Die Antike von einem imaginären Sockel zu heben, ist eine beliebte Übung. Was an ihr einst bedeutsam, ja vorbildhaft erschien, sei bloß Konstrukt. Die Schlacht von Marathon, so eine Klarstellung, war als Scharmützel am Strand von Attika weniger bedeutend denn als Anlaß zur Stiftung eines europäischen Ursprungsmythos. Eine in diesem Jahr gezeigte Ausstellung präsentierte Kunstwerke der griechischen Klassik höchster Qualität auf Holzkisten. Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte Idee eines Dritten Hu-manismus findet sich in unmittelbare Nähe zu faschistischem Gedankengut gestellt. “Müll und Marmorsäulen” von Günther E. Thüry entmythologisiert ebenfalls. Das gründlich recherchierte und reich illustrierte Buch könnte auch “Der Müll, die Stadt und der Tod” als Titel tragen; sein Ziel ist, die Legende vom sauberen Römer zu widerlegen. In der Tat gab es in Rom keine Müllabfuhr im modernen Sinn, und trotz der offensichtlichen Geruchsbelästigungen und der im Grunde bekannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen fand man nichts dabei, Unrat ein-fach in den Lehmboden des Hauses zu treten, neben dem Haus abzulagern, in einen Fluß zu werfen oder in unmittelbarer Nähe einer Stadt oder eines Militärlagers zu deponieren. Brun-nenschächte verfüllte man mit Knochen und anderen organischen Abfällen, während aus einem anderen Schacht unmittelbar daneben Trinkwasser geschöpft wurde. Daß Ratten, Flie-gen und Parasiten ständige Mitbewohner waren, überrascht daher nicht. Thüry kennt und nennt die Habenseite natürlich auch, die Prachtlatrinen, die leistungs-fähigen Wasserleitungen, die kommunalen Vorschriften zur Reinhaltung der Straßen. Und so ebnet er seine spannenden Befunde am Ende mit einem sicheren “sowohl – als auch” ein: Die törichte Geringschätzung des Altertums, so wird Humboldt zitiert, sei um nichts besser als seine übertriebene Bewunderung. Und in der Nacht der Vormoderne sind ohnehin alle Katzen grau, eigneten doch die für Rom nachgewiesenen hygienischen Defizite auch den mittelalter-lichen und neuzeitlichen Städten bis ins 20. Jahrhundert hinein. Das moralische Fazit schließ-lich ist gewiß konsensfähig, daß wir nämlich “trotz der Verbesserungen, die mit der hygienischen Revolution der Moderne verbunden waren, in Fragen der Umweltverschmutzung nach wie vor im Glashaus sitzen”, besser informiert als antike Menschen und dennoch falsch handelnd. Lewis Mumford hat in seiner berühmten “Geschichte der Stadt” mit einer eigentümli-chen Mischung aus Kulturkritik und Modernitätsgewißheit das untergegangene Rom als eine Kloake im hygienischen wie moralischen Sinn gezeichnet. Das Dekadenzdenken seit der An-tike hat die orientalische Üppigkeit gebrandmarkt. Sorgten süße Düfte und kräftige Speze-reien aber nicht dafür, den Alltagsgestank zu überlagern? Thürys instruktives Buch erzeugt den Wunsch nach einem Essay: eine Geruchsgeschichte Roms als eines Metaphernpanopti-kums zu Grundbegriffen politischer Kultur wie Sauberkeit, Verschleierung, Aufklärung, Sumpf, “Geld stinkt nicht”. Ausgehen könnte dieser von der paradoxen Bemerkung eines rö-mischen Satirikers: “Wisse, daß man erst dann wieder reine Luft atmen kann, wenn man in Rom auf dem Forum vor den Fleischerbänken die Jungen Ball spielen sieht und keine Wahl-, Volks- oder Gerichtsversammlungen stattfinden.”





