Die Historikerin Karin Orth hat das Phänomen „Unehelichkeit“ unter die Lupe genommen und sich exemplarisch mit dem Schicksal von Frauen aus dem badischen Südwesten und der Schweizer Metropole Basel befasst, die Kinder bekamen, obwohl sie unverheiratet waren. Orths Studie untersucht, wo die Gründe für den Anstieg „unehelicher“ Kinder lagen, wie die Basler Obrigkeit auf die ledigen Mütter reagierte und welche Erfahrungen die Frauen machten – vom „Beyschlaf“ über die Schwangerschaft und Geburt bis hin zu „Kindsaussetzung“ und „Kindsmord“.
Für das zunehmende Auftreten von „Unehelichkeit“ macht die Historikerin verschiedene Gründe aus. Vor allem die aufkommende Urbanisierung spielte eine Rolle. Die untersuchten Frauen stammten überwiegend aus kleinbäuerlichen Familien vom Land, wo es nicht ungewöhnlich war, unverheiratet zu sein. Als ledige Frauen kamen sie arbeitsuchend in die aufstrebende Metropole Basel. Ihre Erwartungen auf ein besseres Leben erfüllten sich jedoch meist nicht. Ihre Armut begünstigte die „Unehelichkeit“ noch, denn eine Hochzeit konnten sich die meisten nicht leisten.
Zugleich bedrohte eine Schwangerschaft die ohnehin schwierige Lage der Frauen. Sie mussten fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, hatten mit Strafen und Ausweisung aus der Stadt zu rechnen. Folgen waren Abtreibungsversuche, die häufig nicht allein zum Tod des Kindes, sondern auch der Mutter führten. Katastrophal waren auch die Bedingungen, unter denen die Frauen ihre Kinder zur Welt bringen mussten. Viele trennten sich nach der Geburt vom Kind.
Orths Studie zeigt, dass die ledigen Mütter Opfer der herrschenden Strukturen waren. Zugleich wird aber auch sichtbar, dass die Frauen fähig waren, sich aktiv mit den Verhältnissen zu arrangieren und vielfältige Formen von Sexualität und Familie ohne den Segen der Kirche und des Staates zu leben.





