Gäbe es nicht jene großen Hinweistafeln, die entlang des Maschendrahtzauns erste Informationen zur Geschichte des dahinterliegenden Areals bieten, man könnte achtlos vorbeilaufen. So unscheinbar wirken die flachen, grau gehaltenen Baracken mit dem Charme einer Garagenreihe auf den ersten Blick. Auch die gutbürgerliche Berliner Wohnbebauung auf der gegenüberliegenden Straßenseite lässt daran zweifeln, dass an diesem Ort einmal Menschen gegen ihren Willen auf engstem Raum zusammengepfercht und für die nationalsozialistische Wirtschaft ausgebeutet wurden.
Nach dem Betreten des Geländes werden Besucher aber schnell eines Besseren belehrt. Drei parallel in verschiedenen Baracken gezeigte Dauerausstellungen zeichnen die Entwicklung des „Systems Zwangsarbeit“ von seinen Anfängen mit der „Machtergreifung“ 1933 bis zur Beendigung der NS-Herrschaft durch den Sieg der Alliierten nach. Auch der Umgang der deutschen Nachkriegsgesellschaft mit dem eher unbequemen Thema wird thematisiert. Die Trägerschaft des Dokumentationszentrums liegt bei der Stiftung „Topographie des Terrors“.
Die Nähe zu den großen und kriegswichtigen Industriebetrieben in Niederschöneweide hatte 1943 den Ausschlag für die Wahl des Standorts gegeben. Der „Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ (GBI), eine Sonderbehörde des „Reichsministers für Bewaffnung und Munition“ Albert Speer, erteilte den Auftrag zur Planung und zum Bau der Anlage. An der Anwesenheit der Zwangsarbeiter nahm die Nachbarschaft wenig Anstoß. Tatsächlich war das „GBI-Lager 75/76“ nur eines von rund 3000, die bei Kriegsende allein im Berliner Stadtgebiet existierten. Zwangsarbeit war im NS-Regime normaler Bestandteil im Leben der deutschen Bevölkerung.
Im Ausstellungsbereich „Alltag Zwangsarbeit 1938 –1945“ geht es um das Konzept der Zwangsarbeit als ideologischer und wirtschaftlicher Faktor der braunen Ideologie. Schon der junge NS-Staat setzte Zwangsarbeit als Mittel zur Ausgrenzung ein. Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, „Asoziale“ und andere Randgruppen wurden seit 1933 in „Pflichtarbeitsprogammen“ eingesetzt. Was dies für die Betroffenen bedeutete, wird an biographischen Stationen verdeutlicht. August Frolian, Jahrgang 1915, gehörte der Gruppe der Sinti und Roma an. Seit 1941 leistete er bei zwei Berliner Firmen Zwangsarbeit. 1942 wurde er ins KZ Auschwitz deportiert. Dem schlossen sich weitere Stationen in zwei Außenlagern des KZ Mittelbau-Dora an. Frolian überlebte zwar die Schrecken der NS-Zeit, doch gelang es ihm zeitlebens nicht, Ansprüche auf Entschädigung für sein erlittenes Unrecht geltend zu machen. Er starb, noch nicht 40-jährig, 1954.
Mit Kriegsausbruch wurden immer mehr Menschen in die Zwangsarbeit gepresst, um einerseits die zum Kriegsdienst eingezogenen deutschen Männer in Landwirtschaft, Gewerbe und Industrie zu ersetzen und andererseits die Produktion kriegswichtiger Güter und Waffen massiv ausweiten zu können.





