Harry D. Schurdel hat sich in seinem „Lesebuch“ mit dieser Frage beschäftigt. Dafür hat er die Nationalhymnen von 65 souveränen Staaten untersucht. In seiner Einleitung gibt der Autor eine aufschlußreiche Definition des Begriffs „Nationalhymne“. Dazu taucht er tief in die Geschichte ein und erzählt, wie beeindruckt Odysseus war, als er den „hymnos“ hörte, den Demodokos auf den Trojanischen Krieg sang.
In einem kurzen Abschnitt geht Schurdel auch auf die Funktion der „klingenden Staatsymbole“ ein. Er beschreibt Hymnen als „musikalisches Zeichen der Zusammengehörigkeit bestimmter Volks- und Personengruppen“. Durch diese Hymnen könne das Volk Hoffnung und Angst, Stolz und Zuneigung zum Ausdruck bringen. Im Falle Estlands beispielsweise wirkte das gemeinsame Singen von Liedern in der eigenen Sprache sogar identitätsstiftend. In den Jahren der russischen Herrschaft verbreitete sich immer mehr das Gefühl, daß die estische Sprache und Kultur verdrängt werden sollte. Aus diesem Grund wurden „Sängerfeste“ organisiert. Diese Feste nahmen von Jahr zu Jahr an Bedeutung zu, da die Esten hier Gelegenheit fanden, die eigene Sprache zu pflegen. Nachdem das baltische Land 1918 seine Unabhängigkeit erlangte, betonten die Esten, daß sie sich „ihre Freiheit ersungen hätten“.
Im Hauptteil geht Schurdel auf die 65 Länder im Einzelnen ein. Nach einem kurzen geschichtlichen Abriß befaßt er sich mit der Entstehungszeit des nationalen Liedguts. Der Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Text und der Melodie. Durch diese beiden Aspekte, geschichtliche Einordnung und Inhalt, bekommt der Leser einen Eindruck, welche Bedeutung die Hymne für die jeweilige Nation hat.
Neben einigen biographischen Daten zu dem Leben der Verfasser beziehungsweise der Komponisten, sind Angaben zum Aufbau und der Entwicklung der Textstruktur gegeben. Abschließend sind die Melodie mit Noten und der Text in Originalsprache und deutscher Übersetzung abgedruckt.
Da es nur wenige Publikationen gibt, die sich mit den „klingenden Staatssymbolen“ aus landeskundlicher, entstehungsgeschichtlicher und musikliterarischer Sicht beschäftigen, ist dieses „Lesebuch“ eine wirkliche Bereicherung für den Buchmarkt.
Rezension: Muth, Ilka





