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Neue Dimension des Herrschens
Als der Frankenkönig Karl die Krone des römischen Kaisertums annahm, importierte er eine für die Zeitgenossen ferne Tradition, die mit neuem Leben zu erfüllen war. Es dauerte lange, bis sich typische Linien des westlichen Kaisertums herausbildeten, vor allem die enge Bindung an die Stadt Rom und das Papsttum.
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Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte Papst Leo III. (795 – 816) den Frankenkönig Karl in der Peterskirche in Rom zum Kaiser. Das Ereignis machte Epoche. Romulus Augustulus – der letzte westliche Imperator vor Karl – war schon 476 seines Amtes enthoben worden. Nach mehr als 300 Jahren also regierte nun zum ersten Mal wieder ein Kaiser nicht nur in Konstantinopel am Bosporus, sondern auch im Westen Europas.
Aus der Rückschau begründete Karls Krönung in Rom eine staunenswerte Tradition: Seit jenem Weihnachtstag des Jahres 800 gab es in Lateineuropa einen Kaiser – mit kleinen Unterbrechungen zwar, im Ganzen aber bis ins 20. Jahrhundert hinein. Und erst Napoleon, der sich selbst am 2. Dezember 1804 zum Kaiser erhob, sollte der festen Bindung des Kaisertums an das Königtum im Heiligen Römischen Reich ein Ende bereiten.
Angesichts solch gewaltiger historischer Dauer ist es nicht leicht, sich klarzumachen, wie offen die Anfänge des neuen Kaisertums waren. Für die Zeitgenossen Karls des Großen und seiner Söhne aber war das Kaisertum alles andere als eine Selbstverständlichkeit! Karl, sein Hof, die Eliten seines Reiches kannten das Imperium aus dem Osten und aus der Geschichte. Einen Kaiser gab es in ihrer Gegenwart in Konstantinopel; mit ihm pflegten die Frankenkönige Gesandtschaften und Briefe zu wechseln. Sonst aber kannten sie das Kaisertum nur aus den Chroniken der Spätantike, etwa derjenigen des Bischofs Eusebius von Caesarea, oder aus seltener überlieferten Werken wie den Kaiser-Biographien Suetons oder der „Historia Augusta“.
Im Titel verschmelzen spätantike Tradition und fränkische Gegenwart
Beide Modelle, das östliche und das historische, ließen sich allerdings nicht ohne weiteres auf die eigene Gesellschaft übertragen: Für die Menschen im Karolingerreich des 9. Jahrhunderts war das römische Kaisertum keine ungebrochene Tradition, sondern ein Neuimport aus dem Osten oder ein fernes Element der Geschichte, das man wiederbelebt hatte. Es dürfte für die Franken damals so fremd gewesen sein, wie es die Wiedereinführung einer Monarchie in der Bundesrepublik Deutschland heute wäre. Das neue Kaisertum nach altem Vorbild musste erst mit Leben und Bedeutung gefüllt und an die Herausforderungen der Gegenwart angepasst werden.
Wie schwierig das war, zeigt uns schon das Ringen um den Kaisertitel. Karl und sein Umfeld haben ihn erst mehrere Monate nach der Krönung vollständig entwickelt: Noch in einer Urkunde vom 4. März 801 nannte sich Karl lediglich „König der Franken und Langobarden und Patricius der Römer“. Erst in einem Diplom vom 10. Mai desselben Jahres titulierte sich Karl dann als „erhabenster Augustus, von Gott gekrönter, großer und Frieden stiftender Kaiser, der das römische Reich regiert, der auch durch die Barmherzigkeit Gottes König der Franken und der Langobarden ist“.
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So umständlich die Titulatur daherkommt, so sorgfältig war sie konzipiert. Sie verschränkte in beachtlicher Weise spätantike Tradition mit fränkischer Gegenwart: Ein Teil des Titels erinnert an Elemente, die der römische Kaiser Justinian (527–565) gewählt hatte. Die Franken könnten sie aus alten Dokumenten aus Ravenna übernommen haben.
