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Maschinenstürmer und Sozialisten
Die zunehmende Schwierigkeit, sich im ländlichen Gewerbe seinen Unterhalt zu verdienen, der Zwang, deshalb in industriellen Großbetrieben unter widrigen Bedingungen zu arbeiten und der daraus resultierende Pauperismus provozierten schon von Anfang an unterschiedlichste Gegenbewegungen. Das Fanal für diese Bewegungen…
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von Stefan Berger
Die armen Weber
Im düstern Auge keine Thräne, Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne: Deutschland, wir weben Dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch – Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten In Winterskälte und Hungersnöthen; Wir haben vergebens gehofft und geharrt, Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt – Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem König, dem König der Reichen, Den unser Elend nicht konnte erweichen, Der den letzten Groschen von uns erpreßt, Und uns wie Hunde erschießen läßt – Wir weben, wir weben! Ein Fluch dem falschen Vaterlande, Wo nur gedeihen Schmach und Schande, Wo jede Blume früh geknickt, Wo Fäulniß und Moder den Wurm erquickt – Wir weben, wir weben! Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, Wir weben emsig Tag und Nacht – Altdeutschland, wir weben Dein Leichentuch, Wir weben hinein den dreifachen Fluch, Wir weben, wir weben! (Heinrich Heine, „Die schlesischen Weber“ 1844) Einen Monat nach der gewalttätigen Niederschlagung des Weberaufstands in Schlesien im Juni 1844, bei der elf Menschen getötet wurden, veröffentlichte Heinrich Heine in der von Karl Marx in Paris herausgegebenen Zeitung Vorwärts! sein berühmtes Gedicht über die schlesischen Weber. Es war nur eine von vielen künstlerischen und literarischen Auseinandersetzungen mit dem sozialen Protest, der den Menschen in den deutschen Landen erstmals vor Augen führte, dass Widerstand gegen das durch die Industrialisierung produzierte soziale Elend die soziale Ordnung gefährden konnte. Gegenbewegungen zur entstehenden Industriegesellschaft erwuchsen häufig im Umfeld derer, die in den neuartigen Fabriken arbeiteten, oder derer, die in der Frühindustrialisierung Fabriken als unmittelbare Bedrohung ihrer bisherigen Lebens- und Arbeitsverhältnisse sahen.
Die protestierenden Weber waren als Kleinproduzenten in Heimarbeit über das sogenannte Verlagswesen beschäftigt. Sie arbeiteten in Familienverbänden und verrichteten Handarbeit. Die Textilfabriken, die ihre Waren viel billiger und in besserer Qualität anbieten konnten, nahmen sie als direkte Existenzbedrohung wahr. Hinzu kam noch ein rapider Bevölkerungsanstieg in Schlesien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der auf den Arbeitsmarkt und auf die Löhne drückte, zudem riefen Missernten Preisteuerungen bei Lebensmitteln hervor. All das entlud sich 1844 in einem Aufstand. Im Folgenden sollen soziale Bewegungen, die im Verlauf der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entstanden, in den Blick genommen werden, wobei der Schwerpunkt auf den deutschen Landen liegt – mit nur gelegentlichen Hinweisen auf andere Länder. Ebenso wie die Industrialisierung ein internationales Phänomen war, so waren es auch ihre Gegenbewegungen.
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Entstehung einer Arbeiterklasse in der Industrialisierung:
Handwerker, besonders Gesellen, waren das Rückgrat des frühen Protests gegen die Industrialisierung. Die Einführung der Gewerbefreiheit im 19. Jahrhundert beendete die jahrhundertealte Machtstellung der Zünfte bei der Regulierung von Arbeitsmärkten für Handwerker. Gesellen sahen ihre Aufstiegsmöglichkeiten zum Meister blockiert, und vielen blieb nichts anderes übrig als der Gang in die entstehenden Fabriken. Neben agrarischen Schichten, die nach dem Ende der Leibeigenschaft in die Zentren der Industrialisierung migrierten, um der Überbevölkerung auf dem Lande zu entgehen, bildeten sie den Kern der entstehenden neuen Fabrikarbeiterschaft. Die Kritik an der Industrialisierung und die Proteste gegen sie kamen oftmals aus von der Industriearbeit bedrohten handwerklichen Kreisen. In ihrer Zeit der Wanderschaft wurden manche der Gesellen, zumal wenn ihr Weg sie nach Belgien oder Frankreich führte, politisch radikalisiert, und sie kamen mit frühsozialistischen und radikaldemokratischen Ideen in Berührung. Ein sozialer Handwerkerrepublikanismus bildete sich heraus, dessen Prophet in den deutschen Landen der Schneidergeselle Wilhelm Weitling war. Seine Schriften Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte (1838/39), sowie Garantien der Harmonie und Freiheit (1842) wurden unter politisierten Handwerkern weithin gelesen. In ihnen kritisierte er eine Gesellschaft, die von Geld, Besitz und Erbschaft korrumpiert war.
