Die Große Depression warf Millionen von US-Amerikanern aus der Bahn. Sie verloren Job, Wohnung und Hoffnung. Notgedrungen begaben sich viele auf Wanderschaft, um Arbeit zu suchen. Besonders stark beutelte die Krise die afroamerikanische Bevölkerung.
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Dass das Gesicht einer bestimmten Frau, einer unter vielen Millionen, zum Sinnbild einer Zeit wird, ist dem Zufall geschuldet und in diesem Fall besonders dem geschulten Auge einer Fotografin: Florence Owens Thompson traf am 6. März 1936 auf eine solche Person, die mit einer Kamera unterwegs war. Thompson, eine 32-jährige Mutter von sieben Kindern, die indigener Abstammung war (native American), hatte sich wie viele andere Migranten dieser Jahre nach Kalifornien durchgeschlagen – in das Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen. Stattdessen wuchsen dort Erbsen, die es zu ernten galt. Thompson fand sich mit ihren Kindern also in einem pea-picker camp in Nipomo Mesa wieder.
Fast 3000 Menschen hatten sich dort versammelt, die diese körperlich anstrengende Tätigkeit ausübten oder eine solche Arbeit suchten. Owens Thompson dürfte diese Tatsache nach ihren Erfahrungen mit zahlreichen kurzlebigen Jobs wohl kaum noch schockiert haben. Ihre von Sorgen verhärmte Physiognomie fiel der in dem Lager anwesenden Fotografin Dorothea Lange auf. Diese dokumentierte für eine der zahlreichen im Rahmen des New Deal entstandenen Regierungsbehörden, die „Resettlement Administration“, die Lage der Wanderarbeiter. Binnen weniger Minuten nahm Lange mit ihrer Graflex-Kamera sieben Bilder von Thompson und einigen ihrer Kinder auf. Eines davon, betitelt „Migrant Mother“, sollte das berühmteste Foto der Großen Depression werden: Zunächst erschien es in einer Tageszeitung in San Francisco, um dann unzählige weitere Male gedruckt zu werden. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zierte es sogar eine Briefmarke der U. S. Mail.
1933 gibt es 15 Millionen Arbeitslose – Heerscharen von Interessenten wetteifern um eine freie Stelle
Vier Jahre nach dem Zusammenbruch der Börsen war die Wirtschaft der USA an einem Tiefpunkt angelangt – und mit ihr die Existenz vieler Amerikanerinnen und Amerikaner: 15 Millionen Arbeitslose zählte man 1933; die Zahl derjenigen, die noch einen Job hatten und mit Hungerlöhnen abgespeist wurden, dürfte noch weit höher gewesen sein. Die Hälfte aller Banken hatte Bankrott gemacht, und die Ersparnisse ihrer Kunden waren verloren.
Während Dorothea Lange überwiegend Menschen in ländlich geprägten Regionen abbildete, zeigen Fotos aus den Großstädten Heerscharen teils ärmlich gekleideter wartender Männer mit leeren Gesichtern. Nicht selten sind darauf aber auch lange Schlangen von gut gekleideten, Hut und Krawatte tragenden Herren zu sehen, die wie ein Überbleibsel der vorangegangenen Boomzeit, der Roaring Twenties, aussehen – und die versuchen, einen Rest von Würde zu bewahren, während sie zum Beispiel in Chicago vor einer Suppenküche warten, über deren Tür in großen Lettern ein Stück Verheißung prangt: „Tasse Kaffee und Doughnuts gratis für Arbeitslose“.
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Noch länger waren die Schlangen, wenn Nachrichten – oder Gerüchte – die Runde machten, dass eine Fabrik Stellen, vielleicht auch nur eine Stelle, zu besetzen hatte. Arbeitsuchende verbrachten Tage und Nächte vor Werkstoren und Personalbüros, in manchen Fällen lagerten sie dort über Monate. In kleineren Orten, durch die Arbeitslose auf der Suche nach einem Job zogen, sollten oft von der örtlichen Handelskammer aufgestellte Plakatwände jedwede Hoffnung unterbinden: „Arbeitslose Männer – zieht weiter! Wir können nicht einmal die eigenen Leute versorgen.“
Es kam auch vor, dass Eltern ihre Kinder mit Schildern auf die Straßen schickten: „Warum könnt ihr meinem Dad keinen Job geben?“, war da zum Beispiel zu lesen. Andernorts trugen die Arbeitslosen selbst die Schilder – auf einen Hut gesteckt und den Beruf anzeigend: Gepäckträger, Arbeiter, Feuerwehrmann. Viele waren bereit, für einen Dollar pro Woche zu arbeiten.