Niemals aber hätte ein römischer Imperator sich zugleich als König bezeichnet. Jedes römische Kind wusste: Ihren letzten König, Lucius Tarquinius Superbus, hatten die Vorväter mit guten Gründen schon Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. vertrieben. Für die römischen Eliten der Spätantike war das Königtum eine typische Institution barbarischer Völker gewesen. Karl aber legte auch als Kaiser Wert darauf, dass er als König über die Franken und Langobarden herrschte. In diesem Teil der Titulatur also wirkte die jahrhundertealte fränkische Tradition mächtig fort.
Nicht minder bemerkenswert ist diejenige Formulierung, mit der Karl an Kaiser Justinian anknüpfte: imperator Romanum gubernans imperium („Kaiser, der das römische Reich regiert“). Als König herrschte Karl über Menschen, über Völker – über die Franken und die Langobarden. Als Kaiser aber leitete und lenkte er nicht die Römer, sondern „das römische Imperium“.
Was genau mögen sich Karl und seine Zeitgenossen darunter vorgestellt haben? Justinians Reich hatte sich viel weiter erstreckt als jener Raum zwischen Nordspanien und der Elbe, zwischen Ärmelkanal und Rom, den Karl tatsächlich in seinen letzten Jahren beherrschte. Waren mit Karls Kaisertitel zugleich territoriale Ansprüche formuliert? Bis wohin könnten sie gereicht haben?
Kaiser Karl will sogar im Detail wissen, was im Heiligen Land vor sich geht
Ganz genau wissen wir dies nicht. Erstaunlich ist aber doch, wie sehr sich nach der Kaiserkrönung der politische Blick des Karlshofes weitete. Aufschluss über diese neuen Horizonte geben uns diejenigen Jahresberichte, die damals bei Hof aufgezeichnet wurden. Historiker nennen sie heute „Annales regni Francorum“ („Annalen des Frankenreichs“), doch verdankt der Text diesen hübschen Titel erst der Gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts. Der Sache nach wäre „Jahresberichte des Herrschers und seines Hofes“ sicherlich passender: Die Darstellung ist alles andere als objektiv. Der Text entwirft das Bild des Herrschers und seiner Politik so, wie es Karl selbst und sein engstes Umfeld im Reich verbreitet wissen wollten.
In diesen offiziösen Annalen finden sich nun in den Berichten seit 801 Nachrichten aus fast allen Teilen Europas: Karl verhandelt intensiv mit Byzanz, führt aber auch mit dem dortigen Kaiser Nikephoros einen Krieg um Dalmatien. Immer wieder wird das östliche Vorfeld des Reiches zum Thema: Wir erfahren von Kriegszügen und anderen Interventionen bei Awaren, Bulgaren, Böhmen, auch bei den slawischen Nachbarn der Sachsen weiter im Norden. Karl befiehlt militärische Operationen in Korsika, wo die Franken gegen „Mauren“ kämpfen (wie die Araber aus al-Andalus in diesem Text genannt werden).
Wir hören darüber hinaus von fränkischen Kriegszügen nach Nordspanien; selbst Nachrichten über interne Konflikte und politische Entwicklungen in al-Andalus waren den Annalisten eine Notiz wert. Sie verzeichneten außerdem penibel die Kämpfe des Kaisers gegen Dänen und deren „König“ Gotfrid, ja sogar die Intervention Karls zugunsten eines vertriebenen Königs von Northumbrien in Britannien. Berichte über Gesandtschaften aus Bagdad, Jerusalem, Byzanz und von zahlreichen anderen Orten außerhalb des Frankenreichs prägen den Text.
Mit dem Blick weitete sich das Handeln. Erstaunlich ist eine Gesandtschaft ins Heilige Land, die Karl im Jahr 808 auf den Weg brachte. Sie sollte dort die Lage der Christen, der Geistlichkeit und der Kirchen auskundschaften. Ein Ergebnis dieser Expedition hat sich bis heute erhalten: Eine Pergamentrolle, die in Basel aufbewahrt wird, listet sorgfältig die Kirchen und die Zahl der Geistlichen in Jerusalem und an anderen Orten im Heiligen Land auf. Die Detailgenauigkeit ist imposant: Für manche Gotteshäuser werden sogar exakte Maße und die Zahl der Säulen und Stufen angegeben.
