Wollte jemand Ende des 19. Jahrhunderts etwas kühlen, so griff er zu norwegischem oder deutschem Natureis. Zwar gab es bereits erste Kältemaschinen, doch gerade in den privaten Haushalten war Natureis weiterhin Standard. Ein Forschungsprojekt des Norwegischen Schifffahrtsmuseums in Kooperation mit norwegischen, britischen und deutsch-amerikanischen Partnern befasst sich mit der Geschichte der norwegisch-deutschen Konkurrenz im Eishandel – und mit der Frage, warum Kunsteis Natureis vor der Erfindung des Kühlschranks verdrängen konnte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte der Bostoner Frederic Tudor einen Natureishandel von Neuengland aus in die Karibik und bis nach Indien aufgebaut. In Europa begann Vergleichbares erst in der Mitte des Jahrhunderts, doch dann entwickelte sich Norwegen innerhalb kurzer Zeit zum wichtigsten Eislieferanten für den Kontinent.
Ein neuer industrieller Kühlungsbedarf entsteht
Zwar wurde im Winter auf ge-frorenen Seen geerntetes Eis in Deutschland schon lange genutzt, doch brachte erst die Entwicklung der Großstädte, die Einführung von untergärigen Brauverfahren und die Entstehung der Fischindustrie einen bis dahin ungekannten Kühlbedarf mit sich, der zunächst nur mit Natureis gedeckt werden konnte und für den die deutsche Eisproduktion gerade in warmen Wintern nicht ausreichte. In der Re-gion um den Oslofjord hingegen gab es kalte Winter, zahllose für die Eisproduktion geeignete Gewässer, und die norwegische Flotte verfügte über genügend Schiffsraum für den Eisexport.
In Deutschland sahen sich die norwegischen Eisexporteure jedoch zwei wesentlichen konkurrenzbestimmenden Faktoren gegenüber: dem deutschen Natureis und der beginnenden Produktion von Kunsteis mittels Kältemaschinen. Die Produzenten von Kunsteis hatten die schlechteren Startbedingungen. Die Anlagen erforderten erheblichen Kapitaleinsatz, und sie benötigten Energie für den Betrieb. Die Natureisproduktion konnte die Wintertemperaturen nutzen und hatte als Kosten nur Arbeitslöhne und Transport. Die Lohnkosten waren gering, da viele Tagelöhner in der Landwirtschaft im Winter keine Beschäftigung fanden. Da viele Schiffe aufgrund einseitiger Handelsströme sonst in Ballast hätten segeln müssen, waren zudem die Frachtraten niedrig.
Geklärt werden muss daher, warum Natureis zu einer Zeit aus dem Markt gedrängt wurde, als seine einzige Konkurrenz teures Kunsteis und noch nicht der Kühlschrank war. Vor allem ein Faktor war ausschlaggebend: die vermeintliche Belastung mit Krankheitskeimen. Es traf zu, dass deutsches Natureis oft von zweifelhafter Qualität war, da es auf verschmutzten Gewässern geerntet wurde. Dies galt jedoch nicht für norwegisches Eis, das fernab von menschlichen Aktivitäten gewonnen wurde.