Er formulierte das Ziel einer zukünftigen, auf Gleichheit, gemeinsamem Besitz und individueller Freiheit basierenden gemeinschaftlichen Lebensform, welcher stark christliche Motive unterlegt waren, auch wenn Weitling ein scharfer Kritiker der Kirche, insbesondere ihrer Nähe zur Obrigkeit, war. Die durch die Einführung der Gewerbefreiheit und die Abschaffung der Leibeigenschaft bewirkte Freisetzung von Arbeitern sowohl im Handwerk als auch in der Landwirtschaft war eine Grundvoraussetzung der Rekrutierung von Industriearbeitern, die von den politischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts als „freie“ Arbeiter bezeichnet wurden – frei in dem Sinne, dass sie ihre Arbeitskraft auf den entstehenden Arbeitsmärkten verkaufen konnten. Da sie über keine Produktionsmittel verfügten, hatten sie gar keine andere Wahl, als ihre Muskelkraft und ihr Wissen meistbietend an den Mann, sprich den Fabrikanten, zu bringen, der zum Käufer von Arbeitskraft wurde. Kauf und Verkauf wurden vertraglich geregelt. Allerdings konnten die Industrialisierung und der entstehende Industriekapitalismus an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten über vielfältige Formen von Arbeit, darunter auch unfreie Arbeit, verfügen. Zudem waren die Grenzen zwischen freier und unfreier Arbeit nicht so klar, wie es die politischen Ökonomen des 19. Jahrhunderts gerne gehabt hätten.
Der vertraglich beschäftigte „freie“ Fabrikarbeiter legte mit seinem Eintritt in die Fabrik seine Identifizierung mit seinem bisherigen Leben und Arbeiten nicht ab. Gerade das Neuartige und Fremde der Fabrikarbeit, das Zeitregime, die festen und oft langen Arbeitszeiten, das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, die hohen Unfallquoten und die schlechte Bezahlung produzierten innerhalb der Fabrik Konflikte, die zu gewalttätigen Protesten führen konnten. In vielen Fabriken wurde sehr lange gearbeitet – in den 1840er Jahren im Durchschnitt 13 bis 16 Stunde inklusive Wochenende. Dabei konnten die Arbeitserfahrungen sehr unterschiedlich sein, auch im Hinblick auf Arbeitszeit und Bezahlung. Die Bergarbeiter im Ruhrgebiet und Oberschlesien, die Weber in Schlesien und die Eisenbahnarbeiter in Kassel befanden sich nicht immer alle in derselben Situation. Beruf, Erfahrung, Wissen, Geschlecht, Religion und Ethnizität waren wichtige Faktoren unterschiedlicher Arbeitserfahrungen. Gelernte Arbeiter unterschieden sich gern von Ungelernten. Die Lohnniveaus waren je nach Branchen z. T. sehr divers: Die schlechtesten Löhne wurden in der Textil- und Holzindustrie gezahlt; die besten im Bergbau, Maschinenbau und im Druckereiwesen. Kinder- und Frauenarbeit waren oftmals notwendig, um ein Mindestfamilieneinkommen zu garantieren. Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit bedeuteten in der Regel Armut. Auch das Wohnen in den neuen Industriestädten war für die Arbeiterfamilien kein Zuckerschlecken. Wohnraum in überbelegten und ungesunden Mietskasernen wurde oftmals überteuert vermietet.
Proletarische Wohnviertel wie das Hamburger Gängeviertel, der Berliner Wedding oder das Münchener Westend waren bald berühmt-berüchtigt für ihre gewalttätigen Straßenkulturen. Um den Küchentisch herum fehlte es in Arbeiterfamilien nicht selten an Geld für eine gute Ernährung: Kartoffeln, Brot und Brei (Hirse, Weizen) waren im 19. Jahrhundert die wichtigsten Grundnahrungsmittelvieler Arbeiterfamilien. Zeitgenössische Kritiker diskutierten die vielfältigen sozialen Effekte der Industrialisierung unter den Begriffen Pauperisierung und Proletarisierung. Es waren Prozesse, die in ihrer Kumulation zu Protest und Widerstand führten.
Arbeiterprotest in der Industrialisierung
Bereits in den 1790er Jahren hatten sich Arbeiter in Altona nach dem Vorbild der Französischen Revolution in gewaltbereiten Jakobinerklubs organisiert. Unter dem Einfluss des britisch-amerikanischen Revolutionärs Thomas Paine und geprägt von christlichem Gedankengut verurteilten sie ungerechte Steuern, Repressalien durch die Obrigkeit und soziale Ungleichheit. Zeitgleich mit der Entstehung erster Fabriken in den deutschen Landen kam es dann – oft nach dem Vorbild der britischen Ludditen – zu sogenannter Maschinenstürmerei, auch Fabrikemeuten genannt, etwa in Solingen 1826, Krefeld 1828, in Sachsen an vielen Orten in den 1830er Jahren und in Schlesien 1844. Die Maschinen wurden zerstört, weil sie die Fabriken symbolisierten, die als Orte der Folter galten. Unfälle an Maschinen verstümmelten die Arbeiter, die keinerlei Kompensation oder soziale Absicherung erwarten konnten. Maschinen galten zudem als die Wurzel der Entwertung von althergebrachter Handarbeit, und Maschinenarbeit wurde mit fundamentalen Entfremdungsprozessen von der Arbeit in Verbindung gebracht. In ihren Vorstellungen und Ideen waren die Maschinenstürmer in der Regel rückwärtsgewandt.
