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Geschichte & Archäologie
Neue Fragen an das Alte Reich
Das mittelalterliche Reich war groß und klein zugleich. Die Größe kam vom Kaisertum. Doch diese Feststellung führt uns sogleich zu der Frage: Was war das Kaisertum im Mittelalter? Eine Definition, noch dazu in modernen Kategorien, ist schwierig.
Mit dem mittelalterlichen Reich verbindet sich die Idee einer politischen Ordnung. Die Ordnungsfigur des Kaisertums reichte über einzelne Völker oder Reiche hinaus und entwikkelte in manchen Zeiten erhebliche Dynamik. Einen übergreifenden Zusammenschluß der Völker und Reiche konnte man sich im Mittelalter lange Zeit überhaupt nur über die Denkfigur des römischen Kaisertums vorstellen. Erst seit dem späteren 11. Jahrhundert trat das Papsttum damit in Konkurrenz.
Diese Denk- und Ordnungsfigur beschrieb den größtmöglichen Rahmen einer westchristlichen Ordnung. Gleichzeitig war das Kaisertum in das christlich-teleologische Deutungsmuster menschlich-irdischer Existenz eingeflochten. Seit Kaiser Konstantin (306–337) und der mit ihm einhergehenden Wende zum Christentum galt es als gottgewollter Ordnungsrahmen, in dem sich das Christentum entfalten konnte. Solange es den römischen Kaiser als Beschützer gab, werde der Antichrist nicht kommen, folgerte noch der Theologe Alexander von Roes im späten 13. Jahrhundert.
Der politische und rechtliche Inhalt dieses Kaisertums ist allerdings kaum zu bestimmen. Noch dazu kam es zu einer ständigen Wechselwirkung von Kaiser- und Königtum, so daß man häufig gar nicht unterscheiden kann, inwieweit ein Herrscher als König oder als Kaiser handelte. So war es bis ins 12. Jahrhundert hinein unter den Ottonen, den Saliern und den frühen Staufern. Interessanterweise ist das genau die Zeit, die im kollektiven Gedächtnis unserer Kultur als besonders strahlende Epoche „deutscher Vergangenheit“ stilisiert wurde: Ohne Bedenken machte man die nach modernen Kategorien am schwersten zu fassende Ordnung des Mittelalters für die eigene Zeit nutzbar. So blieb es im Grunde bis weit in das 20. Jahrhundert hinein . Nach der Schreckenszeit des „tausendjährigen Reichs“ wurde es stiller um das Reich des Mittelalters. Königtum und Kaisertum wurden in der damals modernen Mittelalterforschung weitgehend ausgeblendet. Schon das Wort Reich schien problematisch, denn darunter verstand man im Ausland fast zwingend das „Dritte Reich“. Nationalprägende Königs- und Kaiserherrlichkeit im deutschen Mittelalter war verpönt. Als legitim und wissenschaftlich weiterführend galt nur noch die kleinteilige und regionale Spezialuntersuchung in der Landes- oder Stadtgeschichte.
Warum beginnen wir nun wieder damit, das Reich wissenschaftlich und noch dazu in einer großen historischen Europarat-Ausstellung in Magdeburg und Berlin zu thematisieren? Dürfen wir das jetzt wieder? Noch dazu nach der Wiedervereinigung, die bei den Nachbarn Mißtrauen in deutsche Großmannssüchte nährte? Die Antwort lautet: ja. Denn das Forschungsinteresse und die Forschungsmethoden haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert.
Die Forschungen orientieren sich heute zunehmend an kommunikationswissenschaftlichen Überlegungen, an anthropologischen und ethnologischen Zugängen und Deutungen. Uns beschäftigt die Frage, wie das mittelalterliche Reich, das keine staatlichen Institutionen kannte, dennoch eine so lange Lebensdauer besitzen konnte. Wie war es organisiert? Wie wurden Werte in politisches Handeln umgesetzt? Welches waren die Prozesse der politischen Willensbildung und der Entscheidungsfindung? Wie wurde Autorität begründet, dargestellt und repräsentiert?