Die gesammelten Informationen dienten Karl als Grundlage, um im Jahr 810 ein weiteres Mal im Heiligen Land zu intervenieren. Er ordnete die Zahlung von „Almosen“ an, die helfen sollten, Kirchen in Jerusalem zu renovieren. Wichtig ist bei alledem: Das Heilige Land stand damals gar nicht unter Karls Herrschaft. Es gehörte zum Reich der Abbasiden!
Nachfolgeregelung von 806: kein Wort über das Kaisertum
Auch wenn wir nicht exakt sagen können, was Karl und seine Ratgeber mit dem Kaisertum verbanden – eine neue Weite im politischen Denken und Handeln gehörte offenbar dazu. Vor diesem Hintergrund ist es interessant, wie Karl mit dem Kaisertum bei der Regelung seiner Nachfolge umging. Hierzu erließ er im Jahr 806 eine Anordnung, die Historiker heute als „Divisio regnorum“ bezeichnen („Teilung der Reiche“). Die Franken waren es seit Jahrhunderten gewohnt, dass ihre Könige das Reich unter den Söhnen aufteilten. Im Prinzip konnte jeder Sohn dabei den Anspruch erheben, in etwa einen gleich großen Teil des Reiches zu erhalten. Feste Grenzen freilich gab es nicht: Wie das Reich geteilt wurde, wo die Grenzen verliefen, wer welchen Teil erhielt – all das musste von Generation zu Generation neu verhandelt werden. Es war ein brisantes Geschäft: Dass die Teilung oft nicht ohne Streit abging, liegt auf der Hand.
Karl selbst hatte sich in den ersten Jahren die Herrschaft über die Franken mit seinem Bruder Karlmann teilen müssen. Auch damals war es zum Streit gekommen. Erst Karlmanns früher Tod am 4. Dezember 771 hatte die Spannungen beendet und Karl zum Alleinherrscher gemacht. In seiner Nachfolgeordnung von 806 sah Karl dennoch – ganz der Tradition verpflichtet – vor, dass das Reich unter dreien seiner Söhne aufgeteilt werde.
Der älteste Sohn, Karl der Jüngere, sollte die alten fränkischen Kerngebiete erhalten: Neustrien, Austrien und Teile Burgunds. Für Pippin, den Zweitgeborenen, waren Italien, Bayern und ein Teil Alemanniens vorgesehen. Der Rest – also die Spanische Mark, Aquitanien, Septimanien, die Provence und das westliche Burgund – sollte Ludwig zufallen, dem jüngsten Bruder.
Für unseren Zusammenhang ist nun bemerkenswert: Karl titulierte sich selbst zwar in diesem Dokument als Kaiser. Was mit dem Kaisertum aber in Zukunft geschehen sollte, darüber verlor er kein Wort. Manche Historiker haben angenommen, der älteste Sohn sei für das Kaisertum ausersehen gewesen: Denn anders, als es bis dahin meist üblich war, sollte Karl der Jüngere ganz allein die gesamten alten fränkischen Ländereien erhalten. Doch muss dies Spekulation bleiben: Kein einziges zeitgenössisches Dokument berichtet ausdrücklich von einem solchen Plan.
Wir wissen nicht, wie Karl der Große und seine Ratgeber sich im Jahr 806 die Zukunft des Kaisertums im Westen vorstellten. Vielleicht spielte Karl mit dem Gedanken, jeden seiner drei Söhne zum Kaiser zu machen? Für abwegig sollte man diese Idee nicht halten: Karl und sein Umfeld wussten, dass es in der Spätantike über lange Zeiten jeweils mehrere Kaiser gegeben hatte.
