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Gefangen in einer Ära der Angst
Die „Weltchronik“ des Johannes Malalas in griechischer Sprache ist das erste erhaltene Werk der Geschichtsschreibung, das die gesamte Spanne von der Schöpfung bis in die Zeit des Autors umfasst. Sie endet in der Regierungszeit Kaiser Justinians (527–565) – einer Ära der Katastrophen und Tragödien.
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Im Jahr 541 kam es in Konstantinopel, Zentrum des Oströmischen Reichs, zu einem Vorfall, der die Gemüter heftig erregte: „Eine Frau, die in der Nähe der sogenannten Goldenen Pforte wohnte, wurde in einer Nacht vom Wahrsagegeist erfüllt und sprudelte vieles heraus; infolgedessen veranstalteten die Volksmassen von Konstantinopel einen Auflauf, sie begaben sich in einer Bittprozession zur Kirche des heiligen Diomedes in Jerusalem, sie führten das Weib aus ihrem Hause hervor und verbrachten sie hinein in die Kirche des heiligen Diomedes. Sagte sie doch, dass nach drei Tagen das Meer ansteigen und alle verschlingen würde. Und alle nahmen an der Bittprozession teil und riefen das ‚Herr, erbarme dich unser‘. Vom Hörensagen wusste man ja, dass auch viele Städte unter den Wogen untergegangen waren. Damals kam es aber auch in Ägypten, insbesondere in Alexandreia, zu einem Menschensterben.“
Es ist Johannes Malalas, der uns in seiner „Weltchronik“ aus dem 6. Jahrhundert über diese aufsehenerregende Begebenheit informiert und damit wie in einem Brennglas zentrale Aspekte einfängt, die jene Dekaden, die man gemeinhin als das „Zeitalter Justinians“ glorifiziert, gekennzeichnet haben: schwerste Katastrophen (das „Menschensterben“ in der ägyptischen Metropole signalisierte nicht weniger als den Ausbruch der verheerenden „Justinianischen Pest“), eine tiefempfundene Frömmigkeit und eine viele Zeitgenossen lähmende Angst – vor scharfen und rücksichtslosen Maßnahmen Kaiser Justinians (527–565) und seiner Amtsträger, vor weiterem Unheil und schließlich vor dem vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Ende der Welt.
Beben, Brände, Seuchen – viele erwarten das baldige Ende der Welt
Apokalyptische Prophezeiungen wie die der anonymen Frau waren nicht selten in jenen Tagen, und stets spülten sie verbreitete Unsicherheiten und Befürchtungen an die Oberfläche. Dies geschah nicht ohne Grund: Es ist ebenfalls Johannes Malalas, der uns mit einer nahezu endlosen Serie schwerster Katastrophen konfrontiert, die seit der Wende zum 6. Jahrhundert über das Oströmische Reich hereingebrochen waren: Zerstörerische Erdbeben, Brand- und Flutkatastrophen, Barbareneinfälle und Kriegsniederlagen, dazu ungewöhnliche Naturphänomene wie Nordlichter und Kometen reihten sich aneinander, gipfelnd im Ausbruch der Pest im Jahr 541. Die Menschen taumelten von einer Tragödie in die nächste. Malalas beziffert allein die Opfer jenes Erdbebens, das im Jahr 526 seine Heimatstadt Antiocheia (Antiochia am Orontes; heute Antakya, Türkei) in Trümmer legte, auf 250 000.
Mit der allgegenwärtigen Angst verband sich indes auch eine schaurige Zuversicht. Denn man glaubte den Grund für das übergreifende Unheil zu kennen: Seit dem 3. Jahrhundert hatten gelehrte Kalkulationen zunehmend an Popularität gewonnen, die – ausgehend von einem 6000-jährigen Bestehen der irdischen Welt – die Geburt Christi in das Weltjahr 5500 datierten und den Jüngsten Tag damit in den Jahren um 500 erwarteten. Diese Berechnungen waren weit verbreitet und allgemein bekannt; selbst im Gottesdienst wurde ihrer gedacht. Malalas indes war nicht ganz überzeugt vom baldigen Ende. Er stützte sich auf ein alternatives Berechnungsmuster, das offenbar im syrischen Umfeld Antiocheias diskutiert wurde und nicht die Geburt Christi in das Jahr 5500 datierte, sondern die Kreuzigung im Jahr 6000 ansetzte. Das aber bedeutete: Die kritischen 6000 Jahre waren schon längst abgelaufen, ein unmittelbar drohendes Ende der Welt somit nicht zu befürchten.
