Im 18. Jahrhundert war ein Umbruch im Gange: Immer mehr Gelehrte hatten begonnen, statt des etablierten Latein in ihren Veröffentlichungen das Deutsche als Schriftsprache zu nutzen – bisher galt dieses eher als Alltagssprache. Um die deutsche Schriftsprache zu pflegen und zu vereinheitlichen, begannen damals Sprachforscher, umfangreiche Wörterbücher anzulegen, sogenannte Glossarien. Auch der Baseler Professor Johann Jakob Spreng gehörte dazu. Von 1740 bis zu seinem Todesjahr vor 250 Jahren arbeitete er an seinem historisch-etymologischen Wörterbuch, dem “Großen Glossarium der deutschen Sprache”.
“Das wäre eine Sensation gewesen”
Wie damals üblich, verfasste Spreng als einzelner Autor sämtliche Einträge selbst. Sein Werk füllte schließlich 20 Bände und eine große Schachtel mit 33.000 losen Zetteln. Mit 95.000 Einträgen war Sprengs Glossarium mit Abstand das größte seiner Zeit. Denn die bis dahin größte Wörtersammlung, verfasst von Johann Christoph Adelung, hatte gerade einmal 50.000 Einträge. “Wäre das damals umfangreichste deutsche Wörterbuch gedruckt worden, wäre das eine Sensation gewesen”, erklärt Heinrich Löffler, emeritierter Sprachwissenschaftler der Universität Basel.
Doch daraus wurde nichts: Sprengs monumentales Werk wurde nie gedruckt – er fand nicht genügend zahlende Interessenten. Einen der Gründe sieht Löffler in der damaligen Haltung der etablierten Wissenschaft: Das Bewusstsein für das neue Deutsch als Hochsprache oder gar als Wissenschaftssprache war noch nicht verbreitet. “Spreng war seiner Zeit um Jahrzehnte voraus”, sagt Löffler.
Hinzu kam, dass Spreng damals als Außenseiter galt. Der Sprachkundler war an der Basler Universität nur außerordentlicher Professor ohne Salär und musste daher nebenher als Waisenhauspfarrer arbeiten. Nur so konnte er seinen Lebensunterhalt verdienen. 1763 kam es dann zu einem Skandal: Der Professor soll sich in frivolem Ton über katholische Heiligenlegenden ausgelassen haben und bekam dafür prompt ein Publikationsverbot.
250 Jahre lang vergessen
Nach dem Tod von Johann Jakob Spreng geriet sein großes Werk in Vergessenheit. Die umfangreichen Handschriften und Zettel lagen zunächst fast 100 Jahre lang bei den Erben Sprengs. Im Jahr 1862 kam das Konvolut in die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek Basel. Doch auch dort blieb Sprengs Glossarium weitgehend unbeachtet. Weil bei ersten Sichtungen des Materials das Werk unvollständig und chaotisch erschien, lagerte man es im Keller der Bibliothek ein – und vergaß es.
Wiederentdeckt wurde dieser linguistische Schatz erst vor wenigen Jahren – eher durch Zufall. Denn eigentlich suchte Heinrich Löffler nach Material eines früheren Werks Sprengs, das älteste Baseldeutsche Wörterbuch “Idioticon Rauracum”. Doch als er auf die Kisten und Bände im Bibliothekskeller stieß, beschloss er, sich das Material näher anzuschauen. Schon bald zeigte sich, dass das große Wörterbuchs Sprengs keineswegs unvollständig war, wie zunächst angenommen. Alle fehlenden Einträge fanden sich auf den zehntausenden Zetteln, die fein säuberlich in 1000 einzelnen Couverts verpackt waren.





