Das Mittelalter ist nah und fern zugleich. Wir leben mit den zahlreichen Denkmälern dieses vergangenen Jahrtausends, bestaunen Pracht und Gewöhnlichkeit in historischen Ausstellungen, lassen uns vom Entdeckungseifer der Archäologen in Bann ziehen. Es ist kein Zufall, daß eine hohe Zahl deutscher Weltkulturerbe-Stätten mittelalterlichen Ursprungs ist. Doch auch die völlige Andersartigkeit fasziniert die Menschen, der Zauber der Spiritualität, fremde Mentalitäten, Kraft und Grenzen vormoderner Gesellschaftsentwürfe. Das flott und leserfreundlich geschriebene Buch von Jürgen Kaiser geht von einer solchen Nähe und Ferne aus. Es erschließt das Mittelalter in Deutschland auf unterschied‧lichen Ebenen. Neben Kapiteln über Monarchie, Adel, Bürger und Bauern treten lange Passagen über Kirche, Frömmigkeit und Frauenleben. Der Autor bändigt die Fülle in prä-gnantem Zugriff und macht mit vielen schönen Abbildungen Lust auf das Mittelalter. Gut ausgewählte Reisetips runden jedes Kapitel ab und führen die Leser an die Vielfalt mittelalterlicher Monumente heran. Kleinere Versehen können in späteren Auflagen korrigiert werden. So ist die Goldene Bulle zum Beispiel kein goldenes Wachs-, sondern ein Metallsiegel. Nachdenklich macht freilich die unreflektierte Verwendung von Deutschland oder deutsch. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war im ausgehenden Mittelalter nicht identisch mit dem heutigen Deutschland, auch wenn sich die Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert ein nationales Mittelalter zurechtzimmerten. Deutsche Kaiser gab es nur zwischen 1871 und 1918. Die offizielle Benennung als deutsche Kaiser wäre für die mittelalterlichen Herrscher der Römer eine unerträgliche Beschimpfung gewesen. Hein-rich VII. drohte dafür 1312 sogar mit der Reichsacht. Wir müssen die Titel für Herrscher und Reich vorsichtig wählen und in der Unterschiedlichkeit der Wörter die Differenz der Dinge bezeichnen (siehe auch DAMALS 9-2006). Gleichwohl: ein schönes Buch, das Gegenwart wie Vielfalt des Mittelalters geschickt bündelt.
Rezension: Schneidmüller, Bernd





