Zentralasien – Faszination der Seidenstraße, Schmelztiegel der Völker, Ausgangspunkt aller eurasiatischen Völkerwanderungen, Pulverfaß des 21. Jahrhunderts und Refugium des islamischen Fundamentalismus. Wenige Regionen der Welt werden so schnell auf Schlagwörter reduziert wie dieses vielgestaltige und dynamische Zentrum der eurasiatischen Welt, das die heutigen Staaten Usbekistan, Turkmenistan, Kasachstan, Kigisistan und Tadschikistan umfaßt. Was dort über die Jahrtausende in der Begegnung von unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Gruppen, von Sprechern verschiedendster Sprachen und Anhängern aller Weltreligionen geschah, bildet das Material, aus dem sich eine fazinierende, immer wieder überraschende Erzählung bilden läßt. Franz Binder ist dies in seinem Bildband “Mittelasien” in Text und Bild hervorragend gelungen, wobei er einen Bogen vom 3. vorchristlichen bis zum 3. nachchristlichen Jahrtausend spannt. Wir werden mit Menschen bekannt gemacht, die wir zumindest locker den Arabern, Chinesen, Griechen, Hunnen, Mongolen, Persern, Skythen, Tartaren, Tibetern, Türken und vielen anderen Gruppen zuordnen können. Wir begegnen Männern von der Größe oder Grausamkeit eines Alexander, Crassus, Kyros, Dschingis Khan, Timur oder Babur. Wir lernen Städte von wahrlich exotischer Anlage und atemberaubender Schönheit und Reichtum kennen. Dagegen steht das Elend des Krieges und der Armut sowie die Gefahren von Wüste und Gebirge. Vieles was Binder über Steppenvölker und Oasenbewohner schreibt, stammt nicht aus den Quellen dieser Völker selbst. Dies macht es nicht leicht, Mythos und Vorurteile der Chronisten aus angrenzenden “Kulturvölkern”, aus Arabien, Europa, Persien, Indien oder China, gegen die wenigen Quellen der oft schriftlosen, kriegerischen “Barbaren” der tiefen Steppe zu setzen. Binder gelingt dies so gut, daß sein Buch uneingeschränkt zu empfehlen ist.
Rezension: Berkemer, Georg





