Einem Filmregisseur hätte man Effekthascherei unterstellt oder ihn zumindest belächelt für diese Einstellung: Ein weißes Kreuzfahrtschiff, das – seltsam überdimensioniert – vor einer malerischen Küstenlandschaft zur Seite gekippt im Mittelmeer liegt. Doch manchmal übertrifft die Wirklichkeit eben die kühnste Fiktion. So konnten sich Fernsehzuschauer Anfang des Jahres kaum den Bildern der havarierten „Costa Concordia” entziehen. Selbst die Tagesschau, die Urmutter der deutschen Nachrichtensendungen, ließ sich anstecken und eröffnete tagelang die Abendnachrichten mit Statusmeldungen über das gesunkene Kreuzfahrtschiff.
War dieses vergleichsweise glimpflich verlaufene Schiffsunglück vor Italien tatsächlich das wichtigste Ereignis im Weltgeschehen? Oder nimmt der Sensationsjournalismus an Fahrt auf? „Es ist schon auffällig, dass das Schiff so viel prominenten Platz eingenommen hat und anstelle der Eurokrise oder der rechtsextremistischen Morde in den Vordergrund gerückt wurde”, sagt der Medienjournalist Fritz Wolf. Er kommt in einer aktuellen Analyse für die Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche” zu dem Ergebnis: Bei der Themenwahl gilt häufig die Maxime „ interessant vor relevant”.
Qualität heisst Vielfalt
Verschiedene Forscher ziehen auf der Basis von Inhaltsanalysen den Schluss, dass die Qualität der Fernsehnachrichten seit einigen Jahren abnimmt. Unter Qualität verstehen sie im Wesentlichen: Vielfalt der Themen, Meinungen und Quellen, sachgerechte und unparteiische Darstellung, Relevanz der Nachrichten sowie journalistische Professionalität.
Der Jenaer Kommunikationswissenschaftler Georg Ruhrmann untersuchte mit Kollegen von 1992 an im Dreijahresrhythmus die Inhalte der Hauptnachrichten von inzwischen acht deutschen Fernsehsendern. Das Ergebnis ist eindeutig: Während alle Nachrichtensendungen weniger über Politik berichten, räumen sie Angstthemen wie Verbrechen, Unfällen und Katastrophen sowie Unterhaltungsthemen deutlich mehr Platz ein. Ging es vor 20 Jahren noch in 74 Prozent der TV-Meldungen um Politik, war das zuletzt nur noch bei 51 Prozent der Fall (siehe Grafik unten). Fast verdoppelt hat sich dagegen der Anteil der „Human-Touch” -Themen von 14 auf 27 Prozent. 1992 ging es im Schnitt nur in jedem zehnten Beitrag um Angstthemen, 2007 war das beinahe in jedem fünften Beitrag der Fall.
Diesen Weg schlagen TV-Sender bewusst ein. Fritz Wolf zitiert ein internes Strategiepapier aus dem SWR-Landessender Rheinland-Pfalz, das für die „Landesschau”, die regionalen Abendnachrichten, „möglichst viele Herzpunkte” fordert – explizit genannt sind „Sex & Crime, Prominenz, Schicksal, Katastrophe, Geld, Kinder, Tiere”. Auch die Konsumenten der Tagesschau sollen offenbar über die Politik hinaus auf breiter Basis informiert werden, um mitreden zu können. So betont ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke: „Unsere Zuschauer dürfen am nächsten Morgen in der U-Bahn oder in der Mittagspause nicht die Dummen sein.”
Wolf gesteht den Nachrichtenmachern zu: „Natürlich sind Katastrophen als Thema interessant. Aber das darf nicht zulasten zum Beispiel der Wirtschaftsnachrichten gehen, die wirklich das schwierigste Thema sind.” Auch Georg Ruhrmann wertet eine häufige Berichterstattung über Katastrophen nicht per se als Qualitätsverlust, doch: „Entscheidend ist, ob Nachrichten die Hintergründe und Folgen von Katastrophen kompetent erklären und einordnen. Und das setzt Investitionen in mehr Journalismus voraus!”
Kein Systematisches Versagen
Torsten Maurer vom Institut für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen hat ebenfalls die Qualität von Fernsehnachrichten untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis, dass die auf politische und gesellschaftlich kontroverse Themen in den ARD-Nachrichten verwendete Sendezeit seit den 1990er-Jahren von 75 auf knapp 60 Prozent gesunken ist. Gestiegen ist dagegen der Anteil des Sports. Betrachtet man allerdings ausschließlich die Tagesschau, ist die Sendezeit für „Politik im weiteren Sinne” nur um 5 bis 6 Prozentpunkte gesunken – ausgeglichen durch mehr Nachrichten aus der Wirtschaft.