Theodosius I. etwa hatte bei seinem Tod 395 das Reich unter seinen Söhnen Arcadius und Honorius geteilt; und beide hatten die Kaiserwürde inne. Ein Jahrhundert früher, während der sogenannten Tetrarchie, hatte es im Imperium Romanum sogar vier Kaiser gleichzeitig gegeben.
Vielleicht dachte sich Karl aber 806 das Kaisertum auch nur als eine persönliche Würde? Vielleicht wollte er den Kaisertitel gar nicht an die nächste Generation weitergeben? Letztlich können wir nicht einmal das sicher ausschließen.
Bei Ludwigs Krönung blieben Rom und die Geistlichkeit aus dem Spiel
Die gesamte Nachfolgeordnung von 806 wurde bald obsolet: Die beiden älteren Brüder starben, am 8. Juli 810 Pippin, am 4. Dezember 811 dann auch Karl der Jüngere. Daraufhin setzte Karl der Große seinen Enkel, Pippins noch jugendlichen Sohn Bernhard, als König in Italien ein. Und im Jahr 813 machte er Ludwig den Frommen zum Kaiser (bis 840).
Das ist interessant: Karl löste mit dieser Regelung das Kaisertum nämlich von der Königsherrschaft über Italien und die Stadt Rom. Bezeichnenderweise fand Ludwigs Kaiserkrönung im Jahr 813 auch gar nicht in Rom statt, sondern in Aachen. Der Papst hatte an dem Akt keinen Anteil; und soweit es die Quellen erkennen lassen, setzte auch kein Bischof Ludwig die Krone aufs Haupt: Entweder tat dies Ludwig selbst (wie es sein Biograph, der Chorbischof Thegan, Mitte der 830er Jahre behauptete). Oder sein Vater Karl übernahm die Krönung (so überliefern es die Reichsannalen).
Das bedeutet: Bei dieser ersten Weitergabe des neuen westlichen Kaisertums blieben Rom und die Geistlichkeit aus dem Spiel. Die Bindung des Kaisertums an das Papsttum und die Stadt Rom, die bald auf Jahrhunderte hinaus prägend werden sollte, war 813 noch nicht selbstverständlich. Sie hatte tatsächlich weder im östlichen Kaisertum noch in der Geschichte der Spätantike ein Vorbild. Ludwig ließ sich zwar im Herbst 816 noch einmal von Papst Stephan IV. (816/17) salben und krönen. Doch geschah auch dies nicht in Rom, sondern in Reims; und Ludwig rechnete seine Kaiserjahre nicht erst von diesem Zeitpunkt an. Für sein Kaisertum hielt er den Reimser Akt also nicht für entscheidend.
Nicht minder bemerkenswert aber ist etwas Zweites: Die geographische Weite des politischen Denkens und Handelns, die wir in den ersten Jahren nach 800 beobachten können, sollte nicht dauerhaft mit dem Kaisertum verknüpft bleiben. Auch hier bildete Karls Kaisertum zunächst keine Tradition aus. Im Gegenteil: Im Lauf des 9. Jahrhunderts schrumpfte der imperiale Anspruch auf immer kleinere Räume zusammen. Und erst während dieses Prozesses verband sich das Kaisertum dann auch stärker mit Italien und Rom. Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man einmal mehr auf jene politischen Entscheidungen schauen, mit denen die Karolinger das Reich unter ihren Söhnen aufteilten.
Diverse Reichsteilungen und das Prinzip des dynastischen Zufalls
Ludwig der Fromme erließ seine eigene Nachfolgeordnung nicht wie sein Vater erst gegen Ende seines Lebens, sondern schon bald nach seinem Regierungsantritt. 817 regelte er im Zuge dessen auch die Zukunft des Kaisertums: Eine Versammlung von Magnaten in Aachen beschloss, die Teilung nicht – wie üblich – einer menschlichen Entscheidung zu überlassen, sondern Gott anheimzustellen. Nach dreitägigem Fasten, Beten, Almosen-Geben, so verkündete es Ludwig, habe der Allmächtige den Anwesenden eingegeben, Lothar, den ältesten Sohn, zum Kaiser zu machen, die beiden jüngeren, Pippin und Ludwig, jedoch als Könige über kleinere Gebiete in Aquitanien und Bayern einzusetzen.
