Daß das Gemälde „Die Geißelung“ des italienischen Malers Piero della Francesca ein Meisterwerk der Frührenaissance ist, darüber besteht kein Zweifel. Doch vieles andere an diesem Bild gibt schon seit Jahrhunderten Rätsel auf. Wann genau wurde es gemalt? Wer war der Auftraggeber? Und vor allem: Wer sind die drei Personen, die im Bildvordergrund dargestellt sind und für die die Geißelung Christi nur den Hintergrund abgibt? Der Historiker Bernd Roeck hat sich mit kriminalistischem Gespür auf die Suche begeben, hat Motivtraditionen und literarische Vorlagen, biblische Gleichnisse und Theorien zur Architektur, vor allem aber hi-storische Hintergründe, Machtkonstellationen und Beziehungen ausgeleuchtet. Schauplatz sind die italienischen Marken, sind Rimini und Urbino, wo sich im 15. Jahrhundert ein erbitterter Machtkampf zwischen dem Clan der Malate-sta-Colonna und dem so ehrgeizigen wie skrupellosen Federico de Montefeltro abspielte. Auch vor Gewalttaten schreckte man nicht zurück: Ermordet wurde der erste Herzog von Urbino, Oddantonio di Montefeltro; in der Nacht vom 22. auf den 23. Juli 1444 streckten ihn zwei Dolchstöße nieder. Um nachzuweisen, daß das rätselhafte Bild in engem Zusammenhang mit dieser ungesühnten Bluttat steht, hat Roeck viele Puzzlestücke zusammengetragen. Er zeigt, daß das Gemälde nicht nur das Opfer beklagt, sondern auch den Täter dingfest macht und so einen stummen Protest gegen die Geschichte formuliert. Und auch, wenn am Ende noch manche Frage ungeklärt bleibt und mancher Exkurs etwas umständlich wirkt, so hat der Leser doch einiges gelernt: über das Gemälde, das heute im Herzogspalast von Urbino hängt, über die meisterliche Kunst des Piero della Francesca und über die manchmal gnadenlosen Handlungslogiken, in die mächtige Familien und ehrgeizige Emporkömmlinge sich einst im Kampf um Ruhm und Einfluß verstrickten.
Rezension: Talkenberger, Heike





