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Mit Maria gegen die Säkularisierung
Der spätere Papst Pius IX. sah bereits früh in seiner Karriere die Verehrung der Gottesmutter als geeignetes Mittel zur Rechristianisierung von Kirche und Gesellschaft. Marienerscheinungen sorgten zudem für eine breite Aufmerksamkeit.
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Die Rückkehr von Papst Pius VII. 1814 nach Rom wollte sich der damals 23-jährige Giovanni Maria Mastai-Ferretti nicht entgehen lassen. Pius VII. (1800–1823) war von Napoleon 1809 gefangen genommen worden. Erst nach den entscheidenden Niederlagen des französischen Kaisers kam der Papst frei. Für Mastai-Ferretti ein Feiertag. Der anschließende Romaufenthalt sollte sich für den späteren Papst Pius IX. als entscheidend für seine Zukunft herausstellen.
Er kam dort mit reformeifrigen Klerikern in Kontakt, die sich für die Neuevangelisierung einsetzten. Nach den antiklerikalen Jahrzehnten seit dem Beginn der Französischen Revolution gab es nun in der katholischen Kirche eine Erneuerungsbewegung, die sich auch durch eine tiefe Marienfrömmigkeit auszeichnete.
Neue Generation von Klerikern stemmt sich gegen den Bedeutungsverlust der katholischen Kirche
Zu den einflussreichsten Priestern dieser Zeit in Rom gehörten Gaspare del Bufalo (1786–1837), Gründer der Kongregation vom Kostbaren Blut, der von Pius VII. den Auftrag der Volksmission erhalten hatte; Vincenzo Pallotti (1795–1850), Gründer der Pallottiner, der in seinem Tatendrang „alles zur unendlichen Ehre Gottes“ verrichtete, sowie der Passionistenpater und Bischof Vincenzo Strambi (1745–1824), der als ausgezeichneter Prediger und gesuchter Seelenführer bekannt war.
Auf den jungen Mastai-Ferretti übte insbesondere der beliebte Prediger und Beichtvater Cesare Storace (1770–1828) einen großen Einfluss aus. Er kümmerte sich als Direktor des Hospizes Tata Giovanni um obdachlose Waisen, unterrichtete sie und führte sie in die Arbeitswelt ein. Mastai-Ferretti fing an, in dem Hospiz als Freiwilliger mitzuarbeiten und besuchte die religiösen Treffen der Priester.
In diesem Umfeld entwickelte sich seine Priesterberufung, doch zunächst ging er einer kirchlichen Karriere aus dem Weg, er wollte vor allem Seelsorger sein. In diesen Jahren der geistlichen Bildung festigte sich sein Lebensmotto „Alles zur Ehre Gottes und zum Heil der Seelen“. Seine spirituellen Schwerpunkte waren ein gelebter Christuszentrismus, der sich durch ein unerschütterliches Gottvertrauen auszeichnete, und eine tiefe Marienfrömmigkeit. Sein ältester Bruder beschrieb Mastai-Ferretti mit folgenden Worten: „Mein Bruder ist durch und durch Priester! Schneidet ihn in Stücke und setzt sie wieder zusammen; ihr werdet sehen, es wird dabei nichts anderes als ein Priester herauskommen.“
Papst Pius VII. ermutigte den Eifer der engagierten Priester und förderte das religiöse Leben durch Organisation von Pfarrmissionen, Exerzitienkurse für den Klerus, durch Gewährung von Ablässen, Begünstigung von religiösen Vereinigungen, Ermutigung von Prozessionen und Wallfahrten sowie durch die Einführung von neuen Marienfesten.
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Die Bemühungen der katholischen Kirche erhielten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen unerwartet positiven Impuls durch die Bewegung der Romantik, die im Menschen wieder die Sehnsucht nach Religion, Gefühlen und Mysterien weckte.
Marienerscheinungen stärken die Volksfrömmigkeit
Die Marienverehrung war ein zentrales Element der Rechristianisierung. In den Privilegien und Tugenden Mariens sah man seitens der katholischen Kirche ein geeignetes Gegenmittel zu der sich ausbreitenden Säkularisierung.
Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Begriff der „Immaculata“. Er ist ein Ehrentitel für die Gottesmutter Maria und geht zurück auf die conceptio immaculata, die Unbefleckte Empfängnis (dazu später noch mehr). In der Ikonographie wird Maria als Immaculata ohne Kind und stehend – auf einer Mondsichel oder Wolken – dargestellt, das Haupt ist dabei oft von Sternen umkränzt.
