Das Gewebe der Politik ist ganz mit Festlichkeiten durchsponnen … der Kongreß schreitet nicht vor, sondern er tanzt. Es ist ein königlicher Wirrwarr … Die Eintracht hat die Völker verbunden, die so lange feindlich waren: ihre berühmtesten Vertreter gaben das erste Beispiel dazu. Eine seltsame Sache, die man hier zum ersten Male sieht: das Vergnügen einigt den Frieden.“ Diese bekannte Beurteilung des Fürsten de Ligne ruft bis heute ein Bild von walzerseligen Festen hervor. Doch auch der zweite Aspekt Lignes verdient Beachtung: Die in neun Monaten erarbeiteten Beschlüsse dieser bislang noch nie dagewesenen Zusammenkunft von Monarchen, Staatsmännern und Diplomaten sicherten Europa eine 100-jährige Friedenszeit – wie immer man diese Jahrzehnte politisch-ideologisch bewerten mag.
In der borussisch geprägten deutschen Geschichtsschreibung hatte der Kongress lange Zeit keine gute Presse, denn er galt als Hindernis für die deutsche Einheit. Der preußische Historiker Heinrich von Treitschke fällte ein vernichtendes Urteil: „Die Erbsünde des gemeinen Durchschnittsschlags der Diplomaten, die Vermischung der Staatsgeschäfte mit der Tändelei, dem Ränkespiel und dem Klatsch des Salons, gedieh zur üppigsten Blüte … Unvermeidlich wirkte diese geistige Armseligkeit und Verlogenheit auf den ganzen Ton des Kongresses zurück. Das flache Vergnügen bot hier den einzigen Schutz gegen die Langeweile. Maskenzüge und Praterfahrten, Bälle und Spielpartien, Schmausereien und lebende Bilder drängten einander in eintönigem Wechsel, so dass die Arbeit der Diplomatie kaum beginnen konnte … Es schien, als wollte der wiederhergestellte alte Fürstenstand den Völkern Europas recht gründlich zeigen, für welches Nichts sie geblutet hatten.“
Nach dem Sieg über Napoleon wurde im Ersten Frieden von Paris (30. Mai 1814) festgelegt, dass sich alle am Krieg beteiligten Mächte innerhalb von zwei Monaten in Wien treffen sollten. Eine Geheimklausel behielt allerdings alle grundlegenden Entscheidungen allein den Großmächten England, Russland, Österreich und Preußen vor. Geplant war, auf einer Vorbereitungskonferenz in London im Juni die brisantesten Probleme bereits vorab zu klären. Dies gelang aber nicht.
In Wien erschienen jedoch nicht nur die unmittelbar am Krieg Beteiligten, sondern die Gesandten aller an der Neuordnung Europas inter-essierten Staaten. Auch zahlreiche deutsche Adlige machten sich auf den Weg, die mit der Mediatisierung ihren Status als unabhängige Souveräne verloren hatten. Von vorausgehenden Kongressen der frühen Neuzeit unterschied sich dieser dadurch, dass mit Ausnahme des Osmanischen Reichs alle europäischen Mächte Vertreter entsandten. Und: Das diplomatische Zeremoniell, vor allem aber Rangstreitigkeiten sollten eine weit geringere Rolle spielen als etwa bei den Gesprächen in Münster und Osnabrück nach dem Dreißigjährigen Krieg. Zudem standen sich in den Verhandlungen erstmals Monarchen und Fürsten persönlich gegenüber, nicht wie bis dahin üblich bevollmächtigte Diplomaten. Von den Königen fehlten nur Ludwig XVIII. von Frankreich und der nicht regierungsfähige Georg III. von Großbritannien. Im Zentrum der Auseinandersetzungen standen daneben die Verhandlungsführer der Großmächte: Metternich für Österreich, gleichzeitig Präsident des Kongresses, Castlereagh und Wellington für England, Nesselrode für Russland, Hardenberg und Humboldt für Preußen sowie Talleyrand mit seiner vielköpfigen Delegation für Frankreich.





