Kein Zweifel – hier liegt ein engagiertes Buch mit weitem Horizont vor, das ältere nationale Darstellungsmuster mutig überwindet. Mit klaren Schwerpunkten werden die Wege aus dem Frühmittelalter bis nach Canossa erzählt. Hervor treten vor allem die Kaiser‧krönung Karls des Großen 800, der Zerfall des fränkischen Großreichs, die Auseinandersetzungen mit apokalyptischen Ängsten um das Jahr 1000 und die Feudalisierung des 11. Jahrhunderts. Hollands Interesse erwächst aus seinem Erlebnis der zweiten Jahrtausendwende. Von den drängenden Herausforderungen unserer Gegenwart aus betrachtet er die Menschen und deren Krisenbewältigung im 10. und 11. Jahrhundert. Solche Betroffenheit sichert dem Buch manche Aktualität.
Die Schwächen erwachsen aber aus dem unreflektierten Umgang mit der historischen Überlieferung. Dass die Quellen nur ein Segment einer Gesellschaft spiegeln, in der die Mündlichkeit üblich und die Schriftlichkeit kleinen Eliten vorbehalten blieb, wird nicht richtig deutlich. Aktuelle Debatten über das historische Gedächtnis oder den Zweck von Erinnerung sind ausgeblendet. So begegnet uns das 10. Jahrhundert in jener Wahrhaftigkeit, die heute als Konstrukt schreibender Kleriker gilt.
Eigentlich gehört es zum Erfahrungswissen des beginnenden 21. Jahrhunderts, dass wir uns als Richter über die Zeiten nicht zu ernst nehmen, den geschriebenen Wörtern nicht mehr blind vertrauen, mediale Virtualitäten entdecken und Andersartigkeiten in Zeit und Raum aushalten. Wer das bedenkt, würde sicher ein etwas anderes Buch über das Millennium schreiben.
Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller





