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Networking in den Niederlanden
Vermutlich, um bei der Krönung Karls V. in Aachen anwesend zu sein, machte sich Dürer am 9. Juli 1520 auf die Reise. Er besuchte bis Ende August 1521 über 130 Orte in den heutigen Staaten Deutschland, Belgien und Niederlande.
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Auf seiner Reise traf Albrecht Dürer zahlreiche Menschen, besichtigte Bauten und Kunstschätze, experimentierte mit neuen Materialien, trieb Handel, schrieb erfolgreich Bittgesuche, ließ sich von Künstlerkollegen feiern und wäre bei einem Sturm fast ums Leben gekommen. Neben einem ausführlichen Bericht, dem sogenannten Tagebuch der Niederländischen Reise, zeugen über 80 erhaltene Zeichnungen und einige Gemälde von den Begegnungen während der Reise. Das Originalmanuskript des „Tagebuchs“ ging vermutlich schon im 17. Jahrhundert verloren.
Dürers „Tagebuch“ der Reise ist ein einzigartiges Dokument
Erhalten haben sich zwei frühe Abschriften, heute in der Staatsbibliothek Bamberg und dem Nürnberger Staatsarchiv, die trotz mancher Unterschiede einen recht genauen Eindruck vom ursprünglichen Text geben. Das „Tagebuch“ ist nicht nur die umfangreichste autobiographische Quelle zu Dürer, sondern auch ein einzigartiges Dokument der frühen Reiseliteratur. So detailliert Dürer den Reiseverlauf, seine Erlebnisse und Begegnungen im „Tagebuch“ beschrieb – was er nicht erwähnte, ist der eigentliche Grund für die Fahrt. Allerdings vermerkte er gleich zu Beginn, dass die Reise auf eigene Rechnung erfolgte („vff mein verkosten und außgeben“) und damit wohl auch auf seiner eigenen Initiative beruhte.
Der Künstler hatte demnach keinen Mäzen, der die Unkosten übernommen hätte, wie dies im Fall von Stipendien- oder Auftragsreisen, etwa bei Hofkünstlern, geschah. Das Thema der Kosten zieht sich durch das gesamte „Tagebuch“, das an vielen Stellen einem Rechnungsbuch ähnelt, allerdings durchsetzt von kürzeren und längeren Beschreibungen des Gesehenen und Erlebten.
Unmittelbarer Anlass zur Reise war wahrscheinlich die für Oktober 1520 angekündigte Krönung Karls V. zum römisch-deutschen König in Aachen. Dürer verband hiermit persönliche Interessen: Von Karls Vorgänger, dem 1519 verstorbenen Kaiser Maximilian I., hatte der Künstler eine jährliche Leibrente erhalten, welche von den Nürnberger Stadtvätern aus der Stadtsteuer ausgezahlt wurde.
Die von Maximilian I. gewährte Summe war zwar nicht lebensnotwendig für den Künstler, bedeutete aber ein regelmäßiges Grundeinkommen, an dessen Fortzahlung Dürer gelegen war. Die Stadtväter verlangten jedoch eine Bestätigung Karls V. über die Fortzahlung der Rente. Mit einem einfachen Antrag an den Kaiser war es nicht getan. Vielmehr erforderte das Vorbringen des Ansuchens die Vermittlung durch einflussreiche Fürsprecher am Hof Karls V., der zu dieser Zeit in Brüssel residierte.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum Dürer lange vor dem Krönungstermin in die Niederlande reiste und die erste Zeit vor allem mit Besuchen bei wichtigen Personen und, modern gesprochen, Networking verbrachte. Gleichzeitig verband er das Nützliche mit dem Angenehmen, frischte schon auf der Hinreise Kontakte zu Künstlerkollegen und Kunden auf, hoffte aber auch auf neue Auftraggeber und Absatzmöglichkeiten für seine Werke. Nicht zuletzt aus diesen Gründen hatte er wohl die Wirtschafts- und Kunstmetropole Antwerpen als Aufenthaltsort in den Niederlanden gewählt.
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Dürer reiste in Begleitung seiner Frau Agnes und der Magd Susanna. Außerdem führte er umfangreiches Gepäck mit sich – neben Kleidung und persönlichen Gegenständen vor allem Konvolute seiner Druckgraphiken, illustrierte Bücher und kleinere Gemälde, die er während der Reise verkaufen oder verschenken wollte.
Die dreiwöchige Hinreise führte mit Zwischenstationen zunächst per Fuhrwagen von Nürnberg nach Bamberg, dann per Schiff auf dem Main und dem Rhein bis Köln, wo er einige Tage bei seinem Vetter, dem Goldschmied Niclas Unger, verbrachte. Ende Juli ging es weiter per Fuhrwagen durch das südliche Limburg und Brabant. Am Nachmittag des 2. August 1520 traf die kleine Reisegesellschaft in Antwerpen ein und bezog zwei Zimmer im zentral gelegenen Haus des Kaufmanns Jobst Planckfeldt.
Zu den Höhepunkten der ersten Tage gehörte der Empfang bei der Antwerpener Malergilde. Hier offenbarte sich Dürers internationaler Ruhm, der ihm in die Niederlande vorausgeeilt war. Der Nürnberger zeigte sich höchst geschmeichelt von den Ehrerweisungen der Malerkollegen: „Und am Sonntag, was auf Sanct Oswaldt-Tag, da luden mich die Maler auf ihr Stuben mit meinem Weib und Magd und hätten alle Ding mit Silbergescherr und andern köstlichen Gezier und überköstlich Essen. Es waren auch ihre Weiber alle do. Und do ich zu Tisch geführet ward, do stund das Volk auf beeden Seuten, als führet man einen großen Herren.“
Während Dürer im Fall des festlichen Banketts bei der Malergilde zunächst der Empfangende war und sich erst nach und nach durch Gegeneinladungen oder die Anfertigung von Entwürfen revanchierte, war er in anderen Fällen der Gebende. So versuchte Dürer immer wieder, die Gunst der niederländischen Statthalterin Margarete von Österreich, der Tochter Kaiser Maximilians I. und Tante Karls V., zu erlangen, die als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in den Niederlanden und zugleich als große Kunstfreundin galt.
Dürer verschenkte Kupferstiche: „dass er sich meiner dabei erinnere“
Hierzu übermittelte er nicht nur Kunstgeschenke an Margarete, sondern auch an Personen aus ihrem Umfeld sowie dem Umkreis Karls V., die er sich zudem durch Empfehlungsschreiben und Gefälligkeiten gewogen zu machen versuchte. So überreichte er Markgraf Johann von Brandenburg, dem Kämmerer Karls V., bei einem Aufenthalt in Brüssel Ende August 1520 neben einem Empfehlungsbrief auch eine „Kupferstichpassion“, „dass er sich meiner dabei erinnere“, wie es im „Tagebuch“ heißt.
Dürers „Diplomatie in eigener Sache“, wie der Kunsthistoriker Gerd Unverfehrt seine Strategie nannte, hatte Erfolg. Während seines Aufenthalts in Brüssel Anfang September 1520 erreichte ihn die Nachricht, dass Margarete ihn unterstützen wolle. Dürer bedankte sich umgehend bei der Fürstin, indem er ihr eine „Kupferstichpassion“ übersandte. Auch ihr Schatzmeister Jan de Marnix erhielt eine „Kupferstichpassion“, zudem zeichnete Dürer sein (verschollenes) Porträt mit der Kohle.
Anfang Oktober 1520 reiste Dürer dann mit einigen Nürnberger Ratsherren von Brüssel zur Krönung Karls V. nach Aachen. Die verbleibenden zwei Wochen bis zu den Feierlichkeiten am 23. Oktober nutzte der Maler für Besichtigungen der Krönungsstätten, für Porträts von Mitgliedern der verschiedenen Delegationen und weitere Netzwerkpflege – selbst während eigentlicher Freizeitvergnügungen wie dem Baden und dem Spiel.
Für die Reise- und Aufenthaltskosten rund um die Krönung kamen die Nürnberger Stadtväter auf, nur Besichtigungen, Vergnügungen und kleinere Einkäufe musste der Künstler selbst bezahlen. Mehrfach berichtete er, dass er Geldsummen „vertrunken“ oder „verbadet“ habe. Um ins Rathaus zu gelangen, gab er dem Ratsdiener zwei Weißpfennig Trinkgeld. Von einem Fenster im oberen Stock aus zeichnete er den Aachener Dom „mit weiterm Umschweif“ in sein Skizzenbuch.
