Wer den Fundus, aus dem hier geschöpft wird, für zu klein hält, möge bedenken: Auf 160 Seiten lässt sich mittelalterliche Buchmalerei nicht umfassend darstellen. Im weltweiten Kontext könnten die knapp 100 Abbildungen nur das Bekannteste wiedergeben. So aber brilliert dieser schöne Quartband mit unbekannten Trouvaillen und gibt sie in getreuen Farben wieder.
Für eine Welt, die auf jede Frage mit Hilfe des Computers ausreichend Antwort zu finden meint, ist dieses Buch eine gescheite Alternative. Denn es klaubt nicht Wissenswertes aus aller Welt zusammen, um sich in der immer unvollständigen Erwähnung von Orten und Perioden, Klöstern, Höfen und Städten, Schreibern und Malern, Auftraggebern und Empfängern zu erschöpfen, sondern bietet eine imaginäre Führung durch einen einzigen großen Schatz. Der Darmstädter Bestand geht weit über die lokale Reichweite einer solchen Sammlung hinaus, enthält er doch neben am Ort entstandenen Werken durch die Zimelien (Kostbarkeiten) der Sammlung Hüpsch außerdem hinreißende Kölner Beispiele und zudem einige ausgesuchte Stücke von weit her, so das beste Autorenbild am Übergang von Mittelalter zur Neuzeit: Petrarca in seinem Studio.
Die Substanz der Bibliothek, nur durch wenige Beispiele von anderswo ergänzt, erlaubt einen tiefen Einblick in die Buchmalerei vornehmlich des hohen Mittelalters. Sie wird von den beiden Verfassern, Margit Krenn und Christoph Winterer, in einer klugen Sprache erläutert, die sich nicht hinter den Manierismen der Handschriftenkunde versteckt. Wer noch kein Werk zur Buchmalerei hat, wird sich von den beiden anregen lassen, mehr darüber zu erfahren. Der Band kann so dazu dienen, bei nicht Eingeweihten für ein anschauliches Mittelalter zu werben.
Rezension: Prof. Dr. Eberhard König





