Im oberen Echaztal zwischen den Orten Pfullingen und Honau in Baden-Württemberg lagen im Mittelalter mehrere Burgen, Klöster und Kirchen dicht beieinander. Auf benachbarten Felsvorsprüngen oder Anhöhen thronend, markierten sie das Territorium des Adelsgeschlechts Greifenstein. Diese standen zunächst im Dienste der mächtigen Pfalzgrafen von Tübingen, später gehörten sie zum Herrschaftsbereich des Hauses Württemberg.
Spielfiguren unter Mauerschutt
Eine der ehemaligen Burgen der Greifensteiner lag auf dem Burgstein, einem markant vorspringenden Felsen nordwestlich des Ortes Holzelfingen. Er ragt 230 Meter über das Echaztal auf. Dass es auf dem Burgstein einst tatsächlich eine Burg gab, wurde erst bei jüngsten Ausgrabungen im Rahmen eines gemeinsamen Projekts des Deutschen Archäologischen Institut (DAI) und des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart entdeckt. Archäologen stießen dabei auf Reste von Fundamenten und auf Keramikscherben. Letztere deuten auf eine Nutzung der Burg im elften bis zwölften Jahrhundert hin – in der Frühphase der Herrschaft Greifenstein.
Jetzt berichten die Archäologen von einem ganz besonderen Fund: In den stark erodierten Resten des Burgsteins haben sie Teile einer mittelalterlichen Spielesammlung entdeckt. „Sie lagen unter dem Schutt einer Mauer, wo sie im Mittelalter verloren oder versteckt wurden“, berichtet Michael Kienzle von der Universität Tübingen. Die Überdeckung durch den Mauerschutt trug dazu bei, die seltenen, fast tausend Jahre alten Relikte zu konservieren, so dass sogar Farbreste und Oberflächenstrukturen erhalten blieben. Zu den Funden gehören vier blütenförmige Spielsteinen und ein Würfel mit sechs Augen, die aus Geweih geschnitzt sind, sowie eine Pferdefigur, die den Springer eines Schachspiels bildete.
Seltenes Zeugnis des Schachspiels unter Rittern
Archäologische Funde von Schachfiguren und Spielsteinen für andere Brettspiele aus der Zeit vor dem 13. Jahrhundert sind in Mitteleuropa sehr selten, wie die Archäologen erklären. Allerdings ist bekannt, dass Schach und andere Spiele schon damals aus dem Nahen und Mittleren Osten bis nach Europa gelangten. Zumindest in der Elite war das “Spiel der Könige” prestigeträchtig und galt als wichtige Schulung für das strategische Denken. „Das Schachspiel zählte im Mittelalter zu den sieben Fähigkeiten, die ein guter Ritter beherrschen sollte”, erklärt Jonathan Scheschkewitz vom Landesamt für Denkmalpflege. “Insofern verwundert es nicht, dass bekannte Funde meist von Burganlagen stammen.”
Dennoch sind Funde von Schachfiguren extrem rar. „Die Entdeckung einer ganzen Spielesammlung des 11./12. Jahrhunderts kam für uns völlig überraschend”, berichtet Lukas Werther vom Deutschen Archäologischen Institut. “Die Pferdefigur ist ein echtes Highlight.” Diese vier Zentimeter hohe Figur bildete einst den Springer des Schachspiels. Ihre Augen und Mähne sind plastisch ausgeformt. Diese für die damalige Zeit aufwendige Gestaltung ist typisch für besonders hochwertige Schachfiguren dieser Zeit, wie die Archäologen erklären. Erste Analysen ergaben, dass auf dieser Schachfigur sogar noch rote Farbreste sowie Nutzungsspuren erhalten sind. „Unter dem Mikroskop zeigt sich ein typischer Glanz vom Halten und Bewegen der Stücke“, erklärt Flavia Venditti von der Universität Tübingen. Diese Spuren weisen darauf hin, dass der Springer schon damals beim Zug angehoben wurde. Dies verweist auf eine erstaunliche Kontinuität der Spielregeln.