Das Aufblühen der Marienverehrung wurde durch eine Reihe von Marienerscheinungen gefördert, die sich gerade in dieser Zeit ereigneten. 1830 soll Maria der Ordensschwester Catherine Labouré (1806–1876) in der Rue du Bac in Paris erschienen sein. Die Gottesmutter soll die Schwester gebeten haben, Medaillen mit dem Bild der Immaculata und der Inschrift „O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen“ zu prägen. Die Medaillen verbreiteten sich sofort in ganz Europa unter dem Namen „Wundertätige Medaillen“. In den Jahren danach soll Maria auch zwei Hirtenkindern im französischen Alpendorf La Salette (1846) sowie dem Hirtenmädchen Veronica Nucci in Ceretto (1853, Toskana) und dem fünfjährigen Jungen Federico „Righetto“ Cionchi in Montefalco (1862, Umbrien) erschienen sein.
Diese Ereignisse sind vor dem Hintergrund einer allgemeinen Neuentdeckung des katholischen Bewusstseins seit den 1840er Jahren zu sehen. So verbreiteten sich im deutschsprachigen Raum während der Märzrevolution 1848/49 die nach dem neuen Papst benannten Piusvereine. Diese religiös-politische Organisation kämpfte für die kirchliche Unabhängigkeit vom Staat.
In diesem Zusammenhang ist auch der 1848 in Mainz veranstaltete erste Katholikentag zu sehen. Die „Generalversammlung der Katholischen Vereine Deutschlands“ wurde zur Initialzündung für die Gründung weiterer Organisationen und Vereine, die einen Beitrag zur Festigung der katholischen Kirche in der Gesellschaft leisteten.
Als Kardinal Mastai-Ferretti am 16. Juli 1846 im Quirinalspalast mit nur 54 Jahren zum Papst gewählt wurde, war er von diesem Restaurationsgeist erfüllt, den er bereits als junger Priester in Rom und später als Bischof und Kardinal in den Diözesen Spoleto (1827–1832) und Imola (1832–1846) gelebt hatte.
Pius IX. begann umgehend damit, fähige Mitstreiter für das Projekt der Rechristianisierung zu rekrutieren. Da er die meisten Priester und Ordensleute für stark verweltlicht hielt oder diese seines Erachtens nie eine fundierte spirituelle Ausbildung erhalten hatten, setzte der Papst auf die Erziehung weniger, aber sehr fähiger Multiplikatoren. So entstanden in den Folgejahren in Rom viele neue Priesterkollegien. Gleichzeitig ordnete der Papst die Reduzierung der Noviziate in den Ordensgemeinschaften an und verlangte, dass die Ausbildung nur den besten Geistlichen anvertraut werde.
Pius IX. war überzeugt, dass der Erfolg der Reform in letzter Instanz von Gottes Hilfe abhing. Um sich den göttlichen Beistand zu sichern, vertraute er dieses Anliegen schon in seiner programmatischen Antrittsenzyklika der mächtigen Fürsprache der Gottesmutter an.
Pius IX. hatte die Marienfrömmigkeit praktisch schon mit in die Wiege gelegt bekommen. Er war von klein auf gewohnt, sich in seinen Nöten der Jungfrau Maria anzuvertrauen und sie in allen Lebenslagen anzurufen. Im Alter von 23 Jahren fasste er schon den Vorsatz: „Der Name Jesu und Marias soll oft auf den Lippen und vor allem vor allen Handlungen sein.“
Pius IX. klettert sogar auf Altäre, um Marienbilder zu bewundern
Seit seiner Jugend hatte er sich angewöhnt, die Marienbilder an den Hauswänden oder in den Kirchen zu grüßen. Die Menschen staunten, wenn Pius IX. sogar auf Altäre kletterte, um ein Marienbild aus der Nähe betrachten zu können. Sein bevorzugter päpstlicher Ring war eine Kamee mit der Darstellung Mariens, und auf seiner Schnupftabakdose war die Immaculata abgebildet.
Schon als junger Priester predigte er die Novene zur Unbefleckten Empfängnis in der Kirche Santa Maria della Pace in Rom so erfolgreich, dass er im Folgejahr mit dem Panegyrikus (Lobrede) in der Basilika Maria Maggiore beauftragt wurde.
