In der Vergangenheit sind Regiments- oder Divisionsgeschichten in der Regel von Veteranen der betreffenden militärischen Verbände geschrieben worden. Sie verfolgten das Ziel, an Heldentaten, Entbehrungen, gefallene und vermißte Kameraden zu erinnern. Informationen über die Beteiligung an Kriegsverbrechen wird man in diesen Geschichten meist vergebens suchen. Ebenso bleibt der Kriegsalltag der Masse der einfachen Soldaten im Dunkeln. Nun hat der Saarbrücker Historiker Christoph Rass erstmals eine Divisionsgeschichte ganz anderer Art verfasst, nämlich eine kritische sozialwissenschaftliche Untersuchung eines militärischen Verbandes. Es handelt sich um die 253. Infanteriedivision, die zunächst im Westen und dann im Rahmen der Heeresgruppe Mitte im Osten eingesetzt war. Ihr gehörten in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 mehr als l6 000 Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere an. Auf der Grundlage des überraschend ergiebigen dienstlichen Schriftguts gelingt es dem Autor, das Innenleben dieser typischen Heeres-Division detailgenau und lebensnah auszuleuchten. Wer dieses Buch studiert, gewinnt einen tiefen Einblick in den kriegerischen Alltag von ganz normalen Deutschen in der Uniform von einfachen Soldaten in einer ganz normalen deutschen Infanteriedivision während des Zweiten Weltkriegs, auch in ihre Mentalität. Mit seiner exemplarischen Untersuchung hat Christoph Rass für den Bereich der Wehrmacht das geleistet, was vor Jahren dem amerikanischen Historiker Christopher Browning mit seiner Studie über ein Polizeibataillon für den Bereich der Polizei gelungen ist: Er kann erklären, welche Faktoren zusammenwirkten, um gerade auch Mannschaftssoldaten – 1,5 Prozent Verweigerer ausgenommen – zur willigen Beteiligung an dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion zu veranlassen.
Rezension: Wette, Wolfram