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Unser Blick richtet sich auf die Modelle der Konfliktlösung, die damit verbundenen Riten und Rituale, den Umgang mit der Geschichte zur eigenen Legitimation, die Bedeutung des wirklichen und des gedachten Raums, die Vernetzung des Reichs und Europas durch Eliten und schließlich auf die Frage nach Fiktionen und Gedächtnisleistungen bei Individuen, Gruppen und Gesellschaften, die uns Nachrichten über das mittelalterliche Reich überliefert haben. Nationalbilder kann dieses Reich nicht mehr liefern. Dagegen erweist es sich als ein Paradefeld für nichtstaatliche Lebens- und Ordnungsentwürfe.
Dieses Interesse hängt nicht zuletzt mit der heutigen Entwicklung von Europa zusammen. „Europa“ fordert den Blick auf das Ganze, auf sei?ne Voraussetzungen und auf mögliche Modelle der Verklammerung, der Interaktionen und der kulturellen Verknüpfungen der Völker und Reiche. Kein anderes staatliches Gebilde in Europa – das gilt für das Mittelalter wie für unsere Zeit – war und ist von Nachbarn dichter umgeben als das Reich bzw. Deutschland. Das müssen wir uns immer vor Augen stellen, denn es erklärt die vielfältige Bezogenheit anderer Völker und Staaten auf das Reich und umgekehrt; sei es in einem interkulturellen Austausch, sei es in dezidierter Abgrenzung, die zur Identitätsbildung neuer Reiche in Europa erheblich beigetragen hat.
Große Teile Europas waren im Mittelalter verbunden durch das Kaisertum und später zunehmend auch durch das Papsttum. Das waren zwei Institutionen, die nur über geringe reale Macht-ressourcen verfügten. Das päpstliche Heer war immer bescheiden in seiner Größe, und der Kaiser war immer auf die Mithilfe der Fürsten und Städte seiner Reiche angewiesen. Was wirksam war, war die Idee: die Idee vom Vorrang des Kaisers im römisch-christlichen Europa und die Idee vom Vorrang des Papstes. Sie entfaltete über alle Jahrhunderte des Mittelalters hin enorme Anziehungskraft. Der Schutzauftrag über die Kirche und die europäische Christenheit brachte dem Kaiser zeitweise hohe Autorität. Erst der Kampf mit dem Papsttum seit dem späten 11. Jahrhundert ließ diese Stellung immer mehr verkümmern. Doch ging die Idee des europäischen Friedens durch das Kaisertum niemals unter. Als die kaiserliche Autorität im späteren Mittelalter immer schwächer wurde, wurde die Sehnsucht nach dem „Friedenskaiser“ eher noch stärker. Berühmte Dichter wie Francesco Petrarca haben sie in pathetische Worte gegossen.
Wie aber reagierten die anderen europäischen Reiche auf die imperiale Komponente des Reichs und seiner Herrscher? Zunächst einmal eröffnete ihnen die Auseinandersetzung mit dem Kaisertum die Möglichkeit, sich zu profilieren und auf Dauer zu etablieren. Die Emanzipation vom Kaisertum konnte so etwas wie ein erster Schritt zur Souveränität der Reiche werden. Seit dem späten 11. Jahrhundert war dieser Prozeß in vollem Gang. Ein gutes Beispiel dafür liefert Frankreich. Die Konflikte des französischen Königs mit dem Imperium trugen in hohem Maß zur Festigung der französischen Königsherrschaft bei. 1107 kam es im Kloster Saint-Denis bei Paris zu einem Bündnis mit dem Papst. Seither erwies sich der französische König als der „gute“ König in Europa, auf den sich der Papst im Kampf mit dem Kaiser verlassen konnte.
Der gute Herrscher zog das Wohlwollen Gottes auf sich und wurde zum Lohn mit heilbringenden Kräften ausgestattet. Auch war er daran interessiert, das Gegenbild des „bösen“ Kaisers zu pflegen. In Saint-Denis arbeiteten die Chefideologen, an ihrer Spitze Abt Suger (gest. 1151), an diesem Programm. Peinlichst wurde in den folgenden Jahrhunderten darauf geachtet, daß der französische König in fein inszenierten Arrangements beim Zusammentreffen mit dem Kaiser zumindest als gleichrangig erschien; vehement beanspruchte er das weiße Pferd, das den Vornehmsten trug, für sich.