Über den eigentlichen Krönungstag berichtete Dürer seltsamerweise nichts – vielleicht, weil er als einfacher Teilnehmer keinen Zugang zu den Zeremonien hatte oder an diesem Tag schlicht keine Kosten zu verzeichnen waren. Von Aachen reiste Dürer zunächst weiter bis Köln, wo ihn am 12. November 1520 die Nachricht erreichte, dass Karl V. die Fortzahlung seiner Rente bewilligt hatte. Zwei Tage später trat der Künstler die Rückfahrt nach Antwerpen an.
Mit der Bewilligung der Leibrente war ein wichtiges Ziel von Dürers Reise erfüllt. Er blieb jedoch weitere acht Monate in Antwerpen. Die erfolgreiche „Supplikation“ kann also nicht der alleinige Zweck der Reise gewesen sein. Zudem wäre hierfür nicht die Begleitung durch Agnes und die Magd Susanna notwendig gewesen – Dürer hatte quasi seinen gesamten Haushalt nach Antwerpen verlegt.
Dennoch trat Agnes in Antwerpen kaum in Erscheinung. So nahm Dürer die zahlreichen Essenseinladungen fast immer ohne Agnes wahr, die nur auf explizite Einladung der Gastgeber zugegen war. Selbst im Haus seines Wirts Jobst Planckfeldt mussten Agnes und Susanna „oben“ in ihren Wohnräumen speisen, während Dürer gemeinsam mit Planckfeldt aß. Relativ sicher ist jedoch, dass Agnes neben der Haushaltsführung ihren Ehemann wohl auch beim Verkauf seiner Werke auf dem Antwerpener Kunstmarkt unterstützte.
Dürer ist fasziniert von den in Mexiko geraubten Kunstschätzen
Auch die mehrtägigen Reisen innerhalb der Niederlande unternahm Dürer meist ohne seine Frau. Sie führten ihn neben Brüssel und Mecheln auch nach Gent, Brügge sowie Zeeland. Hier wird der ansonsten meist sachliche „Tagebuch“-Bericht zum persönlichen Reisejournal, in dem Dürer bisweilen um Worte ringt, um seine Eindrücke sprachlich zu fassen. So staunte er über die in Brüssel ausgestellten Schätze aus Mexiko: „Und ich hab aber all mein Lebtag nichts gesehen, das mein Herz also erfreuet hat als diese Ding. Dann ich hab darin gesehen wunderliche künstliche Ding und hab mich verwundert der subtilen Ingenia der Menschen in fremden Landen.“
In der flandrischen Metropole Brügge, die Dürer auf Einladung des Brügger Malers Jan Provost besuchte, bewunderte er Michelangelos Marmor-Madonna in der dortigen Liebfrauenkirche. In Gent besichtigte er mit Jan van Eycks „Genter Altar“ (um 1432) das Hauptwerk der Altniederländischen Malerei, das er als „überköstlich, hochverständig Gemäl“ pries.
Der Zeeland-Ausflug Anfang Dezember 1520 wurde Dürer fast zum Verhängnis: Ziel war ein riesiger gestrandeter Wal. Doch bei einem Anlegemanöver vor Arnemuiden drohte sein Schiff in der stürmischen See zu kentern. Nur Dürers Geistesgegenwart rettete Passagiere und Besatzung. Aber auch im weiteren Verlauf der Reise war Dürer kein Erfolg beschieden: Als seine Reisegruppe endlich am Ort des Wals eintraf, war dieser schon wieder fortgespült worden.
Der Aufenthalt in den Niederlanden zählt zu den Höhepunkten in Dürers Künstlerleben. Fast jeden Tag war der Nürnberger in einem anderen Haus zu Gast. Besonders oft traf er die internationalen Handelsvertreter der Portugiesen und Genueser, die in prachtvollen Stadtpalästen residierten. Nach dem Essen porträtierte er seine Gastgeber häufig noch zum Dank. Über 100 Porträtzeichnungen sind im „Tagebuch“ erwähnt, von denen sich knapp 30 erhalten haben.
