Wegen der 75 Jahre Distanz zum wenig bekannten Aufstand in Treblinka am 2. August 1943 hofft Wójcik, diese infernalische, im Grunde weder schreib- noch lesbare Geschichte in den Griff zu bekommen. Und tatsächlich gelingt es ihm. Vielleicht deshalb, weil der Autor nicht der Versuchung erliegt, kommentarlos die schrecklichsten Zitate aus den Berichten der Überlebenden abzuschreiben. Man darf sie nicht unreflektiert übernehmen; dessen ist er sich bewusst. Obwohl sich die Erinnerungen der Überlebenden nur teilweise decken, teils einander widersprechen,
gewinnt man letztlich doch den Eindruck von Glaubwürdigkeit. Sich den Alltag in einem Vernichtungslager vorzustellen liegt ohnehin außerhalb unserer Fähigkeiten.
Ein anderes Bild zeichnet der Verfasser von den etwa 30 Minuten, die der Aufstand tatsächlich gedauert hat. Hier dominieren oft bewusst mythologisierte, oft dem Versagen menschlicher Erinnerung geschuldete Widersprüche. Paradoxerweise wirkt seine Schilderung dennoch plausibel, wenn wir die Quellen weniger nach belegbaren Fakten durchsuchen, sondern sie als Gesamteindruck der Überlebenden ernst nehmen: Chaos, widersprüchliche Nachrichten, die sich nahezu sofort als unbrauchbar erweisen, kaum etwas, was planmäßig verläuft, insgesamt ein Gefühl des Verloren-Seins, obwohl es sich – so Wójcik in einem Interview – um den größten jüdischen Sieg zwischen biblischen Zeiten und der Gründung Israels handelt. Einige hundert Menschen entkamen, die Befreiung Treblinkas erlebten 85 Gefangene.
Und dann die Nachgeschichte: Wie Buchenwald zu einer Geburtsstätte der DDR bzw. zu einem Symbol der Kommunistischen Internationale umgedeutet worden ist, wurde der Aufstand in Treblinka Ende der 1960er Jahre als ein polnischer Erinnerungsort erfunden. Der Leser mag sich in den vielen Namen und Pseudonymen der Widerstandskämpfer verlieren, die diese polnische Legende durch ihre angebliche Anwesenheit vor Ort untermauern. Doch es geht nicht um Einzelpersonen, sondern um den Mythos von heldenhaften Partisanen, die angeblich den durchgehend passiven Juden durch einen Angriff auf das Lager das Überleben ermöglicht hätten. Laut Wójcik stimmt an dieser Legende nichts. Der Autor ist auf ein verstaubtes Nebenzimmer der nationalen Schatzkammer seines Landes gestoßen. Statt Juwelen fand er den Nebel, der über dem Ort noch Jahrzehnte nach den Ereignissen hängt.
Rezension: Włodzimierz Borodziej
Michał Wójcik
Der Aufstand von Treblinka
Revolte im Vernichtungslager
Piper Verlag, München 2020, 416 Seiten, € 24,–





