In nur neun Monaten soll Albert Speer, der Architekt Hitlers, den Bau der Neuen Reichskanzlei geplant und realisiert haben. Das Tempo der Bauarbeiten und das monumentale Gebäude selbst sollten der Welt einen Eindruck von der “Leistungsfähigkeit und der kulturellen Überlegenheit Großdeutschlands” geben. Tatsächlich dauerten die Bauarbeiten jedoch knapp drei Jahre (vom Abriß der ersten Häuser in der Voßstraße 1936 bis zur Einweihung im Januar 1939). Das Prestigeprojekt Hitlers forderte zahlreiche Verletzte und Tote, die dem hektischen Baugeschehen zum Opfer fielen. Obwohl auf Grund der Hochrüstung und des Baus zahlreicher Großprojekte, wie zum Beispiel der Bau des Parteitagsgeländes in Nürnberg, im Reich Arbeitskräftemangel herrschte, wurde die Errichtung als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dargestellt. Tatsächlich wurden Kriegsgefangene für die Arbeit eingesetzt. Die Propagandalüge von der Blitz-Bauzeit hält sich bis heute hartnäckig. Albert Speer hatte selbst dazu beigetragen, als er nach dem Krieg diesen Zeitraum in seinen Memoiren nannte. In den 70er Jahren wurde Speer mit dem Widerspruch zwischen seiner Darstellung und der tatsächlichen Baugeschichte konfrontiert. Er erwiderte, er sei wohl seiner eigenen Propaganda zum Opfer gefallen.
Auch Dietmar Arnold und Reiner Janick greifen in ihrem Buch den Mythos auf und widerlegen ihn. Der Schwerpunkt der Dokumentation liegt klar auf der Zeit zwischen 1933 und 1945, in der die Reichskanzlei als Wohn- und Arbeitsstätte Hitlers in Berlin Zentrum der Macht war. Ein ganzes Kapitel befaßt sich auch mit dem Architekten Speer und seinen Legenden. Aber nicht Speer oder Hitler stehen im Vordergrund, sondern das Gelände und das Gebäude selbst und ihre wechselhafte Geschichte. So spannen die Autoren einen Bogen von der Entstehung des deutschen Regierungsviertels von 1734 bis in die jüngste Zeit und die gegenwärtige Bebauung und Nutzung des Geländes der ehemaligen Neuen Reichskanzlei und des im Garten angelegten „Führerbunkers”. In der unmittelbaren Nähe des Geländes wird ab dem 12. Mai 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu besichtigen sein, dem ebenfalls ein Kapitel gewidmet ist.
Rezension: Marohn, Mariel





