Missverständnisse, Ablehnung und Vereinnahmung prägten die weitere Rezeptionsgeschichte, deren Tiefpunkt die Umdeutung Eckharts zum „Apostel des nordischen Abendlandes“ durch den NS-Ideologen Alfred Rosenberg bildete. Weil Eckhart bis heute von unterschiedlichen Gruppierungen angeeignet und sein Denken dabei nicht selten völlig verzeichnet wird, lohnt sich eine historische Betrachtung, wie dies Joel F. Harrington unternimmt. Anders als es der reißerische deutsche Untertitel befürchten lässt, geht er dabei sehr differenziert vor.
Eckhart wird als mittelalterlicher Gelehrter gezeichnet, der sich mit dem universitären Wissen nicht begnügen wollte, sondern begann, über das Gewohnte hinaus zu denken. Erfolgreich als Administrator und anerkannt als Theologe, wurde ihm spätestens seit 1314 die Seelsorge von Nonnen und Beginen in Straßburg und Umgebung zur Aufgabe, um die von der Kirche beargwöhnte weibliche Frömmigkeit in „geordnete Bahnen“ zu lenken. Tatsächlich wollte Eckhart jedoch auch die einfachen Menschen erreichen und begann, nach neuen Ausdrucksformen für seine theologischen Überzeugungen zu suchen. Er wollte seine Hörer aus einer veräußerlichten Frömmigkeit lösen und sie zur wahren Gotteserkenntnis führen.
Im Zentrum seines Predigens stand die Gelassenheit, ein von ihm geprägter Ausdruck, der das Loslassen, das Überwinden des Selbst und der Beschränkungen dieser Welt bezeichnete. Mit der Vorstellung, der Mensch könne eins mit Gott werden, wenn dieser in der Seele geboren werde, riss er die starren, vom Verstand diktierten Grenzen zwischen Geschöpf und Schöpfer nieder.
Harringtons flüssig geschriebene, gut lesbare Biographie situiert Eckharts Denken in den Kontexten, in denen er sich bewegte: seinem Orden, dem Kloster in Erfurt, der Pariser Universität, der geistlichen Welt Straßburgs, schließlich in Köln, wo man ihn der Häresie beschuldigte, und in Avignon, dem Sitz von Papst und Kurie, wo man seine Lehren untersuchte und wo der Theologe 1328 starb.
In den ersten Kapiteln schlägt Harrington den Bogen dabei allzu weit, so dass Eckhart selbst mitunter aus dem Blick gerät. Die Breite der Darstellung führt fast zwangsläufig zu Ungenauigkeiten und Fehlern. Gleichwohl bietet das Buch einen guten Zugang zu Eckhart, gerade auch weil der Theologe selbst in zahlreichen Zitaten ausführlich zu Wort kommt. Ein Geheimnis des Verlags bleibt, warum auf dem Schutzumschlag nicht etwa Eckhart, sondern der von Giovanni Bellini gemalte Theodoro von Urbino, dargestellt als heiliger Dominikus, versonnen in die Ferne schaut. Dass die Übersetzung einige Nachlässigkeiten aufweist und zudem die kommentierten Literaturhinweise Harringtons nicht für das deutschsprachige Publikum überarbeitet wurden, demonstriert ebenfalls eine bedauerliche Sorglosigkeit, angesichts derer man die eigene Gelassenheit üben kann.