Angesichts der Lage vieler Arbeitnehmer wirkte die Haltung mancher Industriekapitäne bizarr, was das Elend außerhalb der Werkstore anging: Henry Ford, die Verkörperung des innovativen Großindustriellen, hatte zur Massenentlassung von rund 60 000 Arbeitern in Detroit noch vor dem Börsencrash von 1929 angemerkt: „Ich weiß, dass es auch gut für sie ist; sie müssen lernen, dass es nicht immer nur glatt läuft.“
Tausende müssen zwangsweise ihre Wohnungen räumen: wohin nur?
Was die Arbeitslosigkeit für die Menschen in den Industriemetropolen des Ostens bedeutete, schilderte zum Beispiel der Sozialarbeiter Louis Adamic aus New York: Er berichtete vom Abstieg eines Fernfahrers, der seinen Job verlor, mit einem anderen Arbeitslosen ein Geschäft überfiel und ins Gefängnis „Sing-Sing“ geschickt wurde. Dort versuchte er mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Die Frau des Inhaftierten, so beschrieb es Adamic, durchlitt mit ihren fünf Kindern Schlimmes: „Als ich die Familie besuchte, lag ein Kind mit fiebriger Erkältung im Bett und zwei andere mit ihm, um warm zu bleiben. In der Wohnung gab es keine Heizung. Mrs. F. sagte zu mir: ‚Wir wären besser alle tot.‘“
Wenigstens eine Wohnung zu haben wurde für viele plötzlich ein unerreichbarer Traum. Die eviction, die Zwangsräumung wegen unbezahlter Miete, war ein weitverbreitetes Schicksal. Richter Samuel Heller in Chicago verzweifelte angesichts der Häufigkeit solcher Gerichtsbeschlüsse auf Drängen der Vermieter: „Ich hatte im Schnitt 400 solcher Fälle am Tag. Der Gerichtssaal war gerammelt voll. Menschen fielen in Ohnmacht, andere schrien: ‚Wo soll ich hingehen?‘“
Ein Reporter beschrieb die in besseren Zeiten so glanzvolle Einkaufsmeile der Stadt nach Einbruch einer Winternacht: „Man kann die wundervolle Michigan-Avenue-Brücke um Mitternacht befahren, und all die Lichter zeigen eine Traumstadt von unerreichbarer Schönheit. 20 Fuß unter dir, auf dem Tiefgeschoss der gleichen Brücke, wickeln sich 2000 obdachlose, geschwächte, hungernde und frierende Männer in alte Zeitungen, um sich vor dem Erfrieren zu schützen, sie legen sich in den Staub von Pferdemist zum Schlafen.“ Ein bitterer Witz machte die Runde – Frage: „Wer war die Lady, mit der ich dich letzte Nacht im Straßencafé gesehen habe?“ Antwort: „Das war meine Frau, und es war kein Straßencafé, das waren unsere Möbel.“
Das Elend war allgegenwärtig in Amerikas Städten. In New York City allein wurden Ende 1931 täglich rund 85 000 Mahlzeiten an Arbeitslose und Obdachlose ausgegeben; in Suppenküchen und für Brot anzustehen wurde ein wesentlicher Teil des Tagesablaufs für das Heer der Entwurzelten. In Youngstown im Bundesstaat Ohio, einer Industriestadt, deren Schlote nicht mehr rauchten, beobachtete der Bürgermeister entsetzt, dass die Obdachlosen sich im Winter an der städtischen Müllverbrennungsanlage versammelten: Um sich zu wärmen, verbrachen sie die Nächte inmitten von Unrat.
Barackensiedlungen, manche aus Pappe errichtet, wuchsen in vielen Städten heran, im New Yorker Central Park ebenso wie auf der anderen Seite des Kontinents, in Seattle, wo die Obdachlosen nahe dem Hafen ein eigenes erbärmliches Viertel errichteten. Zweimal ließen es die Stadtväter der heutigen Hightech- und Kaffeemetropole räumen und beseitigen, zweimal bauten es die Entwurzelten wieder auf. Der Name für diese wenig wetterfesten Manifestationen von Elend und Verzweiflung: „Hoovervilles“ – eine bitter-ironische Hommage an einen Präsidenten, der zu wenig, und das zu spät, gegen die Krise getan hatte.