Sie huldigten dem Ideal einer als Idylle erscheinenden vorindustriellen Zeit, die mit viel Nostalgie unterfüttert war, etwa dem Ideal eines „ehrlichen“ Handwerks mit Qualitätsarbeit und guten Arbeitsbeziehungen. Damit blendeten sie zahllose Konflikte konsequent aus, die in der vorindustriellen Zeit zwischen Handwerksmeistern und ihren Gesellen bzw. zwischen Handwerksinnungen oder Zünften und anderen sozialen Gruppierungen, etwa den Kaufleuten und Patriziern, geherrscht hatten. Das vorindustrielle Leben auf dem Land wurde oftmals als im Rhythmus mit der Natur stehend idealisiert, im Gegensatz zum angeblich widernatürlichen Fabrikalltag. Aber auch wenn der Affekt gegen die Maschinen mit Idealisierung und Romantisierung einherging, war er doch genuin und wirkmächtig. Nicht nur Fabrikanlagen wurden zerstört; die Wut und der Protest der Arbeiter richteten sich auch gegen deren Besitzer. Katzenmusik vor dem Haus eines Unternehmers war ein probates Mittel, um auf soziale Missstände aufmerksam zu machen. Das konnte im Extremfall bis hin zur Plünderung und Abfackelung der Industriellenvilla sowie der Tötung ihrer Bewohner gehen.
All diese Arbeiterproteste basierten auf einer von dem englischen Sozialhistoriker Edward P. Thompson so genannten „moralischen Ökonomie“ der frühen Arbeiterschichten. Ihr aus ihrer Lebenserfahrung erwachsener moralischer Kompass stimmte nicht überein mit der neuen kapitalistischen Moral der Unternehmer und Fabrikherren. So gab es z. B. unter den arbeitenden Schichten eine klare Vorstellung davon, was ein gerechter Preis für Brot war. Gingen die Brotpreise darüber hinaus, folgten Konsumentenproteste und Unruhen gegen das angeblich unmoralische Profitinteresse von Landwirten und gegen die Untätigkeit der politisch Verantwortlichen. Dasselbe gilt für die sogenannten Batzebierproteste in Süddeutschland in den 1870er Jahren, die sich gegen die Erhöhung der Bierpreise richteten. Ähnliche Proteste gab es, wenn althergebrachte Vorstellungen von guten Arbeitsbedingungen nicht mit den Arbeitserfahrungen in den neuen Fabriken korrespondierten. Der Historiker Alf Lüdtke hat versucht, eine gewisse Widerständigkeit von Arbeitern in und unter der Industrialisierung mit dem Konzept des Eigen-Sinns zu erfassen – eine Art von bei sich sein und sich nicht vereinnahmen lassen – ein autonomes Handeln, das meist nicht organisiert und Teil von sozialen Bewegungen war. Frühe Arbeiterproteste verteidigten dabei meist traditionelle Lebensstile gegen das einbrechende Neue der Industrialisierung. Sie waren oft gewalttätig, lokalisiert und sporadisch. Unzufriedene Arbeiterversammelten sich in der Regel im Freien – auf einer Lichtung im Wald etwa. Sie waren noch kaum formal organisiert, aber das sollte sich mit der fortschreitenden Industrialisierung ebenso ändern wie die Ausrichtung der Proteste, die von der Vergangenheit in die Zukunft wiesen. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelte sich auf dem Rücken neuer sozialer Ideen, unter denen der Sozialismus in den deutschen Landen, aber auch in anderen Teilen Europas besonders wirkmächtig werden sollte, die Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft als Ideal einer industriellen, aber sozial gerechten, demokratischen Gesellschaft ,in der jeder Mensch nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten gut leben konnte.
