Bücher Geschichte des Staunens Als Alexander der Große aufbrach, um das Perserreich zu unterwerfen, begann ein Unternehmen, das fast ebenso eine geographische und ethnographische Expedition wie ein Feldzug war. Alexander war ein gelehriger Schüler des Aristoteles gewesen, voller Neugier auf die Wunder dieser Welt. Dieser typisch griechischen Neugier hat der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz sein neuestes Buch gewidmet. Schulz kennt sich aus, wenn es um Seefahrt und Geographie in der Antike geht. Seine Monographie „Abenteurer der Ferne“ (Verlag Klett-Cotta 2016) berichtet packend von den Entdeckungsfahrten der Griechen, Römer und Karthager. Sein neues Buch „Als Odysseus staunte“ ist theoretischer angelegt und argumentiert zugleich dichter an den Texten. Gefragt wird: Was befähigte die Griechen dazu, der Welt mit solch produktivem Staunen zu begegnen? Wie nahmen sie die Anderen, Fremden wahr – und wie, vermittelt über die Fremdwahrnehmung, sich selbst? Ihren einsamen Höhepunkt erreichte die griechische Ethnographie mit Herodot, der dem, was Griechen von Nicht-Griechen unterschied, im Grunde genommen sein gesamtes Geschichtswerk widmete. Doch Herodot fiel nicht vom Himmel. Wie also lernten die Griechen das Staunen über das Fremde? Schulz beginnt mit Odysseus, dem reisenden Helden des homerischen Epos, mit dem wir in die Phase eintauchen, als die Griechen – um 700 v. Chr. – begannen, das Dunkel der sie umgebenden Welt zu erhellen. An Odysseus und seinen Seefahrten zeigt sich die auch später bewährte Methode, „Fremdes an Bekanntes anzuknüpfen“. Das Epos kartierte die gerade in Entdeckung befindliche Welt und ihre Bewohner – und bezog sie erstmals in einem Identitätskosmos aufeinander. Das 7. und das 6. Jahrhundert standen im Zei-
chen der Verstetigung der Kontakte zwischen Griechen und NichtGriechen, das 5. Jahrhundert dann im Schatten der Perserkriege. Schulz zieht bisher kaum aus ethnographischer Sicht gelesene Texte wie die Lyrik des Alkaios von Lesbos oder die der Dichterin Sappho heran, in denen er, was plausibel ist, den Reflex einer kosmopolitischen Elitenkultur
Raimund Schulz, Als Odysseus staunte. Die griechische Sicht des Fremden und das ethnographische Vergleichen von Homer bis Herodot. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/ Verlag Antike, Göttingen 2020, 391 Seiten, € 50,–.
sieht. In der Klassik wurde das Konzert der Stimmen, die das Verhältnis zwischen Griechen und Barbaren kommentierten, vielstimmiger. Zum beherrschenden Objekt ethnographischer Neugier wurden seit dem 5. Jahrhundert – nicht überraschend – die Perser. Schulz veranschaulicht, wie der Tragödiendichter Aischylos die ambivalente Wahrnehmung des großen Reichs im Osten zwischen Bewunderung und Verteufelung überwindet und der Geschichtsschreiber Herodot das Spektrum der Deutungen durch seine Methode des geographischen und historischen Vergleichs noch weiter auffächert. Weil Schulz den Horizont der griechischen Ethnographie über Herodot hinaus erweitert und ein wahres Panoptikum von Texten für seine Geschichte des Staunens nutzbar macht, können auch Fachwissenschaftler eine Menge aus seinem Buch lernen. Es ist zugleich eine echte Fundgrube für alle, die sich für gute Geschichten begeistern können. Prof. Dr. Michael Sommer