Fast noch katastrophaler sah es in ländlichen Regionen aus, wo es kaum Wohlfahrtseinrichtungen gab. In Appalachia, der durch Bergbau und traditionell auch durch Armut geprägten Region, deren Zentrum der Staat West Virginia ist, war Hunger ein täglicher Gast in den Hütten. Diese verfügten oft weder über Strom noch Frischwasser, und die Ernährung der Bewohner bestand vielfach aus Brombeeren, Löwenzahn und Kermesbeeren. Viele Kinder dort, so wurde berichtet, waren so hungrig, dass sie auf ihren Fingern herumkauten, bis sie bluteten.
Die afroamerikanische Bevölkerung ist besonders stark betroffen
Mit besonderer Härte traf die Große Depression die afroamerikanische Bevölkerung. Die bereits seit etwa 1916 zu beobachtende Binnenwanderung, genannt Great Northward Migration, weg von den Baumwollfeldern des Südens, hin zu den Industriestädten des Nordens oder des nördlichen Mittelwestens (Chicago, Detroit und Gary, Indiana), nahm noch zu. Die Neuankömmlinge tauschten die Hütten von Alabama und Georgia gegen die Slums der Metropolen und den oft mörderischen Rassismus der ehemaligen Konföderation gegen Diskriminierung und Ausgrenzung im angeblich so viel liberaleren Norden.
In „Bronzetown“ auf der South Side von Chicago lebten fast eine Viertelmillion Afroamerikaner auf engstem Raum. Es spricht für sich, dass dort, ähnlich wie in Detroit, für die Unterschicht die Große Depression bereits im Sommer 1929 begonnen hatte. Die Banken in dem Viertel schlossen, und Entlassungen nahmen das Ausmaß einer Epidemie an, während es andernorts immer weiter aufwärts zu gehen schien und der Aktienindex weiterhin Rekordwerte erreichte.
Im New Yorker Stadtteil Harlem lebten die Menschen „in Kellern, die man zu notdürftigem Wohnraum umgestaltet hatte, … feuchte, Ratten-infizierte Verliese, … und eine Zinnkanne in der Ecke als Toilette“, so beschrieb es die schwarze Sozialarbeiterin Anna Arnold Hedgeman.
In den Stockwerken über den Kellern lag die Kochnische (kitchenette), Mittelpunkt des schmutzgeplagten, von Ausdünstungen umgebenen Daseins. Nach den Worten des schwarzen Schriftstellers Richard Wright war die kitchenette „unser Gefängnis“. Sie sei ein Saatbeet für Kindersterblichkeit, für Scharlach, Typhus, Tuberkulose, Syphilis, Gonorrhoe und Mangelernährung. Vor allem für junge schwarze Frauen war dieser Ort nach seinen Worten ein Verhängnis: „Meist sind sie noch Teenager, wenn sie in einen Raum mit Männern gezwängt werden … Von unseren Mädchen haben mehr Bastardbabies als die Mädchen in anderen Vierteln der Stadt.“ Familienbande brachen unter diesen Umständen zusammen, und nicht nur die Zahl der ungewollten Schwangerschaften explodierte, sondern auch jene der Gewaltverbrechen.
Auf dem Höhepunkt der Depression betrug die Arbeitslosenquote in Harlem rund 50 Prozent. Aktivisten und Bürgerrechtler versuchten, die Solidarität unter den Betroffenen zu stärken, ein Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Sie wollten unter anderem den Geschäften in der Krise helfen, die Afroamerikaner einstellten – was selbst in Harlem tätige weiße Ladenbesitzer oft nicht taten. „Don’t buy where you can’t work“ („Kaufe nicht dort, wo du nicht arbeiten kannst“), so lautete das Motto einer Bewegung, die aus Chicago kam. Dort hatte die Zeitschrift „Whip“ erfolgreich zum Boykott von Geschäften, Restaurants und Kaufhäusern aufgerufen, die sich weigerten, Afroamerikaner einzustellen.
Aktionen wie diese, oft nachdrücklich von schwarzen Geistlichen unterstützt, gaben den afroamerikanischen Gemeinschaften mitten in der Krise ein Selbstwertgefühl und einen Eindruck davon, dass selbst die vergleichsweise schwache Kaufkraft von afroamerikanischen Kunden eine Wirkung haben konnte, wenn sie gezielt eingesetzt wurde. „Don’t buy where you can’t work“ wurde zu einem Vorläufer der Bürgerrechtsaktionen der 1950er und 1960er Jahre.