Viele Mariendarstellungen im Apostolischen Palast stellten die Immaculata dar. So schätzte Pius IX. ein Geschenk der Königin Isabella II. von Spanien (1830–1904), die ihm 1857 das Bild „Madonna auf der Mondsichel“ des Madonnen-Malers Giovanni Battista Salvi (genannt Sassoferrato; 1609–1685) schenkte.
Der Papst übergab das Original an die 1857 neu eingeweihte Vatikanische Pinakothek – wo es noch heute aufbewahrt wird – und ließ sich mehrere Kopien anfertigen. Eine Reproduktion bewahrte er in seinem Arbeitszimmer auf, eine weitere sandte er in sein Elternhaus nach Senigallia. Als sein Neffe Luigi ihm von dem allgemeinen Anklang des Bildes berichtete, schrieb er ihm ermahnend zurück: „Ihr sagt, das Bild … wird von allen bewundert. Mein lieber Neffe, es wäre besser, wenn es von allen verehrt würde.“
Wie viele seiner Zeitgenossen wünschte sich Mastai-Ferretti die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis, also der Lehre, dass Maria im Moment ihrer Empfängnis im Leib ihrer Mutter durch ein besonderes Privileg, im Hinblick auf ihre Gottesmutterschaft und als Vorwegnahme des Erlösungswerks Jesu, von der Erbsünde bewahrt blieb. Wohlgemerkt, dabei geht es nur um Maria, nicht um die spätere jungfräuliche Empfängnis von Jesus. Diese war im Christentum stets unbestritten und wird in der Bibel durch den Engel Gabriel verkündet: „Der Heilige Geist wird über dich kommen“ (Lukas 1, 35).
Über die Frage der Erbsündenlosigkeit Marias war dagegen in der Kirche jahrhundertelang diskutiert worden. Die Bibel sagt dazu: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“(Lukas 1,28). Die Dominikaner hatten das Konzept der Unbefleckten Empfängnis aus philosophischen Gründen abgelehnt; die Franziskaner hingegen waren dessen große Verfechter.
Für Mastai-Ferretti richtet sich der Glaubenssatz der Immaculata gegen moderne Lehren, die die Existenz der Erbsünde und die Notwendigkeit des Erlösungswerks Christi negierten. Diese Lehren würden stattdessen die
Deifikation (Vergöttlichung) des Menschenverstandes verkünden. Er sah das Dogma daher als Bollwerk gegen alle antiklerikalen Tendenzen seiner Zeit.
Schon als Bischof reichte er zusammen mit anderen Bischöfen bei Papst Gregor XVI. (1831–1846) die Petition ein, das Wort „unbefleckt“ (immaculata) in die Präfation (Eingangswort) der Festmesse des 8. Dezembers („Mariä Empfängnis“) einfügen zu können. In jenen Jahren schrieb er in einem Brief: „Die Sache [die Dogmatisierung] verdient unsere ganze Mitarbeit, aber ein wenig mehr Geduld ist alles, was in diesem Fall erforderlich ist.“
In der Tat setzte sich Pius gleich zu Beginn seines Pontifikats für die Verbreitung der Immaculata-Verehrung ein. Im Jahr 1846 bewilligte er den nordamerikanischen Bischöfen, die Immaculata als Schutzpatronin der Vereinigten Staaten erklären zu können, und in der Antrittsenzyklika „Qui pluribus“ (1846) vertraute er der Immaculata die philosophischen, politischen und religiösen Probleme der Zeit an.
Am 30. November 1846 besuchte er das Sterbezimmer des Franziskanerpaters und Immaculata-Verehrers Leonardo da Porto Maurizio (1676–1751), um einen dort aufbewahrten Brief zu lesen. Darin hatte dieser schon 1747 Benedikt XIV. (1740–1758) vorgeschlagen, die Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis Marias in Angriff zu nehmen. Maurizio hatte angeregt, den Konsens aller Bischöfe nicht durch ein kostspieliges Konzil, sondern durch eine schriftliche Umfrage einzuholen.
Bereits im folgenden Jahr genehmigte Pius IX. am 30. September 1847 für den 8. Dezember eine neue Festliturgie. Angespornt durch Hunderte von Bittgesuchen um eine baldige Dogmatisierung, setzte er am 1. Juni 1848 eine Theologenkommission ein, die sich mit der Frage der Definierbarkeit und der Angemessenheit des Dogmas befassen sollte.
Auch im Exil wird das Projekt vorangetrieben
Doch als kurze Zeit später Rom von den Revolutionären besetzt wurde und Pius IX. am 24. November 1848 in der Kutsche des bayerischen Gesandten Graf Karl von Spaur (1794–1854) nach Gaeta fliehen musste, schien das Mariendogma zunächst in weite Ferne gerückt zu sein.
