleicht daher einer spannenden Spurensuche vor dem Hintergrund des Stellenwerts von Kunst und Künstlern in der Reichsstadt Nürnberg.
Die florierende Reichsstadt Nürnberg um 1500
Die Dürer-Epoche gilt als wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit Nürnbergs. Mit über 30 000 Einwohnern zählte die Stadt an der Pegnitz zu den größten deutschen Städten und galt wegen ihrer geographischen Lage am Kreuzungspunkt mehrerer Handelsrouten unter den Zeitgenossen als ein „Centrum Europas“. Von hier aus bestanden Handelsbeziehungen in die wichtigsten Metropolen Europas – Städte wie Venedig, Basel, Frankfurt, Köln und Antwerpen, die auch Dürer bei seinen Reisen aufsuchen sollte.
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Seit 1219 war Nürnberg Reichsstadt, das heißt, die Stadt unterstand direkt dem Kaiser – und nicht, wie etwa Bamberg oder Würzburg, einem Bischof. Zu den im Lauf der Jahrhunderte erweiterten Begünstigungen zählten etwa die politische Selbstverwaltung durch den Rat, Steuerhoheit, umfangreiche Handelsprivilegien und Zollfreiheit. Nürnberg war Ort bedeutender Fürstenversammlungen, laut dem Reichsgrundgesetz der „Goldenen Bulle“ von 1356 musste ein neugewählter deutscher König sogar seinen ersten Hoftag in der Frankenstadt abhalten.
Die Reichsstadt zog Kaufleute, Handwerker und Künstler aus allen Teilen Europas an, und die reichen Bürger investierten in prachtvolle Bauten und Kunstaufträge – eine Situation, von der auch Dürer profitierte. Nürnberg war nicht nur Handels-, sondern auch Produktionsort von Waren, besonders aus Metall. Zugleich zeichnete sich die Stadt durch Unternehmertum und Innovation aus. In Nürnberg wurde 1390 die erste Papiermühle Deutschlands gegründet, und die Stadt etablierte sich bald nach Erfindung des Buchdrucks als eine der führenden Druckerstädte Europas.
Albrecht Dürers in der „Familienchronik“ erwähnter Taufpate Anton Koberger (um 1445–1513) gehörte zu den bedeutendsten und produktivsten Frühdruckern, seine Druckwerkstatt soll zeitweilig fast 100 Mitarbeiter beschäftigt haben. Zwar hatte Nürnberg keine Universität, doch lebten bedeutende Gelehrte in der Pegnitzstadt. Viele unter ihnen hatten, wie Dürers Patrizierfreund Willibald Pirckheimer (1470–1530) oder sein Jugend-Nachbar und früher Biograph, Christoph II. Scheurl (1481–1542), in Italien studiert oder waren, wie der 1487 von Kaiser Friedrich III. zum „poetus laureatus“ gekrönte Dichter Konrad Celtis (1459–1508), durch Italien gereist.
Gemeinsam machten sie Nürnberg zu einem Zentrum des Renaissance-Humanismus in Deutschland, einer Strömung, die auch Dürers Schaffen beeinflusste. Andere, wie der Astronom Regiomontanus (eigentlich Johannes Müller, 1436–1476) oder sein Förderer, der Mathematiker Bernhard Walther (1430–1504), dessen Haus am Tiergärtnertor Dürer 1509 erwarb, begründeten Nürnbergs Ruf als Stätte von Naturwissenschaften und Technik. Aspekte, die sich in Dürers späteren Büchern zur Geometrie, den Proportionen und zum Festungsbau wiederfinden.
Dürer war ein Migrantenkind. Sein Vater, Albrecht Dürer d. Ä. (um 1427–1502), hatte in seinem ungarischen Geburtsort Ajtós das Goldschmiedehandwerk erlernt und war nach Jahren der Wanderschaft 1455 in Nürnberg ansässig geworden. Zunächst arbeitete er als Geselle des Goldschmieds Hieronymus Holper, bevor er 1467 endlich das Bürgerrecht erhielt und wenig später Holpers 15-jährige Tochter Barbara heiratete.