Polen und Ungarn entwickelten sich in enger Anlehnung an das Papsttum zu frühen souveränen Staaten, ebenfalls in ausdrücklicher Ablehnung der kaiserlichen Autorität. In einem Prozeß, der sich bis weit in die frühe Neuzeit erstreckte, formte sich so auch die Schweizer Eidgenossenschaft aus. In Italien dagegen hörte im Mittelalter die Idee vom Friedenskaiser nicht auf. Zwar kam es immer wieder zum Zusammenstoß unterschiedlicher Ordnungsmodelle, denn die italienischen Stadtstaaten fußten auf ganz eigenen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Voraussetzungen. Aber die Friedensgewalt des Kaisers blieb hier bis zuletzt anerkannt. Vor allem mit Heinrich VII. (1308 –1313) oder Karl IV. (1346 –1378) wurden große Hoffnungen verknüpft. Die imperiale Komponente reichte freilich nicht aus, um die politische Gemeinschaft des Reichs zu ordnen. Nach staatlichen Verfassungseinrichtungen in unserem heutigen Verständnis suchen wir allerdings vergeblich. Wie konnte ein politisches Gemeinwesen wie das mittelalterliche Reich ohne derartige Institutionen auskommen und noch dazu so langlebig sein? Die Frage scheint angesichts der in unserer Zeit überhand- nehmenden Überregulierung durchaus aktuell. Das mittelalterliche Reich kam mit einem Minimum an Regelwerken, Gesetzesvorschriften und Einheitsgeboten aus. Überall dominierte die Vielfalt: der Ordnungen, der Rechte, der Münzen, der Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten, der Gesetze und der Lebensumstände. Diese Vielfalt prägte vor allem das späte Mittelalter, die Zeit des 13. bis 15. Jahrhunderts. Lange hat man sie als Ausdruck des Verfalls angesehen, und so kam die Bezeichnung vom „Herbst des Mittelalters“ zustande.
Heute sind wir vielfach nicht mehr davon überzeugt, daß die Entwicklung zum Zentralismus, zur Gleichförmigkeit und Einförmigkeit immer die gute Entwicklung sein muß. In den heutigen Diskussionen um das Verhältnis von zentralem Staat und föderativem System erweist sich das späte Mittelalter plötzlich als ganz beachtenswertes Modell. Der Rahmen des Reichs war durch den König oder Kaiser vorgegeben. Aber man verstand sich keineswegs als Untertan, sondern als Teil eines Gesamtkörpers, in dem der Herrscher und alle Glieder darauf achteten, daß sich das Gefüge nicht veränderte. In den Adler, das Wappentier des Reichs, wurden die Stände und Mitglieder eingefügt: das Heilige Römische Reich mit seinen Gliedern.
Vor allem die Stadtbürger pflegten die Vorstellung, daß ihnen der Kaiser, von dem sie Bilder und Figuren aufstellten, Schutz garantiere. Magdeburg, Köln oder Nürnberg bieten dafür berühmte Beispiele. Das Reich nistete sich in der Person alter oder neuer Kaiser in den bürgerlichen Ordnungswelten ein. Karl der Große und Otto der Große wurden die Hauptgaranten dieser Ordnung. Die angeblich auf sie zurückgehenden Herrschaftssymbole, vor allem die Reichskrone, die Königs- und Kaiserkrone zugleich war, spielten bei Fürsten und Bürgern eine große Rolle und wurden beim Herrscher-Einzug vorangetragen. Prozessionen und Empfänge wurden zu einem wichtigen Instrument, um die Ordnung des Reichs darzustellen und sich ihrer immer wieder zu vergewissern. In einem organologischen Ordnungsmodell waren Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Burggrafen, Grafen, Edelfreie, Ritter, Städte, Dörfer und Bauern vereinigt. Aus ihrem Dasein und ihrem Willen heraus existierte das Reich.
Ein Reich, das zwar ohne umfassende gesetzliche Grundlage war, das aber den Gliedern festen Schutz und Dauerhaftigkeit gewährleisten sollte, mußte freilich eine Aura der Unantastbarkeit entwickeln. Diesen Prozeß können wir unter Friedrich Barbarossa beobachten, während dessen Herrschaft das Reich zum sacrum imperium wird. Neben die römische Komponente war die Heiligkeit getreten – gewissermaßen als eine transzendentale Verankerung des Reichs: Ein heiliges Reich war dauerhaft.