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Über den gesamten Text der „Weltchronik“ verteilt finden sich Ausflüge in die Chronologie, in denen der Autor gängige Rechenmodelle zurückweist und für seine eigene Kalkulation wirbt. Die darin enthaltenen Angaben sind im Lauf der Überlieferung des Textes bis zur Unkenntlichkeit entstellt oder von späteren Kopisten, die andere Berechnungen bevorzugten, gezielt „korrigiert“ worden.
Erst in jüngerer Zeit ist die Wiederherstellung der ursprünglichen Zahlen gelungen. Das Ergebnis ist eindeutig: Malalas wollte seinen Zeitgenossen plausibel machen, dass niemand mehr den Ablauf der 6000 Jahre zu fürchten habe; er argumentiert dabei historisch, indem er weit ausgreift und die Geschichte der Menschheit von Adam bis in seine eigene Zeit erzählt. Wir sollten uns daher näher diesem Autor zuwenden und die Struktur seiner 18 Bücher umfassenden „Weltchronik“ genauer betrachten.
Bis in die frühen 2000er Jahre haben Historiker und Philologen zumeist einen weiten Bogen um die Malalas-Chronik gemacht. Wer sich mit der Geschichte des 6. Jahrhunderts beschäftigte, griff lieber zu den Werken Prokops, eines Zeitgenossen, der sich selbst in die Tradition der großen antiken Historiographie stellte und sich an Vorbilder wie Thukydides oder Polybios anlehnte.
Noch im 6. Jahrhundert fand Prokop Fortsetzer in Autoren wie Agathias und Menander Protektor. Diese Form der Historiographie, häufig als „klassizistische Profangeschichtsschreibung“ bezeichnet, wirkt auf den Althistoriker vertraut, weil sie mit traditionellen, bekannten Versatzstücken arbeitet. Das gilt in gewissem Maß auch für die Kirchengeschichtsschreibung, die ihren ersten wichtigen Vertreter im 4. Jahrhundert in Eusebios von Kaisareia fand und im späten 6. Jahrhundert von Euagrios repräsentiert wird. Eher stiefmütterlich wurde daneben stets die Chronistik behandelt: Sie galt als Gattung, in der sich ungebildete Mönche betätigten – ihre Texte wurden weitgehend als stumpfe Aufzählungen punktueller Ereignisse in simpler Sprache ohne übergreifende historiographische Konzepte angesehen.
Diese Sichtweise aber ist heute nicht mehr haltbar: Wir wissen inzwischen, dass die Grenzen zwischen den Gattungen weit weniger strikt gezogen werden können, als dies in der Vergangenheit geschehen ist; Prokop und Malalas weisen durchaus Gemeinsamkeiten auf unterschiedlichen Ebenen auf, so etwa in ihren Berichten über die römisch-persischen Kriege des 6. Jahrhunderts oder indem beide bestimmte Katastrophen auf das Wirken Gottes zurückführten. Malalas wiederum liefert keineswegs ausschließlich dürre Ereignislisten, sondern sein Werk ist über weite Strecken gekennzeichnet durch ausgreifende erzählende Partien – nicht zuletzt aus diesem Grund wird seit einigen Jahren die Frage diskutiert, ob die Bezeichnung „Chronik“ überhaupt angemessen ist.
Überdies zeigt der Autor gerade mit Blick auf die drängenden, gerade im 6. Jahrhundert äußerst kontrovers diskutierten dogmatischen und kirchenpolitischen Fragen eine auffällige Zurückhaltung; es ist nicht einmal klar, welcher der christlichen Glaubensgemeinschaften, die in jener Zeit konkurrierten, er zugeordnet werden kann. Auf der anderen Seite jedoch besaß er recht präzise Kenntnisse der Geschichte Antiocheias, die bis zum Jahr 532 im Zentrum seiner Darstellung steht; mit gutem Grund wurde angenommen, dass er auf die Archive des comes Orientis, eines ranghohen, vor Ort ansässigen Amtsträgers, zurückgreifen konnte. Der Autor unseres Textes dürfte eher in diesem Umfeld anzusiedeln sein, war jedenfalls kein ungebildeter, frömmelnder Mönch.