Neben Kaufleuten zählten Künstler zu Dürers häufigsten Kontakten in den Niederlanden. Eine besonders enge Freundschaft verband ihn mit dem Antwerpener Landschaftsmaler Joachim Patinir. Dieser unterstützte Dürer, indem er ihm sein Atelier und seinen Gehilfen zur Verfügung stellte. Im April 1521 war Dürer sogar zu Gast bei seiner Hochzeit. Dürer revanchierte sich unter anderem mit Figurenentwürfen.
Der Nürnberger erwarb auch selbst Werke von Künstlern aus den Niederlanden, darunter auch einer Künstlerin, der 18-jährigen Tochter des Buchmalers Gerard Horenbout. Susanna war ebenfalls Buchmalerin, deren Talent Dürer voll Erstaunen pries: „Ist ein groß Wunder, daß ein Weibsbild also viel machen soll.“ Zum Beweis kaufte er eine ihrer Miniaturen für den Betrag von einem Gulden.
Anfang Juli 1521 trat Dürer die Rückreise nach Nürnberg an. Im „Tagebuch“ klagte er über die finanziellen Einbußen, die er durch die Reise erlitten habe. So scheinen sich seine Investitionen – neben den Ausgaben für Transport, Kost und Logis auch die zahlreichen Geschenke – aus seiner Sicht nicht ausgezahlt zu haben. Die negative Bilanz überrascht, nachdem sich Dürer bis dahin überwiegend positiv über seinen Aufenthalt geäußert hatte.
Bis kurz vor Dürers Tod entstehen weitere Meisterwerke
Mag die Reise für Dürer in finanzieller Hinsicht ein Zuschussgeschäft gewesen sein, in Hinblick auf die künstlerischen Erträge, die Vermehrung seines Ruhms und das Knüpfen von Kontakten war sie in jedem Fall ein Gewinn. Mit prall gefüllten Kisten voller Spezereien, niederländischer Kunstwerke, wertvoller Textilien und exotischer Gegenstände kehrte Dürer im August 1521 in seine Heimatstadt zurück.
Die Jahre zwischen 1521 und seinem Tod 1528 verbrachte Dürer in Nürnberg, beschäftigt mit der Anfertigung von Druckgraphiken, Porträtaufträgen und der Fertigstellung seiner theoretischen Schriften (siehe Artikel Seite 36). Gleich nach seiner Rückkehr 1521 schuf er im Auftrag der Stadt sein größtes Werk, die Ausmalung des Großen Ratssaals mit dem monumentalen Triumphzug Maximilians I. und weiteren Szenen.
Bereits im Geist der Reformation, zu der sich Nürnberg seit 1525 offiziell bekannte, steht Dürers gemaltes Vermächtnis: Die beiden Tafeln der „Vier Apostel“ (München, Alte Pinakothek), die er 1526 seiner Heimatstadt zu seiner „gedechtnus“ schenkte. Dargestellt sind die Apostel Petrus und Paulus sowie die Evangelisten Johannes und Markus. Die in reinen Farben schattierten Gewänder entfalten vor dem dunklen Hintergrund eine fast skulpturale Wirkung. Die Köpfe sind so lebensnah wiedergegeben, dass bisweilen vermutet wurde, dass es sich um Porträts handelt. Die Gemälde gehörten zum kostbarsten Besitz der Reichsstadt und wurden bis zu ihrer erzwungenen Schenkung an den bayerischen Herzog Maximilian I. 1627 im Nürnberger Rathaus aufbewahrt.
Rund eineinhalb Jahre nach der Fertigstellung der „Apostelbilder“ starb Dürer am 6. April 1528 im Alter von 56 Jahren in Nürnberg, vermutlich an einer Lungenentzündung. Seiner Frau Agnes vermachte er neben dem Dürer-Haus in bester Lage ein Vermögen von über 6000 Gulden nebst den Beständen seiner Werkstatt. Dürers Erbe wurde nach und nach zerstreut. Sein Wunsch, auf künstlerischem Gebiet ein „fewer“ zu entfachen, „das durch dy gantzen welt lewcht“, ist rückblickend zwar nicht ganz in Erfüllung gegangen. Doch legte er mit seinem Werk und Wirken den Grundstein für seinen Ruhm, der über die Jahrhunderte gemehrt wurde und Dürer zum bis heute berühmtesten deutschen Künstler machte.
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