Doch es war wohl auch dauerhaft, weil es sich dank seiner geringen Regulierung verhältnismäßig rasch den sozialen, politischen, wirtschaftlichen und religiösen Veränderungen anpassen konnte. Was wir als seine Schwäche anzusehen geneigt sind, könnte gerade seine Stärke gewesen sein. Die Überregulierung, so könnte man folgern, macht dagegen starr und unbeweglich, hemmt möglicherweise größere Integrationsprozesse. Andererseits sieht man aber auch, daß im Reich des späten Mittelalters die Ressourcen nur mangelhaft gebündelt wurden. Auf diesen Gebieten waren Frankreich und England weit überlegen. Die Wirtschaftszentren im Reich blieben bescheiden, nur Nürnberg ragt heraus. Die Bildung war im Vergleich zu Frankreich unterentwickelt. „Pisa“ mit dem Ergebnis deutscher Bildungsdefizite scheint es schon im Mittelalter gegeben zu haben. Die Deutschen studierten wenig, und wenn, dann eher die Geisteswissenschaften, die artes liberales, und nicht die Natur- oder Rechtswissenschaften. War das Reich im späten Mittelalter im europäischen Vergleich möglicherweise zu arm für die Bildung? Oder gab es einfach zuwenig für Bildung aus? Manche Beobachtungen aus unserer Zeit, so hat es den Anschein, haben Vorgänger, die weit in das Mittelalter zurückführen.
Das Reich des Mittelalters war kein „deutsches Reich“. Immerhin war es überwiegend von einer deutschsprachigen Bevölkerung besiedelt. Die Sprache scheint aber kein Kriterium für die Zugehörigkeit zum Reich gewesen zu sein, auch wenn der „Sachsenspiegel“ im 13. Jahrhundert behauptete: „Der König von Böhmen ist kein Kurfürst, weil er kein Deutscher ist.“ „Deutsch“, das bedeutete ursprünglich „volkssprachlich“, also nicht romanisch-lateinisch. Als man seit dem 13. Jahrhundert begann, die herrscherlichen Verlautbarungen und Urkunden mehr und mehr in der Volkssprache zu verfassen, entstand aber doch ein Identitätsschub über die sprachliche Gemeinsamkeit. Die lateinischen Begriffe für die Ordnung und Regulierung der Gesellschaft wurden durch deutsche ersetzt. Das römische Element in der Gestalt des Lateinischen rückte in den Hintergrund. Auf den päpstlichen Konzilien organisierte man sich in Nationen, und im 15. Jahrhundert verbreitete sich die Formel von den „deutschen Landen“. Lebens- und Ordnungsmodelle wurde enger gefaßt, von anderen abgegrenzt und damit auch intensiver gestaltet. Trotz alledem: Im Heiligen Römischen Reich blieb die Vielfalt weiterhin bestimmend, und sie war es, die eine ständige Dynamik im gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Diskurs erzeugte. Anpassung und ständige Identitätsprozesse durch möglichst geringe Regulierung, aber innerhalb eines unantastbaren, transzendental verankerten Rahmens: So könnte man das Wesen des mittelalterlichen Reichs, sowohl des König- als auch des Kaiserreichs, umschreiben. Es hatte, daran kann man immer wieder erinnern, über 800 Jahre Bestand und lebte damit länger als das zentralisierte Reich des Königs von Frankreich.
Wir lernen nur in begrenztem Maß aus der Geschichte, wenn es um heutige politische oder gesellschaftliche Konzepte geht, denn jede Gesellschaft hat mit ihren je eigenen Bedingungen zu tun. Kopien historischer Ordnungen sind niemals möglich. Aber der Blick in die Vergangenheit läßt uns gesellschaftliche und politische Konfigurationen erkennen, an denen sich Prinzipien und Konstanten von Ordnungssystemen und Gesellschaftsmodellen ablesen lassen. Dies kann durchaus dazu dienen, die eigenen Modelle nicht zu überschätzen oder Alternativen ernster zu nehmen. Daß wir diese Funktion von Geschichte lange Zeit übersehen haben und in unserem kulturellen Gedächtnis die Entwürfe der mittelalterlichen Gesellschaft und des Heiligen Römischen Reiches auszuklammern suchten, könnte – so gesehen – als Gradmesser der Überheblichkeit unserer eigenen Gegenwart angesehen werden.
Prof. Dr. Stefan Weinfurter
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