Nur wenige Lebenserinnerungen von sowjetischen Kriegsgefangenen sind überliefert, galten die Überlebenden doch den Sowjets als Verräter und mussten mit ihrer Deportation nach Sibirien rechnen. Umso bedeutsamer ist der Bericht, den der Offizier der Roten Armee Tamurbek Dawletschin hinterlassen hat.
Der Autor war kein Russe, sondern ein tatarischer Muslim aus Sildjär in Baschkirien. Seine Erfahrungen mit der Zwangskollektivierung unter Stalin hatten ihn zum Regimegegner gemacht. Einberufen im Juni 1941, geriet der Jurist und Dozent an der Universität Kasan nur zwei Monaten später in deutsche Kriegsgefangenschaft. Sein leidvoller Weg, über den er sehr differenziert berichtet, führte ihn durch die Lager Porchow, Riga und Pogegen (Pagėgiai, Litauen) bis nach Fallingbostel und Bergen-Belsen.
In den dortigen, noch unfertigen Baracken mussten die Gefangenen trotz eisiger Temperaturen ausharren, ohne Öfen, Pritschen oder Licht. Dawletschin schildert nüchtern die unglaubliche Brutalität der Wachmannschaften, die wahllos auf die Wehrlosen einschlugen oder sie demütigten. „Das Verprügeln von Gefangenen wuchs sich zu einer Art sportlichen Betätigung aus. Man nahm ihnen ihre Gürtel ab und ließ daraus in der Werkstatt Peitschen flechten, mit denen sie geschlagen wurden.“
Auch Kranke mussten zu den Zählappellen antreten, was viele nicht überlebten. Die Ernährung war völlig unzureichend und bestand täglich nur aus einem dreiviertel Liter dünner Kohlsuppe. Der Autor musste zwar das harte Lagerleben ertragen, wurde aber wegen seiner Deutschkenntnisse als Lagerschreiber eingesetzt. Außerdem galt er als Muslim als Verbündeter gegen Stalin, vielleicht der Grund, weswegen er im Juli 1942 entlassen wurde.
Dawletschins Gesundheit war durch Tuberkulose zeitlebens geschädigt. Er blieb in Deutschland, verfasste unter anderem ein tatarisch-deutsches Wörterbuch und starb 1983 in München.





