Im Jahr 541 kam es in Konstantinopel, Zentrum des Oströmischen Reichs, zu einem Vorfall, der die Gemüter heftig erregte: „Eine Frau, die in der Nähe der sogenannten Goldenen Pforte wohnte, wurde in einer Nacht vom Wahrsagegeist erfüllt und sprudelte vieles heraus; infolgedessen veranstalteten die Volksmassen von Konstantinopel einen Auflauf, sie begaben sich in einer Bittprozession zur Kirche des heiligen Diomedes in Jerusalem, sie führten das Weib aus ihrem Hause hervor und verbrachten sie hinein in die Kirche des heiligen Diomedes. Sagte sie doch, dass nach drei Tagen das Meer ansteigen und alle verschlingen würde. Und alle nahmen an der Bittprozession teil und riefen das ‚Herr, erbarme dich unser‘. Vom Hörensagen wusste man ja, dass auch viele Städte unter den Wogen untergegangen waren. Damals kam es aber auch in Ägypten, insbesondere in Alexandreia, zu einem Menschensterben.“
Es ist Johannes Malalas, der uns in seiner „Weltchronik“ aus dem 6. Jahrhundert über diese aufsehenerregende Begebenheit informiert und damit wie in einem Brennglas zentrale Aspekte einfängt, die jene Dekaden, die man gemeinhin als das „Zeitalter Justinians“ glorifiziert, gekennzeichnet haben: schwerste Katastrophen (das „Menschensterben“ in der ägyptischen Metropole signalisierte nicht weniger als den Ausbruch der verheerenden „Justinianischen Pest“), eine tiefempfundene Frömmigkeit und eine viele Zeitgenossen lähmende Angst – vor scharfen und rücksichtslosen Maßnahmen Kaiser Justinians (527–565) und seiner Amtsträger, vor weiterem Unheil und schließlich vor dem vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt.