In den Tagen des Exils soll sich der Staatssekretär Kardinal Luigi Lambruschini (1776–1854) beim Anblick der tobenden Wellen im Golf zu Gaeta mit folgenden Worten an Pius IX. gewandt haben: „Heiliger Vater, der Sturm der Welt, der das Boot des Petrus umherwirft, wird sich erst mit der Verkündigung des Dogmas von der Unbefleckten Empfängnis legen. Diese Definition wird die christlichen Glaubenswahrheiten wiederherstellen und die Geister von dem großen Übel des Naturalismus heilen, in dessen Aufruhr sie sich befinden.“
Auch wenn die Echtheit dieser Episode nicht gesichert ist, so steht doch fest, dass Pius IX. in Gaeta eine Kardinalskommission einsetzte, die sich mit dem Thema befassen sollte. Kurz darauf folgte die Einberufung einer beratenden Theologenkommission, die innerhalb von zwei Monaten und unter secretum pontificium, also höchster Geheimhaltung, „ihre Stellungnahme zu dieser Angelegenheit abgeben sollte, wobei sie insbesondere berücksichtigen sollte, ob es angemessen sei, dem Drängen der vielen Bischöfe durch eine päpstliche Entscheidung entgegenzukommen“.
In dieser Phase sollten vor allem zwei Fragen geklärt werden: Erstens, ob dem Papst empfohlen werden könne, mit dem Definitionsentwurf fortzufahren, und zweitens, wie dies gegebenenfalls geschehen solle. Die Kommissionsmitglieder sprachen sich mehrheitlich für die Definition aus, waren aber zunächst unschlüssig darüber, wie, wann und wo sie erfolgen sollte. Die Theologen kamen schließlich überein, dass trotz der schwierigen Zeit nun der richtige Moment für die ersehnte Dogmaverkündigung gekommen sei.
Dem Papst wurde der Entwurf der Befragungsenzyklika „Ubi primum“ vorgelegt, die Pius IX. am 2. Februar 1849 unterzeichnete. Auf diese Weise wurde der einstige Rat des Leonardo da Porto Maurizio an Benedikt XIV. umgesetzt, „ein Konzil in Briefform“ durchzuführen. Von den 603 eingegangenen Antworten sprachen sich 546 für die Definition aus, während die wenigen Gegenstimmen lediglich den Zeitpunkt für unangemessen hielten.
Im Mai 1850 kehrte Pius IX. aus dem Exil nach Rom zurück, und nur einige Monate später nahmen die römischen Theologenkommissionen ihre Arbeit mit Nachdruck wieder auf. Damals wurde der Jesuit und Dogmatikprofessor Pater Giovanni Perrone (1794–1876) mit der Ausarbeitung der Definierungsbulle betraut.
Verkündung des Dogmas am 8. Dezember 1854
Seit Ende 1850 intensivierten sich die Vorbereitungsarbeiten, im Herbst 1854 begann dann die hektische Schlussphase. Auf den ersten Entwurf folgten sechs weitere, bis die endgültige Definierungsbulle „Ineffabilis Deus“ („Der unbegreifliche Gott“) erst nach dem 4. Dezember 1854, das heißt wenige Tage vor der geplanten feierlichen Dogmaverkündigung, fertiggestellt wurde. Während der Endredaktion unterstützte nur eine kleine Gruppe von Kardinälen den Papst. Bei den allerletzten Änderungen arbeitete Pius IX. ganz alleine an dem Dokument.
Das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariens wurde am 8. Dezember 1854 in einer feierlichen Zeremonie im Petersdom von Pius IX. verkündet. Der Papst hatte ausdrücklich zahlreiche Patriarchen, Kardinäle und Bischöfe aus aller Welt eingeladen, um die universale Gültigkeit dieses päpstlichen Aktes hervorzuheben.
Pius IX. wird oft als „Papst der Immaculata“ bezeichnet, und das nicht ohne Grund. Er war Initiator, unermüdlicher Förderer und Hauptverantwortlicher des Dogmas, gleichzeitig ging er jedoch nicht im Alleingang, sondern vielmehr im Einklang mit dem Weltklerus und den Gläubigen vor.
