Flora Tristan (1803–1844), Tochter eines Peruaners und einer Französin, Frauenrechtlerin und Frühsozialistin, war sicherlich eine der bemerkenswertesten Frauengestalten des frühen 19. Jahrhunderts. Ihr Eintreten für ein selbstbe?stimmtes Leben der Frau war nicht nur theoretisch: Mit 22 Jahren verließ sie ihren ungeliebten Mann, versuchte, ein eigenständiges Leben zu führen und ihre Kinder selbst zu versorgen. 1833 schiffte sie sich als angeblich ledige Frau und ohne ihre Kinder nach Peru ein, in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung durch Verwandte. Auf ihren Erfahrungen in Peru beruhen der sozialkritische Reisebericht „Wanderungen einer Paria“ sowie ein Aufruf zur Gründung einer „Gesellschaft für fremde Frauen“ zur Unterstützung allein reisender Ausländerinnen in Paris. Der Reisebericht liegt in einer ansprechenden Neuausgabe vor. Tristan gibt darin ihre Eindrücke von der peruanischen Gesellschaft und Politik sehr pointiert wieder. Außerdem trifft sie auf überaus selbstbewußte Frauen, die sie mit spitzer Feder porträtiert. Das peruanische Bürgertum war wenig begeistert von ihren ungeschminkten Darstellungen. Der Bericht gewährt so einen tiefen Einblick in die Erfahrungs- und Gedankenwelt einer Frau des 19. Jahrhunderts inmitten einer Gesellschaft, die ihr zugleich vertraut und fremdartig erschien. Der Band wird durch ein Vorwort des peruanischen Erfolgsautors Mario Vargas Llosa eingeleitet, der vor kurzem einen Roman über Flora Tristan und ihren berühmten Enkel, den Maler Paul Gauguin, veröffentlichte (Frankfurt am Main 2004). Beide Protagonisten sieht Vargas Llosa durch die Sehnsucht nach einer „heilen Welt“ jenseits von Europa verbunden. Flora Tristans Reisebericht wurde von Friedrich Wolfzettel mit Anmerkungen versehen, die hilfreiche Informationen zum Kontext bieten. Eine Chronologie rundet den sehr interessanten und anregenden Band ab.
Rezension: Schmölz-Häberlein, Michaela





