Dass das Gesicht einer bestimmten Frau, einer unter vielen Millionen, zum Sinnbild einer Zeit wird, ist dem Zufall geschuldet und in diesem Fall besonders dem geschulten Auge einer Fotografin: Florence Owens Thompson traf am 6. März 1936 auf eine solche Person, die mit einer Kamera unterwegs war. Thompson, eine 32-jährige Mutter von sieben Kindern, die indigener Abstammung war (native American), hatte sich wie viele andere Migranten dieser Jahre nach Kalifornien durchgeschlagen – in das Land, in dem angeblich Milch und Honig fließen. Stattdessen wuchsen dort Erbsen, die es zu ernten galt. Thompson fand sich mit ihren Kindern also in einem pea-picker camp in Nipomo Mesa wieder.
Fast 3000 Menschen hatten sich dort versammelt, die diese körperlich anstrengende Tätigkeit ausübten oder eine solche Arbeit suchten. Owens Thompson dürfte diese Tatsache nach ihren Erfahrungen mit zahlreichen kurzlebigen Jobs wohl kaum noch schockiert haben. Ihre von Sorgen verhärmte Physiognomie fiel der in dem Lager anwesenden Fotografin Dorothea Lange auf. Diese dokumentierte für eine der zahlreichen im Rahmen des New Deal entstandenen Regierungsbehörden, die „Resettlement Administration“, die Lage der Wanderarbeiter. Binnen weniger Minuten nahm Lange mit ihrer Graflex-Kamera sieben Bilder von Thompson und einigen ihrer Kinder auf. Eines davon, betitelt „Migrant Mother“, sollte das berühmteste Foto der Großen Depression werden: Zunächst erschien es in einer Tageszeitung in San Francisco, um dann unzählige weitere Male gedruckt zu werden. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts zierte es sogar eine Briefmarke der U. S. Mail.