Arbeitervereine und Frühsozialisten
Angesichts der oft repressiven politischen Verhältnisse in den deutschen Landen zwischen 1815 und 1848 gründeten sich radikale deutsche Arbeitervereine meist im liberalen Ausland. So wurde z. B. der Bund der Geächteten 1834 in Paris gegründet. Es war eine revolutionäre Vereinigung, gekennzeichnet von konspirativer Praxis und autoritärer Führung. Der Bund stand ganz in der Tradition frühsozialistischer Vereine in Frankreich. Ihre Vertreter Henri de Saint-Simon, Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, François Noël Babeuf oder Étienne Cabet waren ganz überwiegend keine Gegner des industriellen Fortschritts. Sie wollten die sozialen Ungerechtigkeiten, die mit der Industrialisierung einhergingen, beseitigen. Es sollte keinen Privatbesitz mehr geben, und alle Menschen sollten mit den gleichen Rechten und Pflichten zum Gemeinwesen beitragen. Viele waren tief von christlichen Ideen beeinflusst; einige, wie Fourier, wurden zu Vorreitern einer Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Aus dem Bund der Geächteten heraus entwickelte sich 1847 der in London gegründete Bund der Kommunisten. Das Kommunistische Manifest (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels wurde zum Programm des internationalistisch ausgerichteten Bundes. London war nicht nur die Hauptstadt des Mutterlandes der Industrialisierung, Großbritannien, die Insel am westlichen Rand des europäischen Kontinents, von der eine Reihe von Frühsozialisten wie Robert Owen herkamen, war zum damaligen Zeitpunkt auch der Ort der stärksten Gewerkschaften der Welt. Von den 1830er bis in die 1850er Jahre entwickelte sich hier mit dem im Chartismus eine erste Arbeiterbewegung als Massenbewegung. Die Chartisten setzten sich für eine Erweiterung des Wahlrechts ein, von dem viele Arbeiter in Großbritannien bis 1918 ausgeschlossen blieben. Mehr Rechte für Gewerkschaften, Arbeitszeitverkürzungen und bessere Arbeitsbedingungen waren auch Teil der Forderungen der Charta des Volkes (People’s Charta), um die herum sich die Chartisten versammelten. Karl Marx lebte von 1849 bis zu seinem Tod 1883 in London im Exil. In der British Library verfasste er zahlreiche seiner einflussreichen Schriften, darunter auch den ersten Band von Das Kapital. Sein Bruder im Geist, Friedrich Engels, war als Unternehmer in Manchester tätig, und seine Erfahrungen dort wurden zur Grundlage eines weiteren Klassikers der sozialen Kritik an der Industrialisierung: Zur Lage der arbeitenden Klassen in England (1845). Marx und Engels wurden zu den weltweit wichtigsten Theoretikern des Industriekapitalismus.
Für sie gab es kein Zurück mehr hinter die Industriegesellschaft. Stattdessen zielte ihr historischer und dialektischer Materialismus auf die Nutzung der Kraft der Industrialisierung für ein besseres Leben aller, besonders aber der Arbeiterschaft. Sie betrachteten die von spezifischen Wirtschaftsordnungen hervorgebrachten sozialen Klassen als die entscheidenden Akteure in der Geschichte, die aus einer Abfolge von Klassenkämpfen bestand. In ihrer Gegenwart sahen sie die entscheidende Klassenlinie zwischen der Arbeiterschaft und dem Bürgertum. Aus den wachsenden wirtschaftlich notwendigen Spannungen zwischen Produktionsverhältnissen und Produktivkräften würde sich zwangsläufig eine Revolution ergeben, die dann den Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus einläuten würde. Viele deutsche Sozialisten operierten aus dem nichtdeutschen Ausland heraus, nicht zuletzt, weil viele von ihnen 1848 in der Revolution gekämpft hatten und danach ins Exil mussten. Aber auch in den deutschen Landen begannen sich Arbeiter zu organisieren. Zwischen den 1830er und 1860er Jahren entstanden in vielen Industriestädten Arbeiterbildungsvereine, die oft gar nicht von Arbeitern, sondern von bürgerlich-liberalen Schichten gegründet wurden, um Arbeitern über Bildungsangebote ein individuelles Fortkommen zu ermöglichen. Hier stand weniger die sozialistische Idee eines kollektiven Vorankommens über Klassensolidarität im Vordergrund. Stattdessen propagierten viele Arbeiterbildungsvereine Selbstoptimierung und Respektabilität. Sie hielten den individuellen Leistungsgedanken hoch. Ideelle Werte sollten die Grundlagen für eine angestrebte Verbesserung der Lage der Arbeiter legen. Diese Vereine hätten in Deutschland die Grundlage für eine starke liberale Arbeiterbewegung werden können, doch es sollte anders kommen.