Der Name des Heimatorts wurde zum Familiennamen: Das ungarische ajtós bedeutet übersetzt „Tür“ – „Türer“ bzw. „Dürer“ meint also schlicht „aus Ajtós“. Die Herkunft des Vaters spiegelt sich auch in dem von seinem Sohn entworfenen Familienwappen, das eine geöffnete Tür zeigt.
Die junge Familie wird wahrscheinlich nach örtlicher Sitte zunächst im Haus der Schwiegereltern Holper in der Stöpselgasse unterhalb der Nürnberger Burg gewohnt haben. Hier wurde 1471 vermutlich auch Albrecht d. J. geboren. Barbara Holper brachte zwischen 1468 und 1492 sieben Mädchen und elf Jungen zur Welt. Von den 18 Kindern erreichten jedoch nur drei Buben das Erwachsenenalter, neben Albrecht die jüngeren Brüder Endres (1484–1555) und Hans (1490–1534). Woran genau die anderen Geschwister gestorben sind, wird in der „Familienchronik“ nicht berichtet.
Der Vater Dürers ist ein angesehener Handwerker
Beruflich war Albrecht d. Ä. durchaus erfolgreich. 1468 zum Meister ernannt, konnte er 1475 ein eigenes Haus in bester Wohnlage „Unter der Veste“ (heute Burgstraße 27) für 200 Gulden kaufen. 1480 mietete er für fünf Gulden jährlich einen kleinen Laden am Rathaus. Zu seinen Kunden zählten neben dem Nürnberger Rat auch der Bischof von Posen und Kaiser Friedrich III., der 1489 eine Anzahl Trinkgefäße bei ihm bestellte. Leider hat sich keine seiner Arbeiten sicher erhalten.
Das Ansehen der Familie zeigt sich in den Paten der Kinder. Zu diesen gehörten neben mehreren Goldschmieden und dem bereits genannten Anton Koberger auch der vermögende Astronom Bernhard Walther oder ein „Endres Stromeyer“, vermutlich der Patrizier Andreas Stromer. Hier wird die Bedeutung der „Burgstraßen-Nachbarschaft“, dem Viertel zwischen der Nürnberger Burg und der Pfarrkirche St. Sebald, als einem wichtigen sozialen und beruflichen Netzwerk deutlich.
Zwar schrieb Dürer mehrfach, seine Eltern hätten „große Armut“ gelitten, doch spricht vieles dafür, dass Albrecht d. Ä. durchaus wohlhabend war. 1483 hatte er genug Kapital, um einen Gesellschaftsanteil (Kuxe) an der Gewerkschaft der Alten Zeche in Goldkronach im Fichtelgebirge zu erwerben, eine am Ende des 15. Jahrhunderts beliebte Form der Finanzinvestition.
Insgesamt lebte die Familie wohl auf dem Niveau einer durchschnittlichen Handwerkerfamilie ihrer Zeit, was Dürer vielleicht verglichen mit dem Vermögen seiner Patrizierfreunde, aber auch seinem eigenen späteren Besitz, bescheiden vorkam.
Bevor der junge Albrecht als Goldschmiedelehrling beim Vater eintrat, besuchte er für einige Jahre die Schule. Während die vier Pfarr- bzw. Lateinschulen der Stadt auf ein Universitätsstudium vorbereiteten, wurde in den privat geführten Schreib- und Rechenmeisterschulen das unterrichtet, was für eine spätere Berufsausübung als Handwerker oder Kaufmann von praktischem Nutzen war: Lesen, Schreiben und Rechnen. Dürers fehlende Latein-, aber exzellente Mathematikkenntnisse sprechen für einen solchen Unterricht.
Mit etwa zwölf Jahren begann Albrecht 1483 eine Goldschmiedelehre in der väterlichen Werkstatt. Seine spätere Meisterschaft im Kupferstich ist unter anderem auf seine Ausbildung als Goldschmied zurückzuführen, bei der die Metallgravur eine wesentliche Rolle spielte. Ein wichtiger Bestandteil des Unterrichts war die Übung im Zeichnen. Damit ist vor allem das Abzeichnen von Vorlagen gemeint, weniger das freie Zeichnen und Entwerfen. Dürer übte jedoch beides.
Sein überragendes Talent äußert sich in einer der frühesten datierten Zeichnungen, dem „Selbstporträt als Knabe“ von 1484 (heute im Besitz der Albertina in Wien). Die später angefügte Inschrift gibt Auskunft über die Entstehungsumstände: „Dz hab ich aws eim spigell nach / mir selbs kunterfet Im 1484 Jar / Do ich noch ein kint was / Albrecht Dürer“.
