Das Gebiet rund um Wadi Sikait und das parallel verlaufende Wadi Nugrus war bis in die Spätantike als “Mons Smaragdus” bekannt – als “Smaragdberge”. Denn in diesem ostägyptischen Wüstenstreifen, rund 45 Kilometer von der Küste des Roten Meeres entfernt, gab es reiche Vorkommen des Minerals Beryll, aus dessen grünlich gefärbter Variante der Smaragd gewonnen wird. Schon in den historischen Schriften antiker Autoren wie Plinius dem Älteren, Claudius Ptolemäus oder Olympiodorus wird über die Smaragdgewinnung in dieser Region berichtet.
Tempel, Lagerhaus und eine ausgedehnte Bergbausiedlung
Aus archäologischen Funden im Gebiet des “Mons Smaragdus” geht hervor, dass dort schon seit dem ersten Jahrhundert Bergbau betrieben wurde und dass die Smaragdförderung bis ins sechste Jahrhundert anhielt. “Die intensivste Bergbautätigkeit fand in der römischen und frühen byzantinischen Periode statt, als ein ausgedehntes Netzwerk von Bergbausiedlungen in der Region existierte”, berichten Joan Oller Guzmán von der Autonomen Universität Barcelona und seine Kollegen. “Die bemerkenswerteste dieser Siedlungen lag im Wadi Sikait und erstreckte sich 560 Meter in Nord-Süd- und 270 Meter in Ost-West-Richtung.” Diese antike Bergbausiedlung umfasste rund 150 bis 200 Gebäude.
Seit dem Jahr 2018 führt ein internationales Team von Archäologen unter Leitung von Guzmán im Wadi Sikait Ausgrabungen durch. Bereits in der ersten Grabungssaison legten sie dabei Teile eines großen Tempels, eines Wohngebäudes und eines Lagerhauses frei. Im Tempel fanden sich neben rituellen Figuren und Gefäßen auch Amulette, Knochen und andere Spuren religiöser Aktivitäten. Jetzt hat das Team auch die Ergebnisse der zweiten und dritten Grabungssaison 2020 und 2021 veröffentlicht. Die Arbeiten begannen mit einer detaillierten Analyse des Gebiets, durch die bis zu elf Bergbaustätten in und um Wadi Sikait identifiziert werden konnten.
Inschriften verraten Bergbaumethoden
Erstmals wurden zudem zwei der wichtigsten Minen kartiert. Eine davon umfasste hunderte Gänge und reichte bis in eine Tiefe von rund 40 Metern hinab, wie die Archäologen berichten. Noch spannender aber waren die Hinweise auf Abbaumethoden und Logistik des antiken Bergbaus, die Guzmán und seine Kollegen in den Minen entdeckten. Sie enthüllen, dass die Smaragdgewinnung in großem Stil erst begann, nachdem die ertragreichsten Mineraladern identifiziert worden waren. Dann wurde die Mine ausgebaut und oberirdisch errichtete man Verarbeitungs-Areale für das geförderte Gesteinsmaterial, Rampen, Wege und Lagerhäuser.
Als einen der bemerkenswertesten Funde beschreiben die Archäologen eine Reihe antiker Inschriften, anhand derer sie rekonstruieren konnten, wer dort arbeitete und wie die einzelnen Arbeitsschritte ausgeführt wurden. Erwähnt wird darin auch die Präsenz einer römischen Legion. Das sei der erste Beleg dafür, dass die römische Armee direkt an der Ausbeutung der ägyptischen Smaragdminen beteiligt war. “Nicht nur, um sie zu verteidigen, sondern wahrscheinlich auch, um bei ihrem Ausbau zu helfen”, erklärt Guzman.





