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Mittelalterliche Meereswelten
Geschichte & Archäologie

Mittelalterliche Meereswelten

Die Ambivalenz des Meeres hat die Menschen seit Urzeiten fasziniert: unheilvoll tödlich, aber auch voller materieller und machtpolitischer Chancen, in jedem Fall ein Spiel mit hohem Einsatz und langfristigen Folgen. Lange konzentrierten sich die Forschung und Populärliteratur auf die Frage, wie es den Menschen gelang, trotz aller Widrigkeiten den Naturraum schrittweise zu erobern und zu nutzen.
Autor
Redaktion wissenschaft.de
09. März 2026
Lesezeit
2 Minuten
Rubrik
Geschichte & Archäologie

Nikolas Jaspert dreht den Spieß um und erzählt mittelalterliche Geschichte nicht zuvörderst aus der Sicht der bekannten Akteure, der Seefahrer, Händler und Herrscher, sondern ihrer Objekte und Handlungsräume, also den Meeren selbst, ihrer Lebewesen und Produkte. Er folgt damit verschiedenen jüngeren Trends, welche Tiere und Pflanzen sowie Materialien und Artefakte zum Ausgangspunkt historischer Erkenntnisse machen und so eine neue Kultur- und Mentalitätsgeschichte inaugurieren möchten.

Wer einen solchen Zugriff auf eine so große Zeitspanne von 500 bis 1500 n. Chr. und den gesamten „euromediterranen“ Raum anwenden möchte, der braucht klare Ordnungs- und Gestaltungsprinzipien. Der Autor widmet sich systematisch zunächst der Frage, welchen Eindruck das Meer und seine Geschöpfe in den Schriften der Zeit hinterlassen haben, welche Menschen mit ihnen beschäftigt waren und welche Meeresprodukte konsumiert wurden.

Damit ist das Spielfeld markiert, auf dem im Folgenden die „marinen“ Akteure selbst, also die wichtigsten Fischarten und Meeressäuger als Jagdobjekte, aber auch als Bedrohung vorgeführt werden, jeweils in ihren sozialen und wirtschaftlich-politischen Kontexten, aber auch auf symbolisch-literarischer Ebene. Der letzte Block wechselt zu den Artefakten und Gegenständen, die Menschen aus den Produkten des Meeres gewannen und zu Kunst-, Handels- und Luxusobjekten (Muscheln, Perlen, Korallen, Bernstein, Salz) verarbeiteten und die in dieser Hinsicht auch die Machtpolitik und Wirtschaft großräumig bestimmten.

Alles in allem ist man beeindruckt von der stupenden Quellen- und Materialkenntnis des Autors, die den islamischen, christlichen und jüdischen Kulturkreis abdeckt sowie souverän mit naturwissenschaftlichen und technischen Hinweisen untermauert wird. Dabei bedient er sich eines kompositorischen Tricks: Konjunkturen und „globale“ Entwicklungen werden beschrieben, doch insgesamt erscheinen die behandelten 1000 Jahre als Block gleichsam eingefroren; so lassen sich zeitlich und räumlich verstreute Fakten vergleichend zusammenfügen, was eine streng chronologische Disposition kaum ermöglicht hätte.

Wer sich darauf einlässt, wird reich belohnt: Das Buch gibt einen neuen Einblick in eine Großepoche; es glänzt durch die gekonnte Kombination von Materialdisposition und zeitgenössischen Geschichten, die um die Materialien kreisten. Und es ist auch in dieser Hinsicht ungemein bildend: Wer weiß schon heute noch, dass die zu Staatsempfängen ausgerollten Roten Teppiche der Wertschätzung entspringen, die einst der aus mediterranen Schnecken gewonnene Purpur genoss?

Rezension: Prof. Dr. Raimund Schulz

Nikolas Jaspert
Fischer, Perle, Walrosszahn
Das Meer im Mittelalter
Propyläen Verlag, Berlin 2025, 592 Seiten, € 29,–

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