Die Zeichnung ist nicht nur ein äußerst lebensnahes Bildnis, sie weist auch einen erstaunlich differenzierten Umgang mit der anspruchsvollen Silberstifttechnik auf: Die Gesichtszüge werden durch unterschiedlich dicht gesetzte Parallelschraffuren modelliert, die Licht- und Schattenpartien in verschiedener Intensität wiedergeben. Gewandstruktur und Faltenwürfe sind durch flüchtigere Parallel- und Kreuzschraffuren herausgearbeitet.
Dürer hat die Zeichnung zeitlebens als Dokument seiner Gestalt ebenso wie seiner Zeichenkunst im Alter von 13 Jahren aufbewahrt. Abgesehen vom knabenhaften Antlitz haftet dem Werk nichts Kindliches an. Das „Selbstporträt als Knabe“ ist ein Meisterwerk der Graphik und gilt als früheste autonome Selbstbildniszeichnung der europäischen Kunstgeschichte.
Wechsel der Profession: Die Malerei begeistert Dürer mehr
Die frühe Meisterschaft von Dürers „Selbstporträt als Knabe“ lässt sich nicht zuletzt mit einer umfassenden künstlerischen Grundausbildung beim Vater erklären, der als Erster das Talent seines Sohnes erkannt und gefördert hat. Insofern muss es eine große Enttäuschung gewesen sein, als der Junge den Wunsch äußerte, dass er nicht Goldschmied, sondern Maler werden wolle, da „mich mein lust mehr zu der mallerei dan zum goltschmidwerckh [trug]“, wie er in der „Familienchronik“ schreibt.
Nicht nur, dass die Goldschmiedekunst schon aufgrund der kostbaren Materialien gegenüber der Malerei das weitaus prestigeträchtigere Handwerk war, auch die Zukunft des Familienunternehmens und damit die Versorgung der Familienmitglieder stand auf dem Spiel. Am Ende war es der 1484 geborene Endres Dürer, der in die Fußstapfen des Vaters treten und nach dessen Tod 1502 die Werkstatt weiterführen sollte.
Im November 1486 begann der damals 16-jährige Albrecht eine dreijährige Lehre beim Nürnberger Maler Michael Wolgemut (1434–1519). Wolgemut betrieb in der Burggasse in unmittelbarer Nachbarschaft zur Dürer-Familie die größte Malerwerkstätte Nürnbergs, die neben Gemälden auch mehrteilige Flügelaltäre sowie Entwürfe für Glasmalereien und Holzschnittillustrationen erstellte.
In der Wolgemut-Werkstatt erlernte der junge Dürer die handwerklichen Seiten des Malerberufs – von der Vorbereitung des Malgrunds über das richtige Mischen von Pigmenten und Bindemitteln bis hin zu spezielleren Techniken wie dem Auftragen von Goldgründen. Die Gemälde Wolgemuts stehen in der Tradition des süddeutsch-niederländischen Realismus, wie ihn sein mutmaßlicher Lehrmeister und Werkstattgründer Hans Pleydenwurff (um 1420–1472) Mitte des 15. Jahrhunderts in die Nürnberger Malerei eingeführt hatte. In dieser Ausprägung des Realismus wird die christliche Heilsgeschichte in die Welt eines spätmittelalterlichen Betrachters versetzt und lebensnah ausgestaltet.
Wesentlich für Dürers spätere Doppelkarriere als Maler und Graphiker war Wolgemuts Tätigkeit als Entwurfszeichner („Reißer“) für Holzschnitte. Zusammen mit dem in der Werkstatt tätigen Stiefsohn Wilhelm Pleydenwurff entwarf er unter anderem die Holzschnitte der „Schedelschen Weltchronik“. Das 1493 erschienene Monumentalwerk des Nürnberger Arztes Hartmann Schedel enthält auf rund 600 Folioseiten insgesamt 1804 Illustrationen von 652 Holzstöcken.
