Der Autor will in seinem Buch zurechtrücken, was angeblich in der deutschen Geschichtswissenschaft noch immer falsch dargestellt wird, und eine Neuinterpretation vorlegen. Weite Teile des Buchs sind durch eine klassische politikzentrierte Darstellung gekennzeichnet.
Neu ist an der Darstellung Schmidts wenig, eher schließt er sich der Argumentation aus den 1960er bis 1980er Jahren an, die vor allem durch die Kritik an Fritz Fischers Thesen vom „Griff nach der Weltmacht“ und der Kriegsschuld Deutschlands gekennzeichnet ist. Schmidt reichert diese ältere Position mit neueren Forschungsergebnissen der letzten zehn Jahre an. Diese gehen jedoch viel stärker multiperspektivisch an die Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkriegs her-an und beziehen vor allem auch die Außenpolitik der anderen europäischen Mächte mit ein.
Schmidt lässt keinen Zweifel daran, wo er die Akzente setzt: Erstens bei der unzureichenden Außenpolitik des Kaiserreichs und zweitens besonders in der Verantwortung Frankreichs, Russlands und Englands. Ende Juli 1914 saßen die Kriegstreiber, so Schmidt, nämlich in St. Petersburg, Paris und London, auch wenn er relativierend die deutsche Mitverantwortung klar benennt. Dennoch, die Umstellung der britischen Außenpolitik um 1900 habe die Weichenstellung zum Weltkrieg mit eingeleitet, und der französische Präsident Raymond Poincaré gilt ihm als besonders kriegslüstern.
Überhaupt fällt die sehr stark personalisierte Herangehensweise auf: Die Hauptbeteiligten legt der Autor auf die analytische Couch und charakterisiert sie oft recht abschätzig. Das liest sich zuweilen zwar vergnüglich, trägt aber wenig Neues zur Erklärung der tieferen Ursachen für den Ersten Weltkrieg und die Ereignisverläufe bei.
Das Kaiserreich selbst wird in mildem Licht geschildert, was die differenziertere Forschung dazu zwar widerspiegelt, aber ein starker Teil des Buchs ist das nicht. Es werden vor allem Modernisierungspotentiale betont und manches zu sehr gelobt: So erscheint das Wahlsystem auf bundesstaatlicher Ebene weit moderner, als es gewesen ist.
Auch andere handwerkliche Fehler unterlaufen dem Autor, der das eine oder andere besser hätte nachrecherchieren sollen, statt aus der Literatur zu zitieren. Die Kritik mag kleinlich wirken, aber eine „Neuinterpretation“ der Geschichte des Kaiserreichs zwischen 1890 und 1918 kann so nicht gelingen, zumal der Kern des Buchs, nämlich der Weg in den Ersten Weltkrieg, nicht wirklich neu interpretiert ist, sondern sich unterschwellig an der – in der Geschichtswissenschaft in dieser Form kaum noch vertretenen – These von der Allein- oder Hauptschuld des Kaiserreichs abarbeitet. Das führt zu einer Überbetonung derjenigen Aspekte, die das widerlegen. Mit anderen Worten: Schmidt argumentiert über weite Strecken so, wie er es der vermeintlich „orthodoxen Lesart“ der Geschichte des Kaiserreichs vorwirft, nur mit umgekehrtem Vorzeichen.





