Die Pyramiden, der Tempel von Karnak oder Abu Simbel – einige monumentale Bauwerke der Pharaonenzeit sind noch erstaunlich gut erhalten. Doch für eine der größten und bedeutendsten Kultstätten des Reichs am Nil gilt das nicht: Wie der Tempelkomplex von Heliopolis einst ausgesehen hat, ist nicht mehr zu erkennen. Denn die Anlage im Bereich des heutigen Kairo diente intensiv als Steinbruch. Deshalb sind nur wenige Spuren der einstigen Strukturen übriggeblieben. Zweifellos waren sie beeindruckend, denn mehr als 2400 Jahre lang bildete der Tempel von Heliopolis ein theologisches Zentrum Ägyptens und ist aus vielen Überlieferungen bekannt.
Neue Einblicke in Struktur und Ausstattung
Die Bedeutung des Heiligtums basierte auf der Vorstellung, dass sich dort der Urhügel befunden hat, auf dem der altägyptischen Mythologie zufolge die Welt erschaffen wurde. Zudem galt Heliopolis als die irdische Hauptresidenz des Sonnengottes. Im Laufe der altägyptischen Geschichte haben zahlreiche Pharaonen die komplexe Kultstätte durch Teil-Tempel erweitert und umgestaltet. Seit vielen Jahren widmet sich ein Team um den deutschen Ägyptologen Dietrich Raue von der Universität Leipzig der Erforschung der Überreste der Anlage. Berühmt geworden ist das internationale Grabungsprojekt im Jahr 2017 durch den Fund von Teilen einer ursprünglich etwa neun Meter hohen Kolossalstatue des Pharao Psammetich I, die den Tempelbezirk einst zierte. Nun berichten die Archäologen über die neusten Funde der vergangenen Grabungskampagne.
Das Team ist demnach im südwestlichen Bereich des Tempelbezirks auf gewaltige Mauern aus Lehmziegeln von fünf bis zu sieben Metern Stärke gestoßen. Sie gehörten offenbar zum inneren Bereich des Tempels, denn Reste der gewaltigen Außenmauern sind bereits bekannt. In dem Areal fanden die Archäologen zudem Fragmente großer Rosengranitsäulen, die Palmen nachgebildet waren und wahrscheinlich aus dem 3. Jahrtausend vor Christus stammen. Gegenstände, die sich einst im Innenbereich der Tempelanlagen befanden, sind auch unter den neuen Funden: Es handelt sich um Fragmente von Königsstatuen aus Alabaster und Bruchstücke von Altären aus Gneis.
Eine Darstellung des Pharao Echnaton

Eine weitere interessante Entdeckung ist mit pharaonischer Prominenz verknüpft: Es handelt sich um ein Relief-Fragment einer zerstörten Baustruktur aus der Zeit des berühmten Pharao Echnaton. Es zeigt den König, der eine spezielle Verehrung der Sonne in Ägypten propagierte, in der Gestalt einer Sphinx. Auch Teile von Reliefs aus der Ramessidenzeit (1292 v. Chr. bis etwa 1070 v. Chr.) entdeckten die Wissenschaftler – etwa eine Darstellung einer Morgenbarke mit dem Sonnengott in seiner morgendlichen Skarabäen-Gestalt, begleitet von zwei Pavianen. Zudem stießen sie im Bereich der weiträumigen Anlage auf Gräber: „Die größte Überraschung war für uns die Entdeckung eines ganz ungewöhnlichen Gräberfeldes des späten zweiten Jahrtausends vor Christus. Bislang konnten wir zwölf Individuen aller Altersklassen und beiderlei Geschlechts identifizieren“, sagt Raue.