Malalas: ein kaum greifbarer Autor und viele Textvarianten in seinem Namen
Viel mehr wissen wir nicht über den Autor: Während das antiochenische Umfeld und ein gewisser Grad an Bildung und Gelehrsamkeit als sicher angesehen werden können, ist schon der Name ungewiss. In griechischen Handschriften wird der Chronist als „Johannes“ oder „Johannes von Antiocheia“ geführt, spätere Autoren kennen ihn auch als „Johannes Rhetor“ oder „Johannes Malalas“ – der Beiname ist abgeleitet aus dem syrischen mll, was mit „gelehrt“ oder „gebildet“ übersetzt werden kann und dem griechischen rhetor entspricht.
Wenig verwunderlich ist es daher, dass die vielfachen Namensvarianten zu irrtümlichen Gleichsetzungen und Verwechslungen geführt haben, so etwa mit dem Patriarchen von Konstantinopel Johannes Scholastikos (565–577) oder dem Historiographen Johannes von Antiocheia aus dem frühen 7. Jahrhundert. Noch komplizierter wird es, wenn man Autor und Werk aufeinander zu beziehen versucht. Aus dem auffälligen Umstand, dass sich mit dem Jahr 532 der Fokus der „Weltchronik“ von Antiocheia nach Konstantinopel verschiebt, wurde geschlossen, dass Malalas in diesem Jahr seine Heimatstadt verlassen und sich am Bosporus niedergelassen habe. Dort habe er eine zweite Auflage seines Werks publiziert, erweitert um eher kurze – nun tatsächlich typisch chronikalische – Nachrichten, die weitgehend auf die oströmische Hauptstadt bezogen sind und die zunehmend düstere Stimmung der spätjustinianischen Zeit reflektieren.
Der griechische Text bricht mit dem Jahr 563 ab, doch dürfte die „Weltchronik“ bis zum Tod Justinians im Jahr 565 gereicht haben. Es ist allerdings problematisch, mit Blick darauf von einem „ursprünglichen“ Text zu sprechen. Denn eine zunehmende Anzahl an Indizien deutet darauf hin, dass wir es mit einem living text zu tun haben. Was ist darunter zu verstehen?
Man muss wohl davon ausgehen, dass Malalas selbst nur für den Kern des Textes verantwortlich gemacht werden kann; seine Urfassung der „Weltchronik“ wurde offenbar rasch nach der Publikation von anderen Autoren aufgegriffen, bearbeitet, gekürzt oder fortgeschrieben. Auf diese Art entstanden immer wieder neu und anders ergänzte Versionen, die nebeneinander im Umlauf waren, miteinander konkurrierten, von wiederum anderen Autoren aufeinander bezogen oder zusammengeführt wurden, nur um dann ihrerseits als living texts die Basis für weitere Überarbeitungen zu bieten.
Im Ergebnis müssen wir uns also schon für das ausgehende 6. Jahrhundert ein komplexes Geflecht von Texten vorstellen, die vieles gemeinsam hatten, aber eben nicht identisch waren, die jeweils unterschiedlich weiterbearbeitet wurden und sämtlich unter verschiedenen Namensvarianten unseres Autors bekannt waren.
Wir können auf dieses Geflecht aufgrund der sogenannten Nebenüberlieferung des Malalas schließen – spätere Autoren, die Varianten der „Weltchronik“ verwendet und zitiert haben. Die modernen Malalas-Editionen und -Übersetzungen basieren auf einer Handschrift aus dem 11./12. Jahrhundert, dem „Codex Bodleianus Baroccianus“. Dieser bietet einen Text, der zum einen größere Lücken enthält (Buch 1 fehlt vollständig, daneben gibt es größere Ausfälle in den Büchern 5, 12 und 18), zum anderen zu einem uns unbekannten Zeitpunkt systematisch gekürzt wurde.
Eine weitere Handschrift aus dem 10. Jahrhundert überliefert einen (sicherlich nicht „den“) Text des ersten Buches. Darüber hinaus existiert eine altslawische Malalas-Übersetzung (10./11. Jahrhundert), die (wenngleich ihrerseits unvollständig) an manchen Stellen zur Korrektur und Ergänzung des „Baroccianus“ herangezogen werden kann; und schließlich wissen wir – wie angedeutet –, dass zahlreiche zeitnahe und spätere Autoren auf vollständigere Malalas-Versionen zurückgreifen konnten und diese zumindest annähernd in ihren Werken wiedergeben. Dazu zählen der syrischsprachige Kirchenhistoriker Johannes von Ephesos aus dem ausgehenden 6. Jahrhundert, der bereits erwähnte Kirchenhistoriker Euagrios (spätes 6. Jahrhundert) oder Johannes von Antiocheia (frühes 7. Jahrhundert).