Die Benachteiligung der afroamerikanischen Communities beseitigte vielerorts auch der „New Deal“ unter Präsident Franklin D. Roosevelt nicht, obwohl diese Politik fortschrittlich war. Für die Vollendung der über Jahre nicht fertiggestellten Triborough (heute: Robert F. Kennedy) Bridge in New York – eines der größten öffentlichen Bauprojekte der Epoche –, deren Ausläufer unter anderem in Harlem enden, wurden zum Beispiel keine schwarzen Arbeiter eingestellt.
Als im Zuge des New Deal Hilfsprogramme wie die „Federal Emergency Relief Administration“ (FERA) anliefen, wurden Afroamerikaner in den größeren Städten des Südens wie in Memphis und Atlanta zwar weitgehend weißen Hilfsbedürftigen gleich behandelt; in ländlichen Regionen saß jedoch die Vorstellung tief, dass Schwarze sowieso keine Unterstützung durch die Obrigkeit erwarten würden, also auch nicht bei den Programmen berücksichtigt werden müssten.
Es kam auch vor, dass die lokale Politik über ihre Anliegen einfach hinwegging: In Jackson, der Hauptstadt des Bundesstaates Mississippi, unterbreiteten afroamerikanische Pfarrer dem Bürgermeister eine Petition mit der Bitte, bei der Umsetzung von durch den New Deal geförderten Projekten wie der Anlage eines neues Parks und der Asphaltierung von Straßen arbeitslose Schwarze einzustellen. Der Bürgermeister antwortete, dass er „einen Teufel tun werde“, und wem es nicht passe, wie die Dinge in der Stadt gehandhabt würden, der könne gern wegziehen.
Mit dem Güterzug durchs Land: die Subkultur der „Hoboes“
Ein Phänomen jener Jahre waren die sogenannten Hoboes – rast- und heimatlose Tramps, viele von ihnen Jugendliche, die auf Güterzüge aufsprangen und durchs Land fuhren. Oft waren sie weniger auf der Suche nach einem Job, sondern zelebrierten einfach eine besondere Subkultur. Der Journalist Eric Sevareid beschrieb diese Welt so: „… eine neue soziale Dimension, … bewohnt von Zehntausenden amerikanischer Männer, Frauen und Kinder; weiß, schwarz, braun und gelb, die in einem ‚Dschungel‘ leben, aus rostigen Konservenbüchsen essen, nachts Wärme in einem Güterwagen finden, tagsüber die Sonne auf einem Flachwagen einsaugen, die an einem Tag stehlen und am nächsten betteln, die mit Fäusten und oft auch mit Rasiermessern kämpfen, die unter einer Decke in einer dunklen Ecke des überfüllten Waggons Sex haben. Sie ziehen von Ort zu Ort, süchtig nach dem nächsten Ort, seiner überdrüssig am nächsten Tag. Glücklich sind sie nur, wenn sie unter sich die Räder klicken hören und die Telegraphenmasten vorbeiziehen sehen“.
Das Vagabundieren gab jugendlichen Ausreißern mehr Sicherheit, manchmal auch mehr Mitmenschlichkeit als in ihren zerstörten Familien, wie der Soziologe Thomas Minehan bemerkte: „In den Güterwagen versammeln sich die Jungen und Mädchen in größerer Zahl und beschützen sich gegenseitig. In den Wagen sind die Mädchen nicht vollständig irgendwelchen Männern ausgeliefert; wie immer auch ihre Beziehung zu den Jungs sein mag. Die Angst vor dem Alleinsein, die Angst vor dem Ausspioniert-Werden und davor, vom erstbesten Polizisten aufgegriffen zu werden – diese Angst fehlt.“
Krise in der Krise: Trockenheit und Sandstürme in den Great Plains
Zu den Wanderungsbewegungen der 1930er Jahre trug nach der Wirtschaftskatastrophe seit etwa 1934 auch die Natur bei. Die Great Plains, die Hochebene im Zentrum der USA, erlebten 1930 eine erste große Hitze- und Trockenheitsphase, der weitere extrem heiße und trockene Sommer im Lauf des Jahrzehnts folgten. Dies führte in Kombination mit der dort seit langem ohne Rücksicht auf Ökologie betriebenen Landwirtschaft zu Austrocknung und Erodierung des Bodens. Ein zweitägiger gigantischer Sand- und Staubsturm im Mai 1934 läutete den eigentlichen Beginn der Ära der „Dust Bowl“ („Staubschüssel“) ein – der Begriff bezeichnete zunächst die besonders betroffene Region zwischen den Dakotas und Texas, stand aber bald für das Phänomen verheerender Stürme, die Wüstenlandschaften zurückließen, in denen die verlassenen Farmgebäude und die Überreste verendeter Nutztiere aus einem Meer von rötlichem Staub herausragten.