Die Entwicklung von Arbeiterparteien
Der erste Vorläufer einer Arbeiterpartei in den deutschen Landen entstand 1848, inmitten einer nationalen, liberalen, aber auch sozialen Revolution. Stephan Borns Arbeiterverbrüderung organisierte etwa 15 000 Mitglieder in ca. 170 Ortsgruppen. Ihr Ziel war die Einheit Deutschlands, die Demokratisierung des Vaterlands sowie Reformen, die mehr soziale Gerechtigkeit herstellen sollten. Die Arbeiterverbrüderung organisierte auch den ersten deutschen Arbeiterkongress im September 1848 in Berlin. Nach der Niederschlagung der Revolution wurde sie 1854 im ganzen Deutschen Bund verboten. Eigenständige Arbeiterparteien entstanden allerdings bereits in den 1860er Jahren neu. Die frühe und dauerhafte Trennung der bürgerlichen von der proletarischen Demokratie, wie der Pionier der Arbeiterbewegungsgeschichtsschreibung in Deutschland, Gustav Mayer, das genannt hat, wurzelte vor allem in der Haltung bürgerlich-liberaler Kreise zur nationalen Frage. Der Nationalverein als zentrale nationale Bewegung in Deutschland schloss durch hohe Mitgliedsbeiträge und das Streben nach sozialer Exklusivität Arbeiterschichten aus. Nach der Lösung der nationalen Frage „von oben“ durch Bismarck spaltete sich der Liberalismus in Deutschland, und nur die kleinere linksliberale Partei verfügte noch über einen sozialen Flügel. Aber es waren nicht allein politische und soziale Gründe, die in Deutschland, vergleicht man dies mit anderen europäischen Ländern, sehr früh eigenständige Arbeiterparteien entstehen ließen. Auch die in den deutschen Landen im Vergleich etwa zu Großbritannien, Belgien oder Frankreich schnellere Industrialisierung ließ die Arbeiterschaft über einen kürzeren Zeitraum hinweg rasant ansteigen. Es blieb kaum Zeit für die Ausbildung einer ausgeprägten Arbeiteraristokratie, die, wie in Großbritannien, im Bündnis mit den Liberalen versuchen würde, ihre soziale Lage weiter zu verbessern.
Im Gegenteil kam es in vielen Arbeiterbildungsvereinen in den frühen 1860er Jahren zu Bestrebungen, sich von den Liberalen zu trennen und eigene Organisationen aufzubauen. Hier war der Einfluss von Alt-1848ern, radikalen Demokraten und Kommunisten wie etwa Friedrich Wilhelm Fritzsche in Leipzig entscheidend. In dem 1863 gegründeten Verband deutscher Arbeitervereine (VDAV) gab es zunehmend Spannungen zwischen Arbeitervertretern und Liberalen. Schließlich ging aus dem VDAV 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) hervor, die in Eisenach ihren Gründungskongress organisierte. Ihre führenden Vertreter waren August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Sechs Jahre zuvor war bereits der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) von Ferdinand Lassalle gegründet worden. Der Jurist, Journalist und Intellektuelle Lassalle hatte zahlreiche Schriften veröffentlicht, darunter sein „Arbeiterprogramm“ (1862), das unter Arbeitern durch seinen ausgeprägten Antiliberalismus Anklang fand, sowie seine Forderungen nach einer umfassenden Demokratisierung des Staates als Voraussetzung für staatliche Lösungen der sozialen Frage. 1875 vereinigten sich SDAP und ADAV in Gotha, und bereits 1877 konnte die neue Sozialistische Arbeiterpartei Deutschland ihren ersten erstaunlichen Wahlerfolg bei Reichstagswahlen einfahren. Sie erhielt aus dem Stand 9,1 Prozent der abgegebenen Stimmen. Daraufhin entschied sich Bismarck, zwei Attentatsversuche auf den Kaiser, mit denen die Partei nichts zu tun hatte, zum Anlass zu nehmen, um der Partei jegliche Organisations- und Agitationsaktivitäten zu untersagen und ihre Mitglieder massiv zu verfolgen. Unter den sogenannten Sozialistengesetzen (1878–1890) mussten Tausende ins Gefängnis, und Tausende mussten das Land verlassen, um aus dem Ausland heraus für die Arbeiterpartei zu werben.
Dennoch wurde die 1890 in Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) umbenannte Partei im Kaiserreich zur stärksten Arbeiterpartei der Welt mit über einer Million individueller Mitglieder. Nicht zuletzt aufgrund der jahrelangen Unterdrückung formierte sich ein nach innen gewandtes sozialdemokratisches Milieu. Man war hier Sozialdemokrat „von der Wiege bis zur Bahre“. Viele Parteimitglieder gehörten einer sozialdemokratischen Gewerkschaft an, waren Mitglieder in einer sozialdemokratischen Konsumgenossenschaft, ebenso wie in einer oder mehrerer der vielen sozialdemokratischen Vorfeldorganisationen im kulturellen und sportlichen Bereich: von Fahrradfahren bis Turnen und von Singen bis Theaterspielen stand hier vieles zur Auswahl. Das Erfurter Programm der SPD, 1891 verabschiedet, war ein marxistisches, revolutionäres, aber es enthielt in seinem zweiten Teil auch ein reformerisches Programm, das auf konkrete soziale und politische Reformen abzielte.