Gedruckt wurde die illustrierte Weltgeschichte von Dürers Paten Anton Koberger. Ob Dürer in seiner Lehrzeit an der „Weltchronik“ beteiligt war, lässt sich nicht nachweisen. Doch das Werk hat Maßstäbe gesetzt, denen er selbst wenige Jahre später in seinen großformatigen Holzschnittbüchern nacheifern und die er an künstlerischem Anspruch weit übertreffen sollte.
Die eigenen Eltern werden zum Motiv der ersten Gemälde
Zum Abschluss seiner Lehrzeit malte der 18-Jährige die Bildnisse seiner Eltern (Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum; Florenz, Uffizien). Die auf 1490 datierten Tafeln sind seine frühesten erhaltenen Gemälde. Dürer hat seine Eltern im Dreiviertelprofil vor einem dunkelgrünen Hintergrund dargestellt. Beide halten als Ausweis ihres gottesfürchtigen Lebens Rosenkränze in den Händen.
Die lebensnahen „Elternporträts“ sind Zeugnisse für die künstlerische Entwicklung Albrecht Dürers während der Lehrzeit und markieren mit ihrer realistischen Charakterisierung der Personen gleichzeitig den Aufbruch zu einer neuen Kunst. Dürer behielt sie als Andenken zeitlebens in seinem Besitz.
Um seine Kenntnisse zu erweitern, ging Dürer von 1490 bis 1494 auf Gesellenwanderschaft. Zwar gab es in Nürnberg im Gegensatz zu anderen Städten keine Zünfte, welche die Ausbildung regelten – der patrizische Rat hatte die Zünfte nach einem Handwerkeraufstand 1348/49 abgeschafft –, doch gab es für die einzelnen Handwerke unterschiedliche Ordnungen, die auch Bestimmungen zur Wanderschaft umfassten. Das Malerhandwerk besaß als „freie Kunst“ keine Ordnung, doch unterstützte Albrecht d. Ä. vielleicht mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen die Gesellenreise seines Sohnes.
Den spärlichen Quellen zufolge hielt sich Dürer vor allem am Oberrhein auf. Zwei Dinge haben ihn vermutlich angezogen: zunächst der Ruhm Martin Schongauers (um 1450–1491) von Colmar, der als einer der größten Maler und Kupferstecher seiner Zeit angesehen wurde, und zweitens der Ruf Straßburgs und Basels als Zentren der Druckkunst. Christoph II. Scheurl zufolge hatte Albrecht d. Ä. sogar zunächst in Erwägung gezogen, seinen Sohn bei Schongauer in die Lehre zu schicken.
Kopien der Werke des Malers Martin Schongauer
Die gewünschte Begegnung blieb Dürer versagt: Kurz bevor er die Stadt Colmar erreichte, starb Martin Schongauer. Immerhin wurde er von dessen Brüdern empfangen, erhielt Zugang zur Werkstatt des verstorbenen Meisters und durfte dessen Werke kopieren.
In welchem Maß Dürer in der Auseinandersetzung mit Zeichnungen und Druckgraphiken Schongauers eine neue Sicht auf die Kunst entwickelte, veranschaulicht ein um 1492/93 entstandenes Blatt, dessen Vorderseite eine „Heilige Familie“, die Rückseite ein Selbstbildnis Dürers zeigt (Erlangen, Universitätsbibliothek). Während die Zeichnung der Vorderseite an Madonnen-Kompositionen Schongauers angelehnt ist, handelt es sich bei der Rückseite um eine Studie nach der Natur, wobei Dürer sich selbst als Modell genommen hat. Die Zeichnung wird beherrscht von dem nachdenklichen, fast hypnotischen Blick des Dargestellten. Dürers eigene Sicht auf die Welt und die Kunst entstand buchstäblich auf dem Rücken der spätmittelalterlichen Kunst des Oberrheins.
Bis heute herrschen in der Dürer-Forschung Kontroversen, welche Werke Dürer während seiner Gesellenwanderschaft geschaffen hat. Die erstmals vom Basler Kunsthistoriker Daniel Burckhardt 1892 vorgenommene Zuschreibung von mehreren hundert Buchholzschnitten ist umstritten. Tatsächlich sind die einzelnen Illustrationszyklen in sich stilistisch heterogen und bieten oft wenig Anknüpfungspunkte an das gesicherte Dürer-Œuvre. Eine umfassende Neubewertung des „Basler Holzschnittwerks“ steht noch aus.