Ein systematisches Versagen der Nachrichtensendungen sieht der Mainzer Publizistikwissenschaftler Gregor Daschmann nicht: Die öffentlich-rechtlichen Nachrichten, insbesondere die Tagesschau, „ weisen im Vergleich eine hohe journalistische Qualität auf und setzen nach wie vor Maßstäbe im deutschen Fernsehjournalismus” .
Es muss zudem nicht nur negativ sein, wenn Sender eine unterhaltsame Themenmischung anbieten. Das Stichwort lautet „ Infotainment”. So wird der ehemalige Tagesschau-Chef Hans-Joachim Reiche in dem Buch „Die Tagesschau” folgendermaßen zitiert: „Ein Millionenpublikum dadurch zu interessieren, dass neben der politischen Nachricht auch Nachrichten aus Sport, Gesellschaft und Technik zu finden sind, hilft der Politik mehr und trägt stärker zur politischen Bildung des Staatsbürgers bei als ein exklusives Nachrichtenprogramm höchsten Anspruchs für ein paar Hunderttausend Zuschauer.”
Obwohl der Politikanteil bei den öffentlich-rechtlichen Nachrichten sinkt, ist immer noch ein deutlicher Unterschied zu den Privatsendern Vox, RTL, RTL II, Sat.1, ProSieben und Kabel 1 zu erkennen. Ruhrmann zufolge befassen sich hier zwischen 60 und 80 Prozent der Nachrichtenbeiträge mit Unpolitischem – Tendenz steigend. Udo Michael Krüger, der das deutsche Fernsehprogramm seit vielen Jahren für das Kölner Institut für empirische Medienforschung IFEM untersucht, bestätigt das. 2011 widmete „RTL aktuell” der Kriminalität 8 Prozent seiner Sendezeit, bei den „ Sat.1 Nachrichten” waren es 9 Prozent. Die „Tagesschau” berichtete hingegen nur zu 2 Prozent über Kriminelles. Noch deutlicher sind die Zahlen im Bereich Human Interest: Populäre Alltagsthemen kamen in der „Tagesschau” ebenfalls nur in 2 Prozent der Sendezeit vor, bei „RTL aktuell” dagegen füllten 12, bei den „Sat.1 Nachrichten” gar 18 Prozent die Sendezeit mit Kuriosem, Schicksalsfällen, Klatsch oder Prominenten.
RTL überholt ZDF
Der Erfolg gibt den privaten Nachrichtenformaten recht, zumindest „RTL aktuell”. Die Sendung feierte im März 20. Geburtstag und ist nach der Tagesschau die zweibeliebteste Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen. 2011 sahen durchschnittlich neun Millionen Menschen die Tagesschau. „RTL aktuell” lag mit beinahe vier Millionen erstmals knapp vor der ZDF-Sendung „heute”, wie die Gesellschaft für Konsumforschung und die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung ermittelten. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann bezeichnete die RTL-Sendung in seinem Jubiläums-Grußwort als Hauptkonkurrentin der Tagesschau, weil sie trotz boulevardesker Züge „Politik adäquat rüberbringen” könne.
Das Urteil des Dortmunder Statistik-Professors Walter Krämer über deutsche Nachrichten fällt deutlich negativer aus. Die Berichterstattung über Risiken und Gefahren grenze häufig an Panikmache. Sie sei „einäugig und perspektivlos, ja geradezu gemeingefährlich”, schreibt er in seinem Buch „Die Angst der Woche”. Als Beispiel dient ihm die Berichterstattung über den Atomunfall in Fukushima: „Während englische Reporter und Kommentatoren das taten, was gute Reporter tun – berichten und kommentieren, ansonsten aber persönliche Meinungen und Gefühle für sich behalten –, war den deutschen Journalisten der Schrecken ins Gesicht geschrieben. Sie schienen geradezu nach neuen Horrormeldungen zu lechzen und enttäuscht zu sein, wenn keine kamen.” Nachdem er verschiedenen Medien fehlerhafte oder unvollständige Aussagen über die Wahrscheinlichkeiten von Gefahren nachgewiesen hat, zieht er das Fazit: „Im Angstmachen sind deutsche Medien wirklich Spitzenreiter.”
Bilder um jeden Preis
Neben seichten Themen hat ein weiterer Faktor an Bedeutung gewonnen: die Visualisierung. Stellen Journalisten Themen für die Nachrichten zusammen, wählen sie diese zunehmend danach aus, ob es gute Bilder gibt. Das Verlangen nach Optik wurde vor allem während der arabischen Revolutionen sichtbar: Weil Korrespondenten zunächst keine Bilder von den Unruhen liefern konnten, griffen die TV-Sender auf wacklige Handy- und Internetvideos zweifelhafter Herkunft zurück. An sich ist das kein Manko, findet Fritz Wolf, aber „es gibt Dinge, die sich nicht visuell darstellen lassen”. Viele Themen, die komplexer sind, würden dann wegfallen. „Bei Wirtschaftsthemen ist es besonders auffällig, dass man jene nimmt, die sich prinzipiell leichter erzählen lassen, zum Beispiel Verbraucherthemen.”
