Bücher Ein globales Bild des Kriegs Eine Universalgeschichte des Kriegs stellt eine so historisch wichtige wie schriftstellerisch ambitionierte Aufgabe dar. Die kanadische Historikerin Margaret MacMillan hat diesen Versuch unternommen. Ihr Ausgangspunkt ist die Wahrnehmung, dass heute das geringe Wissen über den Krieg als gesellschaftliches Phänomen im starken Gegensatz zu dessen Relevanz steht. Das gelte nicht nur für die breite Öffentlichkeit; auch an der Universität sei ihr mitunter „seltsame Missachtung“ entgegengeschlagen. MacMillan ist vor allem in der Diplomatiegeschichte des 20. Jahrhunderts ausgewiesen, trotzdem ist ihr Buch keine chronologische Aneinanderreihung von militärischen Haupt- und Staatsaktionen. Sie wählt stattdessen einen thematischen Ansatz und fragt zunächst nach dem Ursprung des Kriegs, wobei ihr die Argumente für Krieg als anthropologische Konstante durchaus einleuchten. Mit dem Aufkommen des Staates habe der Krieg aber eine folgenschwere Aufwertung erfahren: Durch Kriege entstanden einerseits Staaten, andererseits brauchte man zum Kriegführen den Staat – vor allem seine Organisation und sein Geld. Danach setzt sich die Autorin mit den vielfältigen Gründen auseinander, die zu Kriegen führen. Die weiteren Kapitel widmen sich dem Kampf selbst, wobei MacMillan sich sowohl auf den Feldherrenhügel als auch in den Schützengraben begibt. Ausgesprochen interessant lesen sich die Abschnitte zur Rolle der Technik, zur Finanzierung von Kriegen und zu den Geschlechterverhältnissen. Besonderes Augenmerk legt sie auf den gewalthaltigen Alltag der Soldaten und die Rolle der Zivilbevölkerung. Das Buch schließt mit einer Diskussion der Möglichkeiten, Kriege zu verhindern oder zu beenden, und einem Ausblick in die Zukunft. MacMillan entwirft in den einzelnen Kapiteln mit bemer-
kenswerter Literaturkenntnis ein epochenübergreifendes und globales Bild des Krieges. Natürlich bleibt das westliche Modell im Mittelpunkt des Interesses, und der Krieg zu Land überwiegt. Die thematische Betrachtung führt mitunter zu einem regelrechten Schweinsgalopp durch die Geschichte: Dieser beginnt einmal bei Homer, führt dann auf kurzem Weg über Leo Tolstoi (1812), Helmuth von Moltke (1872) zu Norman Schwarzkopf (1991), um von dort über James Burdenell (1854) zu König Philippe VI. von Valois (1346) zu führen. Manchmal verliert sich die Darstellung in einer Vielzahl von Anekdoten.
Margaret MacMillan, Krieg. Wie Konflikte die Menschheit prägten. Propyläen Verlag, Berlin 2021, 384 Seiten, € 30,–.
Eine pointierte Thesenbildung bietet Margaret MacMillan nicht an. Das ist für eine Überblicksdarstellung aber auch nicht zwingend. Viel wichtiger sind ihre erzählerische Kraft (die in der kundigen Übersetzung erhalten bleibt), die thematische Bandbreite und auch ihr Plädoyer, den Krieg ernstzunehmen. Statt selbstgefällige Ignoranz sei politische Wachsamkeit gefragt, denn – daran lässt die Autorin keinen Zweifel – Krieg ist kein Ding der Vergangenheit. Er findet momentan nur woanders statt und kann morgen jederzeit wieder zu unserer Realität werden. Dr. habil. Markus Pöhlmann





