Nicht zu unterschätzen ist auch der Einfluss von Peter Ustinov, der 1951 in dem US-Historienfilm „Quo Vadis“ Nero so hinreißend spielte, dass man in der allgemeinen Wahrnehmung seine Gesangseinlage beim Brand von Rom einfach für historisch authentisch halten muss.
In Wirklichkeit hat Nero Rom nicht angezündet, und auch die Christen trugen keine Schuld. In Rom brannte es immer wieder, und dass es im Juli 64 zu eine Katastrophe kommen konnte, lag an sehr ungünstigen Windverhältnissen, die es dem Feuer, das am Circus Maximus ausgebrochen war, erlaubte, sich in rasender Geschwindigkeit auszubreiten.
So beschreibt es auch der renommierte Althistoriker Anthony A. Barrett, emeritierter Professor an der University of British Columbia, in seinem neuesten Buch in aller Deutlichkeit. Er liefert darin eine akribische Darstellung der schriftlichen und vor allem der archäologischen Quellen.
Über die eher pauschalen Angaben der antiken Autoren hin-aus entsteht auf diese Weise ein präzises und umfassendes Bild vom Ablauf und den Auswirkungen des berühmtesten Brandes der Antike. Dabei vermittelt der kompetente Forscher sowohl im Detail als auch auf das Ganze bezogen eine Reihe neuer Einsichten und Erkenntnisse über jene dramatischen Tage im Sommer des Jahres 64.
Für Nero, so glaubt Barrett, bedeutete der Brand von Rom den entscheidenden Wendepunkt in seiner Karriere. Zuvor „der ausgesprochene Liebling Roms“, verscherzte er sich alle Sympathien, weil die Menschen der Ansicht waren, er trage – in welcher Form auch immer – die Verantwortung für die Katastrophe. Mehr noch: Der „irreparable“ Bruch zwischen dem Kaiser und den durch den Brand finanziell gebeutelten Eliten habe zur „Auslöschung“ der von Augustus begründeten Herrscherdynastie geführt. Seitdem habe bei den folgenden Kaisern als Nachweis der Qualifikation die genealogische Verbindung zu Augustus nicht mehr ausgereicht.
Diese Schlussfolgerungen sind überzogen. Nero regierte nach dem Brand noch vier Jahre, und die Nachfolge-Dynastie der Flavier berief sich zu ihrer Legitimation ausdrücklich auf die Familie des Augustus. Man kann auch darüber im Zweifel sein, ob Nero vor dem Jahr 64 tatsächlich allgemein so populär gewesen ist, wie der Autor behauptet. Die Oberschichten dürften mit dem Künstler-Kaiser von Anfang an ihre Probleme gehabt haben.
Dennoch: Das lesenswerte Buch bietet die aktuell beste Darstellung und Analyse des Brandes von Rom und Neros angebliche Verstrickung. Es ist kurzweilig geschrieben und präsentiert archäologische Forschungen der letzten Jahrzehnte ebenso wissenschaftlich fundiert wie allgemein verständlich.