Wie wichtig ihm das Vorhaben persönlich war, liest man in den Rundbriefen seiner Mitarbeiter: „Seine Heiligkeit, die sich ernsthaft mit dieser Angelegenheit beschäftigt…“ oder „Seine Heiligkeit, unser Herr, dem die ernste Angelegenheit der Unbefleckten Empfängnis immer mehr am Herzen liegt“.
Der Moment der Verkündung des Dogmas wurde für den Papst zu einem spirituellen Erlebnis. Der 8. Dezember 1854 war ein grauer und regnerischer Tag. Doch als Pius IX. die Definierungsformel verkündigte, soll ein Sonnenstrahl durch die Wolken gedrungen sein und durch das Fenster über dem Altar der „Madonna della Colonna“ den Papst bestrahlt haben. Diesen vermeintlichen Lichtstrahl sieht man in dem Fresko „Dogmaverkündigung“ von Francesco Podesti (1800–1895) im Saal der Unbefleckten Empfängnis in den Vatikanischen Museen.
Pius IX. berichtete von diesem Erlebnis in einem Brief: „Als ich mit der Verkündigung des dogmatischen Dekrets begann, erschien mir meine Stimme unfähig, sich von der ungeheuren Menge [rund 50 000 Menschen], die sich in die Vatikanbasilika gedrängt hatte, hören zu lassen; doch als ich zur Definierungsformel kam, verlieh Gott der Stimme Seines Vikars eine solche Kraft und einen solchen übernatürlichen Nachdruck, dass sie in der gesamten Basilika widerhallte. Und ich war so beeindruckt von dieser göttlichen Hilfe, dass ich gezwungen war, meine Rede für einen Moment zu unterbrechen, um meinen Tränen freien Lauf zu lassen.“
Die Gründung neuer Priestergemeinschaften, religiöser Kongregationen, Bruderschaften und Gruppierungen, die sich während des Pontifikats Pius’ IX. unter das Patrozinium Mariens und insbesondere der Immaculata stellten, spiegeln das allgemeine Aufblühen der Marienverehrung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wider.
In Lourdes erscheint Maria der jungen Bernadette Soubirous
Weitere Marienerscheinungen begünstigten diese Entwicklung. Insbesondere ragt jene im südfranzösischen Lourdes hervor, wo das Mädchen Bernadette Soubirous (1844–1879) zwischen dem 11. Februar und dem 16. Juli 1858 insgesamt 18 Mal eine Erscheinung gehabt haben soll. Auf die Frage des Mädchens, wer die Dame sei, soll diese in französischem Dialekt geantwortet haben: „Ich bin die Unbefleckte Empfängnis.“ Das Ereignis wurde sofort als himmlische Bestätigung des Dogmas gesehen und zog viele Gläubige und Schaulustige an. Die Kunde von Krankenheilungen erhöhte den Ansturm.
Auch in Deutschland soll 1876/77 die Gottesmutter drei achtjährigen Mädchen bei dem saarländischen Dorf Marpingen erschienen sein und sich als „Unbefleckt Empfangene“ zu erkennen gegeben haben.
Pius IX. hielt sich bei der Beurteilung dieser Erscheinungen zurück und überließ dies dem jeweiligen Ortsbischof. Dafür unterstützte er umso mehr die vielen Neugründungen, insbesondere bestärkte er Ordensgründerinnen, in sozial-karitativen bzw. apostolisch-missionarischen Bereichen tätig zu werden. Er stand diesen neuen Frauengemeinschaften in den Gründungsjahren mit Rat, Tat und finanzieller Hilfe zur Seite. Damit kam es zu einer Feminisierung vieler kirchlicher Bereiche, die zuvor Männern vorbehalten gewesen waren. Die Ordensfrauen wurden auf diese Weise, vielleicht ungewollt, zu Vorkämpferinnen in der Frauenfrage.
Unter dem Pontifikat Pius’ IX. nahm die Marienverehrung eine primäre, doch nicht ausschließliche Funktion in der Rechristianisierung der Kirche und Verteidigung gegen die Säkularisierung ein, da ebenso die Herz-Jesu-Verehrung, erheblich verbreitet durch die Erscheinungen, die die Visitantin Margareta Maria Alacoque (1647–1690) gehabt haben soll, und die Josefsverehrung wichtige Rollen spielten und vom Papst stark gefördert wurden. Pius IX. sprach 1864 Alacoque selig, weihte 1875 auf Wunsch vieler Nationen die Gesamtkirche dem Heiligen Herzen Jesu und erklärte 1875 den Heiligen Josef zum universalen Schutzpatron der Kirche.
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