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Macht und Funktion historischer Mythen
Geschichte & Archäologie

Macht und Funktion historischer Mythen

Seit Hekataios und Thukydides sehen Historiker ihre Aufgabe darin, Mythen zu zerstören und für sich ein besseres, da valideres Wissen von der Vergangenheit zu reklamieren. Zur gleichen Zeit hat ihnen jedoch Herodot in seinem Geschichtswerk indirekt widersprochen: Indem er die Erzählungen seiner Gewährsleute in den verschiedenen Städten und Gruppen aufnahm und in einen größeren Zusammenhang rückte, rehabilitierte er die lokalen Geschichtsmythen, basierend auf der unverächtlichen Einsicht, dass sie für die jeweilige Gemeinschaft Sinn stiften, Identität stärken und kollektives Handeln unterstützen, also Geschichte mit Bedeutung sind.
Autor
Redaktion wissenschaft.de
20. März 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Zugleich wurde seine Schilderung der Perserkriege selbst zur Grundlage für einen bis heute nachwirkenden Geschichtsmythos, dem des Freiheitskampfes einer Handvoll griechischer Städte gegen ein despotisch regiertes Großreich im Osten.

Verbreitet (und nach wie vor Teil des Selbstverständnisses vieler Historiker) ist die Forderung, solche Mythen als falsch und oft ideologisch motiviert zu entlarven, zu „dekonstruieren“, wie es gern heißt. Doch die Dinge sind viel komplizierter, wie Benjamin Hasselhorn in seiner theoretisch fundierten, dabei gut lesbaren Studie zu zeigen vermag. Denn Geschichtsmythen sind nicht einfach wahr oder falsch, sondern zunächst einmal verknappte und kondensierte Erzählungen über historische Ereignisse oder Personen, die für eine bestimmte Bezugsgruppe in einer bestimmten Zeit funktionieren, weil sie auf eine vergangene Wirklichkeit rekurrieren und Sinn ergeben.

Der „richtige“ Umgang mit ihnen ist – neben einer Prüfung ihrer Triftigkeit – die Analyse von Entstehung, Wirkung, Transformation und gegebenenfalls Verblassen zumal langlebiger Geschichtsmythen sowie die „Arbeit am Mythos“, also der Versuch, selbst Erzählungen zu entwickeln, die einer Kritik standhalten und gleichwohl gesellschaftlich konstitutiv zu wirken vermögen.

Fachlich versierte Leser werden die ersten hundert Seiten „Grundlegung einer Geschichtsmythenforschung“ als vorzüglichen Cicerone durch die verzweigte Begriffs- und Theoriediskussion schätzen, doch die folgende Parade gut ausgewählter Fallbeispiele kann auch ohne diese Rahmung mit Gewinn gelesen werden. Vorgestellt wird unter anderem der am Ende erfolglose Versuch Kaiser Wilhelms II., seinen Großvater gegen den über das Kaiserreich hinaus mächtigen Bismarck-Mythos in Stellung zu bringen.

Am Beispiel von Martin Luther und Jeanne d’Arc zeigt der Autor, wie Geschichtsmythen mit Blick auf Trägergruppe und politische Funktion Wandlungen unterworfen sind, die aber ihren fixen Kern kaum berühren. Mythenkämpfe gewinnen Kontur anhand der Befreiungskriege in Deutschland (heute kaum mehr von Bedeutung) sowie der „Resistenza“ in Italien, an der nach wie vor Deutung und Bewertung der Mussolini-Zeit hängen.

Der lebendige und daher unzerstörbar erscheinende Churchill-Mythos führt über das Wechselspiel von Aufstellen und Wegräumen einer Büste des Kriegspremiers im Weißen Haus in Washington unmittelbar in die Gegenwart von Donald Trump. Ein immergrünes Thema also, daher ein lesenswertes Buch.

Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

Benjamin Hasselhorn
Geschichtsmythen
Die Macht historischer Erzählungen
Europa Verlag, München 2025, 384 Seiten, € 32,–

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