Die Überlieferungslage ist also kompliziert. Und sie wird noch schwieriger, wenn man die sogenannten Fragmenta Tusculana heranzieht. Dabei handelt es sich um wenige Palimpsest-Blätter (das heißt Pergamentstücke, bei denen der ursprüngliche Text abgeschabt und überschrieben wurde), die vielleicht noch aus dem 6. Jahrhundert stammen und für einige Passagen ihrerseits einen abweichenden Malalas-Text bieten.
Wir besitzen also nicht nur ausgesprochen geringe Informationen über den Autor, sondern können sogar darüber diskutieren, ob es sinnvoll erscheint, den überlieferten Text überhaupt als Werk des Johannes Malalas zu bezeichnen; denn wie dieses ursprünglich einmal ausgesehen hat, ob es in einer, zwei oder mehr Editionen publiziert wurde und welche Rolle die Zäsur im Jahr 532 gespielt hat, wissen wir schlichtweg nicht.
Malalas schildert in 18 Büchern die Geschichte bis in die Zeit Justinians
Festeren Grund betreten wir, wenn wir uns die Struktur der „Weltchronik“ ansehen. Die 18 Bücher wirken wie eine kohärente Einheit; sie durchmessen die Geschichte der Menschheit von der Schöpfung bis zum Ende der Herrschaft Justinians und werden durch ein heilsgeschichtliches Konzept zusammengehalten. Denn exakt in der Werkmitte – am Ende von Buch 9 und Beginn von Buch 10 – wird die Geburt Christi und ihre Koinzidenz mit dem Beginn der römischen Monarchie unter Augustus vermeldet. Die darauf zulaufenden ersten neun Bücher behandeln biblische Geschichte, in die der Autor historische und mythologische Überlieferungen zur altorientalischen und griechischen Geschichte eingeflochten hat (Bücher 1 bis 6), die römische Frühzeit (B. 7), Alexander den Großen und die Zeit des Hellenismus (B. 8) sowie die Vorgeschichte des Prinzipats des Augustus (B. 9). Mit Buch 10 beginnt die römische Kaiserzeit bis Diokletian (284 –305), gefolgt von der Geschichte des christlichen Reiches von Konstantin (306 –337) bis Leon II. (474) in den Büchern 13 und 14. Danach thematisiert jedes Buch die Herrschaft eines Kaisers: Zenon (B. 15), Anastasios (B. 16), Justin I. (B. 17) – und schließlich Justinian, dem das mit weitem Abstand ausführlichste Buch (18) gewidmet ist.
Damit aber treten bereits die größten Lücken in Malalas’ Werk zutage: Die römische Republik und die Welt der klassischen griechischen Stadtstaaten (póleis) werden kaum thematisiert. Der Autor konnte sich offenkundig eine andere politische Ordnung als die Monarchie nur schwer vorstellen – und man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen: Die römische Monarchie scheint sich für ihn in der Herrschaft Justinians vollendet zu haben, ja, sie läuft von Augustus über Konstantin direkt auf diesen zu.
Mehrfach ist zudem erkennbar, wie in der „Weltchronik“ Elemente der kaiserlichen Repräsentation aufgegriffen und vermittelt werden, insbesondere das Wirken eines alttestamentlich eingefärbten Tun-Ergehens-Zusammenhangs (wenn eine Tat eine Konsequenz hervorruft), den die „Weltchronik“ verschiedentlich thematisiert und der vom Autor offenbar nicht nur akzeptiert, sondern auch propagiert wurde: Justinian herrschte nicht zuletzt durch die Verbreitung von Angst vor Strafgewalt, und der Chronist folgte ihm in dieser Haltung.
Eine der Hauptquellen der Historie des 5. und 6. Jahrhunderts
Erst in jüngerer Zeit ist deutlich geworden, welch immensen Quellenwert die „Weltchronik“ für die Geschichte des ausgehenden 5. und 6. Jahrhunderts hat – mutmaßlich die Lebenszeit des Autors, für die er sich auf eigene Beobachtung und mündliche Zeitzeugenberichte stützen konnte. In einem kurzen Vorwort, das dem ersten Buch vorgeschaltet ist, grenzt er ausdrücklich die Zeit seit Zenon (474 – 491) von der vorausgehenden Phase ab, für die er, ebenfalls im Vorwort, verschiedene schriftliche Quellen angibt: Er habe, so hält er fest, „aus den Chronographen Afrikanos, Eusebios Pamphilou, Pausanias, Didymos, Theophilos, Klemens, Diodoros, Domninos, Eustathios sowie den Darstellungen vieler anderer gewissenhafter Chronographen, Dichter und Gelehrter“ geschöpft – eine sonderbar anmutende Reihe, die neben unklaren Autoren durchaus klangvolle Namen enthält.