Diese Janusgesichtigkeit der Partei zwischen Revolution und Reform wurde für die SPD im Kaiserreich charakteristisch. Der Historiker Dieter Groh hat die Haltung der Partei als „revolutionären Attentismus“ bezeichnet, der zu einer Partei passte, die, so Groh, „negativ“ in die Gesellschaft des Kaiserreichs integriert war. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur mit Abstand stärksten Partei im Reichstag und holte 1912 ca. ein Drittel aller abgegebenen Stimmen. Manchen schien es, als ob der parlamentarische Weg zum Sozialismus greifbar nah war, und auch der „Papst des Marxismus“ in der SPD, der Theoretiker Karl Kautsky, beschrieb die Partei als eine „revolutionäre, aber keine Revolution machende“. Die SPD war zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Modell einer sozialistischen Partei in Europa und der weiteren Welt. Ihr Erfolg machte sie international attraktiv, und der sozialistische Internationalismus, für den die SPD stand, verbreitete die Marx’sche Vorstellung, dass die Arbeiter kein Vaterland hätten und solidarisch vor allem mit den eigenen Klassengenossen jenseits von Nationalstaatsgrenzen waren. Die Erste Sozialistische Internationale (1864–1876) wurde noch von Marx selber mitbegründet. Die Zweite Sozialistische Internationale entstand in Paris 1889 und zerbrach im Ersten Weltkrieg, der nachdrücklich unterstrich, wie problematisch die Idee war, dass die Proletarier sozusagen naturwüchsig zum Internationalismus neigten.
Christliche und liberale Arbeiterbewegungen
Die Sozialisten waren nicht die einzigen, die sich damit beschäftigten, wie die sich entwickelnde Industriegesellschaft sozialer gestaltet werden konnte. Das soziale Elend rief auch Kritiker aus den Kirchen auf den Plan. Der Bischof von Mainz, Wilhelm Emmanuel von Ketteler, forderte von der Kanzel herab mehr Nächstenliebe und ein größeres soziales Engagement seiner Kirche. Er verkündete die Vorstellung von Menschenrechten, die kein wirtschaftliches System verletzen dürfe. Christliche Gewerkschaften waren aus seiner Sicht legitime Organisationen, die diese Rechte verteidigten. Anders als die Sozialisten forderte er keine neue soziale Ordnung, sondern soziale Reformen, die die Missstände der Industrialisierung korrigierten. Der Regierung kam hier aus Sicht der katholischen Kirche eine wichtige Rolle zu. Die Enzyklika Rerum Novarum (1891) verdammte die Amoralität des Kapitalismus und stärkte einen weltweiten Sozialkatholizismus. Die Katholische Zentrumspartei in Deutschland hatte z. B. einen starken sozialen Flügel. Im Vergleich dazu war der Sozialprotestantismus weniger prominent ausgeprägt. Die starke Lutherische Tradition und der Pietismus neigten dazu, die weltlichen Angelegenheiten den weltlichen Autoritäten zu überlassen und sich auf die spirituelle, innere Entwicklung der einzelnen Gläubigen zu konzentrieren. Ihr soziales Schicksal konnten sie nur akzeptieren und bestenfalls auf ein besseres Leben nach dem Tod hoffen. Aber es gab auch unter Protestanten moralische Empörung über das soziale Elend der Industrialisierung und Versuche, aktiv dagegen vorzugehen.
Johann Hinrich Wichern, der Begründer der Inneren Mission, sah kirchliche (und staatliche) Sozialarbeit als eng verbunden mit einer zeitgemäßen Ausprägung der Evangelisation. Auch liberale Politiker setzten sich, selbst nach der Trennung von bürgerlicher und sozialer Demokratie, weiterhin für eine Lösung der sozialen Frage ein. Hermann Schulze-Delitzsch wurde zu einem der wichtigsten Vertreter der Idee von Kooperativen von Produzenten und Konsumenten. Die Produktions- und Konsumgenossenschaften sollten die unproduktiven Mittelsmänner ausschalten und einen Weg aus der einseitigen Kapitalakkumulation und Profitorientierung des Kapitalismus weisen. Sparkassen als Banken des kleinen Mannes sollten sie finanzieren. Zudem, so liberale Reformer, hatte der Staat eine soziale Verantwortung für die Einrichtung von Krankheits-, Unfall- und Rentenversicherungen. Neben staatlicher Intervention sollte vor allem das Prinzip der Selbsthilfe zur Lösung der sozialen Frage beitragen. In den Gedankengängen liberaler Sozialreformer verbanden sich Vorstellungen einer liberalen Marktgesellschaft mit dem Ziel einer Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiterschaft. Genau wie der Sozialismus und der Sozialkatholizismus wurde auch der Sozialliberalismus ein europäisches und globales Phänomen. Er war in Großbritannien vor 1914 besonders stark vertreten, aber auch in den deutschen Landen organisierten die liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften um 1870 noch 40 Prozent aller Gewerkschafter. Auch hier standen die liberalen Leitwerte von sozialer Harmonie und Menschlichkeit ganz im Vordergrund.