Diese Teilung und die Geburt eines weiteren Sohns namens Karl 823 sollten bald eine Serie von Streitigkeiten heraufbeschwören. Als Ludwig der Fromme gestorben war, teilten seine drei noch lebenden Söhne – Lothar I., Ludwig „der Deutsche“ und Karl „der Kahle“ schließlich 843 im Vertrag von Verdun das Reich in drei Streifen auf: Lothar, der Kaiser, erhielt ein mittleres Reich, das sich von der Nordseeküste bis nach Rom erstreckte.
Das begrenzte die politischen und militärischen Handlungsspielräume des Kaisers erheblich: An Beutezüge oder gar Eroberungen an der westlichen oder östlichen Grenze konnte Lothar nicht mehr denken. Bei seinem Tod 855 wurde sein Reichsteil abermals unter drei Söhnen aufgespalten: Lothar II. erhielt den Norden, Karl die Provence, Ludwig II. Italien – und zugleich als Einziger den Kaisertitel (855 – 875), den er gemeinsam mit seinem Vater seit 850 geführt hatte.
Ähnlich aber sollte die Geschichte des Kaisertums auch in den nächsten Jahrzehnten vom dynastischen Zufall abhängen. Die Details sind einigermaßen unübersichtlich: Nach Ludwigs II. Tod (12. August 875) sicherte sich zunächst sein Onkel, der westfränkische König Karl der Kahle, die Herrschaft über Italien und die Kaiserkrone. Nach dessen Tod zwei Jahre später fiel das Kaisertum dann 881 Karl dem Dicken zu, einem Sohn Ludwigs des Deutschen. Mit dessen Absetzung Ende 887 verloren die legitim geborenen Karolinger ihr Monopol, Könige und Kaiser zu werden: 889 beanspruchte der Herzog Wido von Spoleto das Königtum in Italien. Zwei Jahre später ließ er sich von Papst Stephan V. (885 – 891) zum Kaiser krönen, und im Jahr darauf machte Papst Formosus auch Widos Sohn Lambert zum Kaiser.
896 ließ sich dagegen, noch zu Lebzeiten Lamberts, der Karolinger Arnulf, der den ostfränkischen Reichsteil regierte, zum Kaiser krönen; er starb bereits Ende 899. Im Jahr 900 marschierte Ludwig „der Blinde“ von der Provence aus in Italien ein. Im Jahr darauf griff er nach der Kaiserkrone, wurde seinerseits aber schon 905 von Berengar von Friaul besiegt, geblendet (daher der Beiname) und aus Italien vertrieben. Berengar wiederum hatte ebenfalls schon seit 888 das Königtum in Italien für sich beansprucht. Im Jahr 915 ließ er sich von Papst Johannes X. zum Kaiser erheben.
So sank das Kaisertum herab zu einer vom Papst ausgeteilten Trumpfkarte im politischen Spiel um die Königsherrschaft über Italien. Die Kaiser Wido, Lambert, Arnulf, Ludwig und Berengar waren in ihrem politischen Horizont und Handeln meilenweit entfernt von jenen Dimensionen, die wir für Karl den Großen beobachtet haben. Als Berengar 924 in Verona ermordet wurde, fand auch das Kaisertum im Westen vorerst ein Ende.
Historisch war die räumliche Einengung des Kaisertums auf Italien, die sich seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts vollzog, freilich alles andere als folgenlos. Als König Otto I. im Jahr 962 das Kaisertum wiederbelebte, war dessen Bindung an Italien, das Papsttum und Rom bereits so selbstverständlich, dass sie mehrere Jahrhunderte hindurch die Geschichte des Kaisertums in Lateineuropa zu prägen vermochte.
Autor: Prof. Dr. Steffen Patzold
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