Auch in der Darstellung selbst werden immer wieder vermeintliche Referenzen genannt, darunter Homer, Sophokles, Livius oder Vergil; doch ob Malalas tatsächlich auf deren Werke zurückgreifen konnte oder neben seinen Erkundigungen und Archivrecherchen nicht eher Zusammenfassungen, Kompendien und Handbücher herangezogen hat, ist ungewiss. Die Diskussionen über die Quellen des Malalas stehen jedenfalls noch am Anfang.
Wie angedeutet, gilt die Malalas-Chronik heute als eine der Hauptquellen für die Geschichte des 5. und 6. Jahrhunderts. Doch auch für die Frühzeit, in der Stränge biblischer, orientalischer und griechischer Historie miteinander verflochten werden, ist die Darstellung nicht ohne Wert. Denn sie vermittelt uns einen lebhaften Eindruck davon, wie im 6. Jahrhundert auf die Vergangenheit geblickt, wie und in welchen Zusammenhängen Geschichte konstruiert wurde.
So können wir nicht zuletzt sehr anschaulich nachvollziehen, wie man in christlichen Zeiten mit dem paganen (= „heidnischen“) Erbe umging, ohne es zu verwerfen, wenn etwa griechische Götter wie Zeus zu irdischen Herrschern „degradiert“ werden oder der Gründungsmythos Roms in die Gegenwart gespiegelt wird, indem Ämter, Institutionen und Vorstellungswelten des 6. Jahrhunderts in die Zeit des Romulus zurückprojiziert werden.
Dieses Phänomen findet weitere Parallelen im 6. Jahrhundert: Nachdem im Jahr 476 der letzte weströmische Kaiser abgesetzt worden und poströmische Reiche auf den ehemaligen Gebieten des Imperium Romanum im Westen entstanden waren, wurde auch im Osten darüber diskutiert, was eigentlich römisch sei, was barbarisch, worin eine römische Identität bestehen und worauf sie beruhen könne.
In dieser Situation besann man sich auf die Vergangenheit und begann intensiv an ihr zu arbeiten. Sicherlich nicht zufällig können wir für das 6. Jahrhundert eine ganze Reihe von Texten und Debatten greifen, in denen es um die Konstruktion von Geschichte geht – nicht zuletzt der Kaiser selbst beteiligte sich daran. Die „Weltchronik“ des Malalas ist ebenfalls ein Produkt dieser Diskussionen: Sie fügt biblische, orientalische, griechische und römische Geschichte zu einem heilsgeschichtlich determinierten Gesamtgefüge zusammen, weist dabei den Zeitgenossen ihren Platz im historischen Kontinuum zu und illustriert, dass die irdische Geschichte noch längst nicht zu ihrem Abschluss gelangt ist.
Nicht ohne Grund handelt es sich um die erste erhaltene Weltchronik, welche die gesamte Spanne von Adam bis in die Zeit des Autors durchmisst. Damit wurde die „Weltchronik“ des Malalas zur Grundlage und zum Vorbild für die spätere byzantinische Historiographie.
Sie entstand in einer Zeit schwerster Turbulenzen und verbreiteter Angst. Diese Angst zieht sich untergründig als zentrales Thema durch die Darstellung: Während der Autor die Verbreitung von Angst durch den Kaiser als Mittel der Stabilisierung von Herrschaft und der Disziplinierung der Bevölkerung unterstützt, schließt er sich mit Blick auf das allseits erwartete Weltende einer kleinen Minderheit an, die darum bemüht war, die gegenwärtigen Erfahrungen nicht mit Blick auf die Erwartung eines Weltendes zu interpretieren und den Menschen die Angst zu nehmen.
Wie aber waren die zahllosen Katastrophen, die in der „Weltchronik“ für bestimmte Städte sogar durchnummeriert werden, dann zu erklären? Auch hier setzte Malalas wieder auf das Moment der Angst: Gott, so seine These, strafe die Menschen für ihre Sünden und versuche damit ein frommes, gottgefälliges Leben zu erwirken. Allein davor, so sein Appell, müsse man sich ängstigen – nicht jedoch vor einem unmittelbar drohenden Ende der Welt.
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