Viele tausend Tonnen Staub wurden bei solchen Stürmen in die Atmosphäre geschleudert und bis in die großen Städte im Osten getragen – noch im Winter 1934/35 war der Schnee in Neuengland von rötlicher Farbe. Ein verheerender Sturm, durch den sich der Himmel völlig verfinsterte, ein black blizzard, zog im April 1935 eine Spur der Verwüstung durch weite Teile des nordamerikanischen Kontinents, von Kanada bis Texas. Die Stürme machten im Mittelwesten mehr als eine halbe Million Menschen obdachlos. Die meisten machten sich auf ins verheißungsvolle Kalifornien, wo man ihnen je nach Herkunft Spitznamen gab: Die „Okies“ kamen zum Beispiel aus Oklahoma oder die „Arkies“ aus Arkansas.
Die Fotos von Dorothea Lange ließen die von der Dust Bowl gezeichneten Menschen lebendig werden; ein anderer Pionier der modernen Fotoreportage war Arthur Rothstein. Der aus New York stammende Fotograf arbeitete wie Lange für eine Behörde des New Deal, und zwar für die „Farm Security Administration“. Die von ihm gemachten Fotos sind Dokumente, welche die Entwurzelung und Verzweiflung der Menschen in der Landwirtschaft widerspiegeln. Sein 1936 in Oklahoma entstandenes Foto „Farmer and sons walking in the face of a dust storm“ („ein Farmer und seine Söhne in einem Staubsturm“) erinnert heutige Betrachter an Fotos vom Mars – wären da nicht drei Personen in einer Wüstenlandschaft, die gegen eine unbarmherzige Natur ankämpfen.
Über diese besondere Krise inmitten der Großen Depression berichtete ein Medium, das für viele Menschen neben Zeitung und Radio die wichtigste – und in ihrer Unmittelbarkeit erschütterndste – Informationsquelle in den 1930er Jahren war: die Wochenschau im Kino. Was die Kinobesucher des Ostens in diesen newsreels sahen, versetzte viele von ihnen in Angst und Schrecken. Die flimmernden Bilder schienen von einer Apokalypse zu künden; und der amerikanische Traum schien elementar bedroht zu sein.
Und doch – gerade die in den 1930er Jahren erblühenden neuen medialen Gestaltungsmöglichkeiten ließen immer wieder auch die Vision eines besseren Morgen aufblitzen. Der deutsche Schriftsteller und Filmemacher Heinrich Hauser beispielsweise besuchte 1931 Chicago und schuf dabei ein bemerkenswertes Filmdokument über den Alltag in der Metropole am Lake Michigan. Gewiss, auch darin sind Armut und vereinzelt auch Verzweiflung zu sehen. Doch gleichzeitig faszinierten Hauser das brodelnde Leben auf den Straßen, die fröhlich spielenden afroamerikanischen Kinder, die geschäftig in ihre Büros laufenden Menschen, die vollen Trams und Hochbahnen. Sein Film atmet eben auch amerikanisch-hektische Normalität und Zuversicht. Trotz allem. Im Deutschen hat er den Titel „Chicago – Weltstadt in Flegeljahren.“ Nach Letzteren kommt bekanntlich oft eine Reife-, manchmal auch eine Blütezeit.
Florence Owens Thompson übrigens brachte ihre Kinder durch die Große Depression. Sie starb 1983 im Alter von 80 Jahren in Kalifornien. Bis zum Schluss hatte sie in einer Wohnwagensiedlung gelebt. Geld hatte die Frau, die zum Gesicht der Krise wurde, für das Foto nie bekommen. Auf ihrem Grabstein stehen die Worte: „A Legend of the Strength of American Motherhood“ – frei übersetzt: „ein Beispiel für die legendäre Kraft der amerikanischen Mütter“.
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