Das ist ein weiterer Trend: das „Storytelling”. „Es gibt Verschiebungen von der klassischen strengen Nachrichtenverlesung hin zu erzählerischen Geschichten”, sagt Fritz Wolf. Das Storytelling drängt einordnende, analytische Meldungen und Berichte zunehmend an den Rand, stellte der Kommunikationswissenschaftler Sebastian Köhler 2009 in seiner Dissertation fest. „Journalisten wollen dadurch Informationen nicht abstrakt vermitteln, sondern mit einem Gesicht verbinden”, so Wolf. Nur: Was passiert, wenn sich keine individuelle Geschichte findet, anhand derer man von gescheiterten Staaten in Ostafrika oder drohender Altersarmut deutscher Rentner erzählen kann? Wolf schlägt zur allgemeinen Qualitätssicherung eine „ unabhängige Media Watch” vor, also eine Medienbeobachtung etwa durch eine gemeinnützige Einrichtung wie das renommierte Grimme-Institut. ■
Obwohl JULIA ROMMEL weiß, dass TV-Nachrichten nicht die pure Wahrheit verkünden, nutzt sie diese Quelle – als eine von vielen.
von Julia Rommel
Legende Tagesschau
Weshalb die Tagesschau, die dieses Jahr ihr 60-jähriges Jubiläum feiert, mit durchschnittlich zehn Millionen Zuschauern um 20 Uhr ein Quotenhit ist, kann keiner so recht erklären. An Spott mangelt es nicht – auch wenn beim ehemaligen RTL-Chef Helmut Thoma Resignation mitschwingt angesichts des unangefochtenen ersten Platzes: Die Tagesschau könne man auch auf Latein verlesen, die Leute würden sie trotzdem anschauen. Über die immer gleichen Bilder ließ sich der Publizist Roger Willemsen aus: „Das Hinsetzen der Männer an den Verhandlungstisch, das ist wie das Rutenschneiden der Bauern auf dem Felde in der antiken Vasenmalerei – Ewiges, Außerzeitliches, In-sich-Stehendes, ohne Verweis, ohne über sich hinausweisende Geste, immer aktuell und niemals wirklich Gegenwart.”
Die Erfolgsgeschichte der Tagesschau, die zunächst dreimal die Woche gesendet wurde, begann am 26. Dezember 1952. Gezeigt wurden für heutige Begriffe wenig aktuelle Filmausschnitte aus der Kino-Wochenschau. Seit 1959 gibt es einen sichtbaren Sprecher, seit 1961 sendet der NDR jeden Tag eine Tagesschau. Heute gibt es rund 20 tägliche Tagesschau-Ausgaben, inklusive der Tagesthemen und Nachtmagazine.
Kompakt
· Der Politikanteil in den Nachrichten sinkt seit 20 Jahren stetig. Gleichzeitig nehmen Angst- und Zerstreuungsthemen zu.
· Fernsehjournalisten berücksichtigen bei ihrer Themenwahl zunehmend, ob es gute Bilder und eine „Story” gibt.
INTERNET
Fritz Wolf Wa(h)re Information – interessant geht vor relevant netzwerk recherche e.V., 2011 Die Analyse finden Sie unter: www.otto-brenner-stiftung.de/uploads/tx_mpnews/ 2011_07_04_Wolf_Studie.pdf
LESEN
Walter van Rossum Die Tagesshow Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht Kiepenheuer und Witsch, Köln 2007, € 8,95
Walter Krämer Die Angst der Woche Warum wir uns vor den falschen Dingen fürchten Piper, München 2011, € 19,99
Nea Matzen Die Tagesschau Geschichte einer Nachrichtensendung UVK, Konstanz 2009, € 24, 90
Sat.1 und RTL mögen’s kriminell
Bei öffentlich-rechtlichen Sendern bestand 2011 etwa die Hälfte der Nachrichten aus Politik. Private setzten stärker auf Kriminalität, Alltagsthemen und Sport.
Politik noch auf Platz eins
Auch wenn Unterhaltungsthemen zunehmen, ist Politik immer noch am relevantesten. Analysiert wurden die Hauptnachrichten von ARD, ZDF, Sat.1, RTL, ProSieben, RTL II, Vox und Kabel 1.