Genossenschaften und Gewerkschaften als Säulen der Arbeiterbewegung
Das Genossenschaftswesen wurde von liberalen und christlichen Sozialreformern gefordert und gefördert, aber schon vor 1914 waren die sozialdemokratischen Genossenschaften die größten im Deutschen Kaiserreich. Sie folgten allesamt dem Vorbild der Keimzelle des internationalen Genossenschaftswesen, der britischen Rochdale Society of Equitable Pioneers, 1844 im britischen Rochdale gegründet. Hier schlossen sich Textilarbeiter zusammen, um über größere Marktmacht niedrigere Einkaufspreise für Rohmaterialien zu garantieren und auch die Absatzpreise der Fertigprodukte stabil zu halten. Sie war zudem in der Hinsicht richtungsweisend, dass alle Entscheidungen innerhalb der Genossenschaft demokratisch herbeigeführt wurden. Genossenschaften wurden so zu Experimentierfeldern der Demokratie.
Waren die Genossenschaften in Deutschland ideologisch gespalten, so galt dies auch für die entstehende Gewerkschaftsbewegung. Anders als in Großbritannien gingen in Deutschland Parteigründungen den Gewerkschaftsgründungen voraus. Erste Gewerkschaftsverbände entstanden in Deutschland erst in den 1860er Jahren: die Zigarrenarbeiter 1865, die Drucker 1866, und die Schneider 1867. Bergarbeiter, Holzarbeiter, Maschinen- und Textilarbeiter folgten in den 1870er und 1880er Jahren. Die meisten Gewerkschaften organisierten zunächst gelernte Arbeiter, für deren Selbstverständnis handwerkliches Know-how noch sehr wichtig war. In der Gewerbeordnung des Norddeutschen Bundes von 1869 wurden Gewerkschaften erstmals in den deutschen Landen legalisiert. Das bedeutete einen großen Anschub für Gewerkschaftsgründungen und eine durch Gewerkschaften organisierte vermehrte Streiktätigkeit von Arbeitern. Viele Gewerkschaften gerieten früh unter den Einfluss der sozialdemokratischen Parteien, deren Aktivisten z. T. tatkräftig bei der Gründung von Gewerkschaften mithalfen. Es kam dann aber auch schnell zu christlichen, katholisch dominierten Gegengründungen. Die liberalen Gewerkschaften sollten im Vergleich zu ihren katholischen und sozialdemokratischen Rivalen bis 1914 zur Bedeutungslosigkeit herabsinken.
Die meisten Unternehmer im Kaiserreich weigerten sich, Gewerkschaften anzuerkennen und Tarifverhandlungen mit ihnen aufzunehmen. Im Vergleich zur Anzahl der Tarifverträge in Großbritannien blieb deren Anzahl in Deutschland vor 1914 sehr gering. Obwohl 1890 20 Prozent aller Arbeiter im Kaiserreich Frauen waren, gehörten den Gewerkschaften im selben Jahr nur 1,8 Prozent Frauen an. Gewerkschaften waren lange Zeit Männerbastionen, die sich oft grundsätzlich gegen jede Form von Frauenarbeit aussprachen. Stattdessen forderten sie eine Entlohnung des Mannes, die es ihm erlauben sollte, eine Familie zu ernähren. Damit entsprach auch unter vielen Arbeitern und ihren Organisationen die Vorstellung einer Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau der traditionellen patriarchalischen Geschlechterordnung. Gewerkschafter waren aber auch gegen Frauen- und Kinderarbeit, weil sie die Löhne für männliche Arbeiter erheblich drückten.
Arbeiterfrauen in der Industrialisierung
Die neuartige Fabrikarbeit war im 19. Jahrhundert stark geschlechtlich definiert. Waren ursprünglich noch ganze Familien in der Fabrik angestellt (so wie ganze Familien in der protoindustriellen Heimindustrie oder in der Landwirtschaft beschäftigt waren), kam es im Verlauf der Industrialisierung immer stärker zu einer Arbeitsteilung: Der Mann ging in die Fabrik und leistete Lohnarbeit; die Frau blieb zu Hause und kümmerte sich um Hausarbeit, Kinder und gegebenenfalls einen kleinen Garten, oder sie nahm Heimarbeit an wie Waschen oder Bügeln. In manchen Branchen der Industrie, z. B. der Textil-, Bekleidungs-, Nahrungsmittel-, Papier- und Tabakindustrie, waren Frauen auch als Arbeiterinnen beschäftigt. Später im 19. Jahrhundert kamen auch die chemischen und Elektroindustrien als für Frauenarbeit relativ offene Branchen hinzu, allerdings meist ausschließlich in den ungelernten Berufen. Frauenarbeit blieb im 19. Jahrhundert überall meist ungelernte oder angelernte Arbeit, die oftmals ebenso monoton wie gefährlich war. Frauen wurden geringer entlohnt als Männer, und ihre Arbeitsbedingungen waren oft noch ungesünder als die ihrer männlichen Kollegen. Sexuelle Belästigungen von Vorarbeitern und einfachen Kollegen kamen häufig vor. Dennoch waren arbeitende Frauen oft stolz auf ihr Einkommen, denn ihre Arbeit im reproduktiven Bereich, inklusive der dort geleisteten Care-Arbeit wurde ja (weitgehend bis heute) gar nicht bezahlt. Arbeitende Frauen entwickelten an vielen Orten ein neues Selbstbewusstsein: Sie nahmen an Tanzveranstaltungen teil, frequentierten Kneipen und kleideten sich selbstbewusst.
