Die Geschichtsschreibung blendete die Frauen aus
Überdies hatten die drei Frauen ihrerseits Machtstrukturen tief verinnerlicht, in denen sie wegen ihres Geschlechts als nachrangig betrachtet wurden. Deshalb maßen nicht einmal sie selbst ihrem Denken und Handeln eine über die alltäglichen Belange hinausgehende Bedeutung bei. Weil aber ihre Perspektive auch historiographisch ausgeblendet wurde, blieb verborgen, wie stark politische Themen, Ereignisse und Abläufe in einen familiären Diskurs der Bismarcks einflossen, an dem beide Geschlechter beteiligt waren, und welche wechselseitigen Einflüsse daraus resultierten.
Bemerkenswerte Einblicke in eine preußisch-protestantische Alltagswelt ergeben sich vornehmlich dann, wenn die adlige Schichtzugehörigkeit als Analyseraster herangezogen und emotions-, kultur- und mentalitätsgeschichtlich untersucht wird. Wie stark adlige Normen und Werte das familiäre und gesellschaftliche Umfeld der Bismarcks prägten, führt der Fokus auf die weiblichen Lebenswege besonders eindrücklich vor Augen. Der mikrohistorische Zugang erlaubt nicht nur anhand eines Abgleichs mit der weiblichen Adelsrolle respektive anderen Frauen aus dem Adel eine genaue Einordnung der Betrachteten, sondern darüber hinausgehende Rückschlüsse und Differenzierungen.
Bei allen individuellen Besonderheiten entstehen so einerseits klare Konturen, wie die Nähe zu einer Schlüsselfigur der deutschen und europäischen Geschichte die hierdurch miteinander verknüpften Lebensläufe in spezifische Richtungen lenkte. Erkenntnisse über den Einzelfall hinaus ergeben sich andererseits für die Adelsforschung, hier allen voran adlige Frauen betreffend, und zwar über ein Jahrhundert hinweg von der Monarchie über die Weimarer Republik bis in den Nationalsozialismus.
Die Lebensspannen der drei Frauen fielen in eine Ära, in der die Vormachtstellung der kleinen adligen Elite durch die aufkommende bürgerliche Gesellschaft nach und nach immer stärker in die Defensive geriet. Ihr Referenzrahmen blieb gleichwohl stets das hergebrachte Gesellschaftsmodell. Ausschlaggebend hierfür war der bekannte Umstand, dass in den Räumen, in denen sie sich bewegten – wie dem Herrenhaus auf dem Gut, dem Salon in der Stadt, dem Ballsaal, auf Logenplätzen in Oper und Theater – schichtübergreifende Begegnungen seltener waren als bei männlichen Familienmitgliedern, die in Schule und Universität, Büros und Unternehmen in die Moderne eintauchten. Zu den Frauen, die deshalb mit höherer Wahrscheinlichkeit Hergebrachtes reproduzierten und zu dessen Fortbestand über Epochenwenden hinweg beitrugen, gehörten Johanna, Marie und Marguerite von Bismarck.
Dass es nicht nur ihr Ressort war, in einer Welt im Wandel für Kontinuität zu sorgen, sondern auch, in welch vielfältigen Formen sie diesen Auftrag umsetzten, gehört zu den neuen Befunden der Studie. Desgleichen, dass sie dabei der Korrosion des sie privilegierenden Gewölbes der Tradition aus voller eigener Überzeugung trotzten: Keine der drei Frauen stellte ihre elitäre Position, ökonomisch, gesellschaftlich und politisch, je in Frage, im Gegenteil legten sie ausnahmslos Wert darauf, sie zu unterstreichen. Dabei bisweilen kompromissloser aufzutreten, als ihr Ehemann, Vater oder Schwiegervater realpolitisch handelte, gehörte zur Rollenverteilung. Die Lebenswelt, die die Frauen aufrechterhielten, war die Basis, in der auch er verankert war und zugleich der Antrieb für den flexiblen Strategen und Taktiker, sich überhaupt erst auf das Feld der Politik zu begeben.





