Unter den Kritikern des Erwerbs der preußischen Königskrone waren gerade die engsten Familienangehörigen des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III.: Neben Friedrich dem Großen gehörten dazu vor allem des Kurfürsten zweite Gemahlin Sophie Charlotte und ihr Sohn, der jugendliche Thronfolger Friedrich Wilhelm, der spätere „Soldatenkönig“. Während der aufgeklärte Enkel dem Großvater Eitelkeit statt Größe und einen übertriebenen Hang für das höfische Zeremoniell vorwarf und die stolze Welfenprinzessin allein das Interesse ihrer Dynastie bedachte und als fürstliche Intellektuelle den „höfischen Absolutismus“ ihres Gatten eher verachtete, opponierte der Kurprinz gegen die möglichen außenpolitischen Folgen und die enormen Kosten einer derartigen Standeserhöhung, aber auch ganz generell gegen den barocken Herrscherkult seines Vaters.
Die Biographie Friedrich Wilhelms, speziell seine Jugendgeschichte, liefert den Schlüssel zu seiner vielumstrittenen, extrem unterschiedlich beurteilten und sehr komplexen Persönlichkeit, die scheinbar gänzlich widersprüchliche Eigenschaften und Charakterzüge in sich vereinte, so daß ihn die Geschichtsschreibung bald als despotischen Autokraten, Nurmilitär und Fiskalisten („Plusmacher“), bald als verant- wortungsbewußten, religiös motivierten Reformer und Landesvater charakterisieren konnte. Jedenfalls aber erkannte sie in Friedrich Wilhelm einen bedeutenden „Strukturbegründer“, der im „Zeitalter des monarchischen Absolutismus“ den brandenburg-preußischen Staat radikal verändert hat, ihn im Inneren eigentlich erst zu dem geformt hat, was die Nachwelt im Positiven wie im Negativen unter „preußischen Traditionen“ verstand. Insofern gewinnt der Regierungswechsel von 1713 eine Bedeutung, die über einen bloßen Herrscherwechsel weit hinausreicht. Er beschreibt eine einschneidende Zäsur, eine „Revolution von oben“ im Regierungs- und Herrschaftssystem, deren Tragweite und Tiefenwirkung kaum überschätzt werden kann.
Peter Baumgart