Rätsel gibt auch eines der wenigen Gemälde aus der Zeit der Gesellenwanderschaft, das „Selbstbildnis von 1493“ (Paris, Louvre), auf. Das vielleicht in Straßburg entstandene Bild gilt als erstes gemaltes Selbstporträt Dürers. Das Brustbild im Dreiviertelprofil dokumentiert sein noch sehr jugendlich wirkendes Aussehen im Alter von etwa 22 Jahren. Das geschnürte Hemd und der Mantel mit durchbrochenen Ärmeln zeugen von seinem früh erwachten Modebewusstsein. Das Pergamentgemälde verweist auf die intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, kombiniert mit einer genauen Naturbeobachtung und einer meisterhaften Darstellungskunst.
Dies betrifft auch die Pflanze in seiner Hand. Sie wurde lange, ausgehend von einer Erwähnung bei Johann Wolfgang von Goethe, als Distel (Eryngium) gedeutet, im Volksmund auch „Mannstreu“ genannt. Spätere Interpretatoren sahen dies als einen symbolischen Vorausweis auf die bevorstehende Heirat mit Agnes Frey, die kurz nach Dürers Rückkehr nach Nürnberg im Frühjahr 1494 stattfand.
Der romantischen Lesart widerspricht die wohl eigenhändige Inschrift: „My sach die gat / Als es oben schtat“, das heißt so viel wie „Meine Geschicke werden von Gott bestimmt“. Dieser Ausdruck von Gottvertrauen und -ergebenheit ist nur schwer mit der Bestimmung des Gemäldes als Brautwerbung zu vereinbaren. Der Blick in botanische Bücher der Zeit zeigt, dass die dargestellte Pflanze den Zeitgenossen vielmehr als „Sternkraut“ bekannt war. Die Pflanze sollte angeblich in der Nacht wie die Sterne am Himmel leuchten, was als Hinweis auf das Einwirken übernatürlicher Kräfte verstanden wurde. Welche Botschaft Dürer genau mit dem Selbstbildnis verband, bleibt wohl für immer ein Geheimnis.
Eine eigene Werkstatt in Dürers Heimatstadt
Mit dem Selbstbildnis und vielen Zeichnungen im Gepäck trat Dürer im Frühjahr 1494 die Heimreise an. Wie erwähnt, wartete in Nürnberg auf ihn bereits eine Braut, die vier Jahre jüngere Nachbarstochter Agnes Frey (1475–1539), die er am 7. Juli 1494 heiratete. Die Ehe war zwischen den Vätern arrangiert worden. Agnes stammte mütterlicherseits aus einer Patrizierfamilie, brachte eine durchaus beachtliche Mitgift in Höhe von 200 Gulden und wirkte als tüchtige Haushälterin und geschäftssinnige Verkäuferin von Dürers Werken. Außerdem diente sie ihrem Mann immer wieder als Modell. Auch wenn die Ehe kinderlos blieb und Dürer wenig über seine Frau schreibt, spricht alles dafür, dass er „seine Agnes“ sehr geschätzt hat.
Agnes’ Mitgift investierte Dürer wohl in den Aufbau einer eigenen Werkstatt. Da er weder über die Räumlichkeiten noch das Personal verfügte, um der großen Altarwerkstatt seines Lehrmeisters Michael Wolgemut Konkurrenz zu machen, setzte er von Anfang an ein Schwergewicht seiner künstlerischen Tätigkeit auf die Druckgraphik.
Binnen weniger Jahre erstellte er ein Sortiment von Holzschnitten und Kupferstichen, dessen Themenvielfalt und technische Meisterschaft alles übertraf, was man in Deutschland bis dahin gesehen hatte. Dabei kamen ihm seine reichen Erfahrungen während der Lehrjahre und der Wanderschaft zugute. Auch wenn er gelegentlich klagte – der „glückliche“ Dürer war unter einem günstigen Stern geboren, wie ihm der Nürnberger Gelehrte Lorenz Beheim in einem Horoskop bestätigte: „Er hat den Löwen als aufsteigendes Haus, daher ist er mager; weil an dessen Ende das Glücksrad sich befindet, deswegen gewinnt er Geld, und zwar, weil Merkur im Haus ist, wegen seines Genies in der Malerei.“
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