Allerdings mussten Frauen mit der Heirat oft aus dem Betrieb ausscheiden. Traditionelle Geschlechtervorstellungen produzierte auch Konflikte am Arbeitsplatz. So beschwerten sich z. B. in einer Dampfschleiferei in Solingen 1857 die dort arbeitenden Männer über Hosen tragende Frauen im Betrieb. Der Arbeitgeber hatte die Frauen aus Gründen der Arbeitssicherheit angewiesen, Hosen zu tragen, aber in der Vorstellungswelt der arbeitenden Männer sollte dieses „Privileg“ ihnen vorbehalten bleiben. Damit einher ging die Idee, dass eine Frau als Arbeiterin eigentlich keine richtige Frau mehr sein könne, da sie als zumal Hosen tragende Frau alles „Frauliche“ verliere. Gegen solch patriarchalische Geschlechtervorstellungen, die in allen sozialen Klassen zu Hause waren, regte sich im 19. Jahrhundert der Protest der frühen Frauenbewegung. Louise Otto gründete 1865 in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Frauenverein, der immer wieder auch die Probleme von arbeitenden Frauen diskutierte und soziale Reformen einforderte. Allerdings sollte sich in den deutschen Landen mit der Trennung der bürgerlichen von der sozialen Demokratie auch die Trennung der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung vollziehen. Letztere nahm für sich in Anspruch, vor allem auch für arbeitende Frauen zu sprechen. Dabei ordnete sie allerdings oftmals das Interesse der Arbeiterinnen dem angeblichen Interesse der gesamten sozialen Klasse der Arbeiter unter. Die Ungleichheit zwischen Mann und Frau geriet gerade im Marxismus zu einem Nebenwiderspruch der kapitalistischen Ordnung, deren Lösung erst nach Abschaffung des Hauptwiderspruchs zwischen Kapital und Arbeit angegangen werden konnte. Hinzu kam, dass es eben auch im sozialistischen Milieu eine schwer aufhebbare Spannung zwischen patriarchalisch gelebtem Familienalltag und der Forderung nach Gleichberechtigung von Mann und Frau gab. So schrieb zwar der in der SPD verehrte „Arbeiterkaiser“, August Bebel, den in unzählige Sprachen übersetzten Klassiker zur Emanzipation der Frau im Sozialismus (Die Frau und der Sozialismus, 1879), aber in der Arbeiterbewegung selbst blieb man von einer solchen Emanzipation doch allzu oft meilenweit entfernt. Die in der Industrialisierung stark anwachsende Arbeiterschaft bildete vor dem Ersten Weltkrieg das wichtigste Organisations- und Wählerpotenzial für die Arbeiterparteien, Gewerkschaften und Genossenschaften, die zusammen die drei Säulen der Arbeiterbewegung darstellten.
Waren in der Frühindustrialisierung die Proteste von Arbeitern noch oftmals von spontanen, lokalen und gewalttätigen Aktionen (wie etwa der Maschinenstürmerei) geprägt, nahm der Protest in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer organisiertere Formen an. Er richtete sich auch zunehmend nicht mehr gegen die Industrialisierung an sich, sondern wollte eine sozial gerechtere Form der Industrialisierung. In der Tat konnte die Arbeiterbewegung ausreichend Druck auf Unternehmer und Staat aufbauen, um zu sozialen Fortschritten etwa im Versicherungswesen, bei der Verkürzung der Arbeitszeiten, oder auch bei der Entlohnung zu kommen. Im Kaiserreich betrug 1871 die durchschnittliche Arbeitszeit etwa 72 Stunden pro Woche. 1913 waren es noch 55,5 Stunden. Die Arbeiterbewegung rationalisierte und kanalisierte die Arbeitskonflikte in der Industrialisierung, auch wenn ein Teil der Arbeiterbewegung sich dabei revolutionär ausrichtete. Die Einbindung ihrer Vertreter in diverse Gremien der entstehenden Sozialversicherungen trug zu deren Integration in die bestehende Gesellschaft ebenso bei, wie die Beteiligung von Arbeiterparteien an Wahlen und ihre Arbeit in Parlamenten. Auch die zaghaften Anfänge von Tarifverhandlungen und der Beginn eines Systems der industriellen Beziehungen trugen zu dieser Integration, die durchaus nicht nur negativ war, bei. Dabei propagierte die Arbeiterbewegung charakteristischerweise oftmals das Selbstbild des respektablen Arbeiters, der sich positiv vom undisziplinierten „Lumpenproletarier“ abhob. Dem respektablen Arbeiter schuldete es die Industriegesellschaft, ihn Anteil haben zu lassen an ihren Errungenschaften und ihren Profiten.
Autor: Prof. Dr. Stefan Berger
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